Vor dem Haus steht ein Umzugswagen, ich kann ihn vom Balkon aus sehen. Meine Nachbarin aus der Wohnung nebenan zieht aus. Sie hat nicht sehr lange hier gewohnt. Es waren nur 10 Monate, länger hat sie es hier nicht ausgehalten.
Der Grund dafür bin ich. Ich habe wohl zu viel Lärm veranstaltet. Ganz am Anfang kam aus meiner Wohnung nichts anderes als laute, aber schöne Musik. Die fand sie auch ganz gut und sie hatte Verständnis dafür, dass man manche Musik gerne etwas lauter hört. Dann habe ich angefangen zu renovieren. Eigentlich war das gar nicht unbedingt notwendig, ich konnte aber diese Wände, die Bilder und Farben, so wie sie waren nicht mehr sehen und ertragen. Ich musste etwas tun. Also begann ich, tragende Wände einzureißen, teilweise woanders neu aufzubauen, mit anderen Farben anzustreichen und Bilder ab-, an- und umzuhängen. Ich wollte einfach alles komplett umgestalten, war aber nie wirklich zufrieden. Ich habe dabei eine Menge Krach gemacht, zu den unmöglichsten Zeiten. Bis meine Nachbarin immer öfter vor meiner Tür stand und um Ruhe gebeten hat.
Das habe ich aber komplett ignoriert. Meine Wohnung ist eine einzige Baustelle. Nichts wurde auch nur halbfertig oder hat mir wirklich gefallen. Ich habe geklopft, gehämmert, gesägt und geschliffen. Überall liegt Staub und Dreck, Farbkleckse zieren Möbel und Boden, zerbrochenes Glas von kaputten Bilderrahmen liegt achtlos herum, Abdeckplanen, leere Eimer und Werkzeug verhindern ein Durchkommen in angrenzende Zimmer.
In der Nachbarwohnung wurde es hingegen immer stiller. Ich konnte nie wissen, ob sie da war oder ausgegangen. Wahrscheinlich war sie die meiste Zeit weg. Verständlich. Letztens hatte ich einen Brief von ihr im Briefkasten. In dem stand, sie könne den Lärm nicht mehr länger ertragen. Sie würde ausziehen. Ich habe sie vertrieben, wenn man so will. Da habe ich erst verstanden, wie das sein muss, keine Ruhe mehr zu haben. Man wohnt nebeneinander und jeder führt sein eigenes Leben, dass von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt sein sollte. Jeder hat und braucht seinen Rückzugsort. Ich habe aber nur an mich gedacht.
Sie war eigentlich sehr nett, meine Nachbarin. Vielleicht hätte ich mich mal mit einem Strauß selbstgepflückter Blumen oder einer Einladung zum Essen oder so bei ihr entschuldigen sollen. Jetzt ist es dafür zu spät. Ihre Wohnung steht jetzt leer. Und meine ist ein einziges Chaos. Ich wohne hier, aber leben? Nein danke. Es gefällt mir hier einfach nicht. Nicht mehr.
Also, falls du das hier irgendwann einmal lesen solltest, liebe Ex-Nachbarin, wo auch immer du jetzt bist: Entschuldigung!