Das Gewisse Etwas

Mombasa Flughafen. Von hier aus geht es mit dem Auto weiter Richtung der Makajas, riesige, teilweise noch unberührte Waldgebiete im Hinterland Kenias.

Ich bin auf der Suche. Nach dem Gewissen Etwas. Jenem geheimnisumwitterten Geschöpf, das angeblich dort sein Lebensreservat hat. Man sagt, wer das Gewisse Etwas besitzt, verfügt über uneingeschränkte Macht, Reichtum, Ausstrahlung und unglaubliche Anziehungskraft. In einer Art Ritual jagt und erlegt man dieses Wesen, dabei geht der spirituelle Geist der Kreatur in einen selbst über und fortan kann man über dessen Fähigkeiten frei verfügen. So weit so gut.

Ohne einen Führer, der sich vor Ort gut genug auskennt, ist das allerdings ein fast unmögliches Unterfangen. Meiner ist ein großer, stämmiger Riese mit einem kräftigen Handschlag und einem von der Sonne gegerbten Gesicht. Sein Name sei John, sagt er zu mir und entblößt dabei seine strahlend weißen Zähne mit einem Lächeln, das Eisberge schmelzen lassen könnte. Er wirkt so selbstsicher und souverän, dass ich mich frage, ob…“Sagen Sie John, besitzen Sie auch dieses Gewisse Etwas? „Oh ja, natürlich“ sagt er selbstverständlich und wie um einen Beweis hierfür anzutreten, lächelt ihn eine aufreizende Stewardess, die gerade zufällig mit ihrem Rollkoffer an uns vorbeigeht, von der Seite an und ihr Blick sagt dabei soviel wie: „Nimm mich bitte mit auf eine sehr persönliche Safari, John!“

Verdammt, dieses Ding muss ich auch unbedingt haben. Ich werde langsam ungeduldig. „Können wir los, John?“

Die Fahrt ist recht holperig auf der zunehmend schlechter werdenden Straße, bis sie schließlich in einem breiten, unbepflasterten, sandigen Streifen mündet, der irgendwann in einem unbefahrbaren Trampelpfad endet. Von hier aus geht es nur zu Fuß weiter. „Wie sieht es denn eigentlich aus, dieses Vieh?“ frage ich jetzt meinen breitschultrigen Führer. „Oh, Sie werden es schon erkennen, wenn Sie es sehen! Was haben Sie denn für ein Gewehr dabei?“ Nun muss man wissen, dass ich Waffen verabscheue, ich lehne jede Form von Gewalt grundsätzlich ab, aber wir reden hier von einem Ding, dass Berge versetzen, Träume wahr werden lassen kann und vorher unerreichbare Früchte wie selbstverständlich von den Bäumen der Ekstase fallen lässt. „Eine halbautomatische Browning BAR Modell Safari, Kaliber .300 Winchester Magnum und einem Zielfernrohraufsatz mit bis zu 24-facher Vergrößerung!“ entgegne ich lapidar und zucke dabei, überrascht über mich selbst, zusammen.

„Wir sind da!“, sagt John zwei Stunden beschwerlichen Fußmarsches später zu mir und weist dabei in Richtung einer von unzähligen Bäumen umgebenen Lichtung.“Und jetzt?“ frage ich mehr mich selbst, aber John ist schnell und geschmeidig wie eine Raubkatze, geht in eine geduckte Haltung über und gibt mir stumm zu verstehen, es ihm gleich zu tun. „Wir warten und hoffen!“ lautet dann auch nur seine einsilbige Antwort.

Dann erscheint es. „Oh mein Gott“ entfährt es mir nur, überwältigt von dem Anblick solch reiner, purer Schönheit und anmutiger Grazie. „Nicht wahr?“ flüstert John und starrt ebenso fasziniert auf dieses wie von einer anderen Welt stammende Wesen. „Was muss ich jetzt tun?“ „Anlegen und schießen, das ist schon alles. Aber du musst es im Herzen treffen. Genau dort, wo der braune Fleck auf seiner Brust sitzt, siehst du ihn?“ Ja, ich kann ihn sehen. Er ist praktisch unübersehbar. Als wäre es eine Zielscheibe, wie dafür gemacht, eine Kugel ins Zentrum dieser Markierung zu schicken und sich den großen Preis, die Goldmedaille abzuholen. Ich lege an, drücke den schweren Kolben an meine Schulter, richte das Visier aus und schaue hindurch. Die Kreatur hebt und senkt ihren Kopf ein wenig, schaut in meine Richtung und es scheint, als sähe es mir direkt in die Augen. Ich halte den Finger am Abzug und drücke ein wenig durch.

Endlich bist du am Ziel. Du musst nur noch abdrücken. Du wirst das Gewisse Etwas besitzen. Das, was sich so viele herbeisehnen. Das, wofür viele töten würden. So wie ich gerade im Begriff bin, etwas Wunderschönes, Einzigartiges zu zerstören. Und wofür? Für Anerkennung? Für Bewunderung? Für die Befriedigung unstillbarer Bedürfnisse? Nein. Das bin ich nicht. Das kann ich nicht. Entweder man hat es. Oder man hat es nicht. Dann habe ich es eben nicht. Ich verfüge über so viele, mir zugedachte Fähigkeiten. Dinge, die nur ich kann. Dinge, die ich mir nicht erkaufen, erschleichen oder erst erschießen musste, um sie zu besitzen. Auch wenn das nicht viel ist, so gehört es doch zu mir. Und wenn andere das nicht erkennen können, dann tut es mir für diese Menschen ein wenig leid. Denn sie verpassen…mich. So wie ich bin. Mit all meinen Unzulänglichkeiten, aber auch Möglichkeiten. 

Langsam setze ich das Gewehr ab, lege es vorsichtig ins hohe Steppengras, drehe mich wortlos um und gehe den Pfad zurück, den ich gekommen bin.

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