Kinder,
wollt ihr, dass ich euch eine traurige aber wahre Geschichte erzähle? Dann setzt euch schön brav hin und hört gut zu.
Es war einmal ein sehr einsamer, trauriger, sehr sehr..äh athletischer Mann. Ein mancher würde sagen dünn. Aber das klingt sehr abfällig bei einem Mann. Bei einer Frau sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Jedenfalls war dieser Mann einmal fröhlich und unbeschwert gewesen. Dann überfiel ihn nach und nach ein langer schwarzer Schatten und er verkroch sich unter diesem dunklen Mantel.
Dieser Mantel kleidete ihn von nun an, umschlang ihn gänzlich und-nein, er kann den Mantel nicht einfach wieder ablegen und alles ist wieder gut. Was für ein einfältiger Gedanke! Kann ich jetzt weitermachen? Gut.
Der Mann wollte einfach nur für das, was er darstellte und war, gemocht werden, aber niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Weil, er war einfach zu äh..athletisch. Dann soll er weniger Sport machen? Das ist mit athletisch nicht gemeint, es geht mehr um die Statur, also er ist einfach zu dünn..ach das versteht ihr nicht. Anders. Der Mann hatte keine Ausstrahlung. Ihr wisst doch was das ist, Ausstrahlung? Das ist wenn Mami zu Papi sagt, dass sie ihn ganz dolle vermisst und-genau! Jetzt habt ihr’s. Die Schlausten seid ihr nicht, oder? Egal.
Der Mann war so verzweifelt, dass er anfing viele komische Dinge zu schreiben und zu sagen, er wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihn niemand gut findet. Er konnte es nicht begreifen und wollte jemand anders sein. Was? Er soll damit klarkommen, wer er ist und trotzdem fröhlich sein, weil das Leben doch eigentlich schön ist? Wer hat das gerade gesagt? Wie heißt du? Philipp? Also gut Philipp, du stellst dich jetzt da hinten in diese Ecke und bleibst da so lange, bis du dich wieder setzen darfst. Keine Widerrede. Ab! Noch jemand mit einer oberschlauen Bemerkung? Dann weiter.
Er musste Antworten auf seine vielen Fragen haben. Also ging er zu einer sehr alten, weisen Frau aus dem Dorf. Nennen wir sie Frau Doktor Haferfromm. Nein, das ist kein komischer Name. Hört auf zu lachen. Sie setzte also einen großen Kessel auf eine Feuerstelle, gab viele geheimnisvolle Zutaten hinein und rührte gut um. Dann gab sie dem Mann einen Becher voll und bat ihn davon zu trinken-er sollte lieber seinen Kopf mal untersuchen lassen, wenn er schon bei einem Doktor ist? Das geht nicht, weil sie kein Arzt in dem Sinne ist-nein, Doktor ist nicht gleich Doktor-wenn euch die Geschichte nicht gefällt, dann höre ich gerne jederzeit auf. Nein, natürlich geht es in der Geschichte nicht um mich. Wie kommt ihr denn darauf? Der Mann bin doch nicht ich! Das ist doch absurd! Weil ich auch dünn bin? Du bist selber dünn. Und hässlich. So. Jetzt heul mich bitte nicht voll, ja? Komm damit klar, dass das Leben ungerecht und hart ist. Du bist noch ein Kind, das verstehst du nicht. Weil es so ist, klar? Ich bin nicht gemein. Geh zu Philipp und zähl von 100 rückwärts. Das sagst du deinen Eltern? Meinetwegen. Aber erst gehst du in die Ecke.
Der Mann trank also schnell aus und war glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende. So. Und wenn er nicht gestorben ist-doch, das ist wohl ein richtiges Ende. So geht die Geschichte aus. Das ist gar keine richtige Geschichte? Ist sie wohl. Was mit dem Mann passiert ist? Hab ich doch gesagt. Er war glücklich und-warum er auf einmal glücklich war? Meine Güte, warumwarumwarum. Wie halten das eure Eltern nur aus! Irgendwas war halt in diesem Getränk, dass ihn verändert hat. Ein Placebo? Woher weißt du denn, was ein Placebo ist? Ich will dir mal was sagen-
Herr Marzi! Herr Marzi! Hallo! Können Sie mich hören? Hallo! Ganz ruhig Herr Marzi! Hier ist niemand. Ich bin es nur. Schwester Frederike. Alles ist in Ordnung. Hier sitzen keine Kinder. Sie sind in ihrem Zimmer und schauen zum Fenster raus. Draußen ist ein wunderschöner Tag. Ziehen Sie sich was an und gehen Sie hinaus in den Garten. Aber jetzt ist es erst mal Zeit für Ihre Medikamente.