Beobachtungen bei Nacht

4:03 Uhr. Ein Typ kommt die Kapitelstraße runter. Ich erkenne ihn. Es ist die Bedienung aus dem Paulaner Wirtshaus gleich ums Eck, noch in seiner Krachledernen. Durch seine Tracht soll er dem zahlenden Ausflugstouri Tradition und bajuwarische Kompetenz zugleich suggerieren. Auf mich wirkt dass, übrigens gilt das auch für die weiblichen Bedienungen dort, immer irgendwie skurril und befremdlich. Das Bier ist allerdings lecker. Also, zurück zu Franz. Oder Xaver? Wahrscheinlich heißt er Tobi und stammt aus Lübeck. Er taumelt mehr, als das er gehen würde und wird von einer männlichen, körperlosen Stimme, die plötzlich aus einem geöffneten Fenster von gegenüber schallt, wild angepöbelt. 

„Jetzt reicht es aber mal!“ ruft die aufgeregte Stimme von oben herab. „Wir wollen unsere Ruhe haben, verdammt nochmal!“

Ich frage mich, was diesem Ausdruck unverhohlener Missstimmung wohl vorangegangen sein mag. Was es auch war, ich ziehe nicht in eine Wohnung direkt gegenüber einer Alkoholvergnügungsanstalt und wundere mich dann über einen zu hohen Geräuschpegel. Aber da kann ich nur für mich sprechen. 

„Was willst du denn? Wichser, Arschloch!“ entgegnet die bestimmt nicht aus Bayern stammende Servierkraft in einem 1a norddeutsch klingenden Agressionssprech. 

Dann geht er um die Ecke und bleibt schwankend vor der PSD Bank stehen. Ein Handydisplay flammt auf und wird ans Ohr geführt. Er hat heute auf jeden Fall mindestens eine Maß des hauseigenen Gerstensaftes zuviel verkostet. Hoffentlich nicht während seiner Schicht. Wäre aber schon lustig. 

Er wartet kurz, setzt das Telefon dann wieder ab und starrt es an, als ob es eine Art beseelter Fremdkörper wäre, mit dem man sich gut unterhalten könnte. Irgendwie stimmt das ja aber auch wieder. 

„Dasgibtesdochnichtdasgibtesdochnicht“ und „MeineJackemeineSchlüsseldasgibtesdochwohlnicht“ ruft er seinem Kommunikator für die Außenwelt zu. Immerhin fällt ihm auf, dass er keine Jacke trägt. Es sind übrigens 6 Grad draußen und ich sitze im Parka auf dem Balkon. Sein Handy sagt dazu nichts. Es bleibt stumm. Ich für meinen Teil hatte auch nichts anderes erwartet. Tobi wahrscheinlich schon. Er schaut immer noch ungläubig auf sein Telefon, als erwarte er umgehend eine zufrieden stellende Antwort. 

Dann dreht er sich um und begibt sich in den geschützten, hell erleuchteten Eingangsbereich des grün belogoten Kreditinstitutes. Telefon. Wählen. Ans Ohr. Warten. Verzweiflung. 

„Dasgibtesdochwohlallesnichtdaskanndochallesgarnichtsein“ Diesmal spricht er wohl auf die Mailbox. „IchbinesWobistdudenn?MeineJackemeineSchlüsselverdammtnochmal“ Wen er wohl angerufen hat? Sich selbst vielleicht? Kein Wunder, dass keiner rangeht. 

Wieder wird das Mobilteil vom Ohr weggeführt und dann schaut er etwas orientierungslos erst rechts und dann links die Straße runter, bevor er einen Entschluss zu fassen scheint und seinem Körper einen Ruck gibt. Sein Weg führt ihn zurück zu seiner Beschäftigungsstelle, einem gemütlichen und zünftigen Biergarten, der übrigens nachts durch eine abgeschlossene Pforte gesichert wird. 

Hoffentlich hat er hierfür einen Schlüssel. 

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