Therapietagebuch 01 – Anamnese 

19.10.16

Liebes Tagebuch,

ich werde von Frau W. freundlich begrüßt und grüße mindestens ebenso freundlich zurück. Dabei bleibt meine vor Aufregung verschwitzte Hand mit einem schmatzenden Geräusch an der ihren kleben und wir kommen nicht mehr voneinander los. Peinlichpeinlich. Ok. Gelogen. Aber aufgeregt bin ich schon. Dann führt sie mich in ein schönes, freundlich wirkendes Altbauzimmer und bittet mich Platz zu nehmen. Jetzt sitzen wir uns gegenüber und ich bin sozusagen angekommen. An dem Punkt, an dem ich schon so lange hätte sein können. Und vielleicht wäre dann noch etwas zu retten gewesen. Da mir das jetzt in diesem Augenblick bewusst wird, schleicht sich ein Ton, eine Nuance nur, von Traurigkeit in mein Bewusstsein ein. Aber ich möchte jetzt endlich reden. Also beginne ich zu reden. Als ich aufhöre, habe ich keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen verstrichen sein mag. Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Zeit, in der ich fast 11 Monate bis zum heutigen Tag reichend wieder hervorgekramt habe. Ich konnte mich an vieles so genau erinnern, als wäre es erst letzte Woche geschehen. Natürlich gibt es keine Antworten auf die vielen Fragen, die sich im Hinterhof meines Verstandes manifestiert haben. Es wird in meiner Therapie darum gehen, wieder eine Bindung, ein Verhältnis zu meinem Bewusstsein, zu mir selbst herzustellen. Denn Ihrer Ansicht nach habe ich mich irgendwo auf meinem Weg selbst verloren, meine fast ausschließlich extravertierten Gedanken, meine Bessessenheit haben eine exponierte Stellung eingenommen. Ab jetzt wird es um die Stärkung meines Ich-Bewusstseins gehen müssen. Das sind alles nur meine eigenen Worte. Ich versuche zu beschreiben, was mein Psycho mir versucht hat zu vermitteln. Frau W. ist keine Verhaltenstherapeutin, wir werden in meinem Fall versuchen, eine Imaginationstherapie anzuwenden. Wir gehen dann über Bilder, Wahrnehmungen und Assoziationen, nicht über konventionelle Denkschemata an sich. Ihrer Ansicht nach denke ich schon jetzt viel zu viel. Ich tue ja praktisch gar nichts anderes mehr. Das ganze wird dann noch durch entsprechende Hausaufgaben abgerundet, über deren (Er-) Folge in der jeweils nächsten Stunde gesprochen wird. „Und was wird jetzt aus diesem einen Tag? Und was ist mit Australien?“ frage ich. Im gleichen Augenblick weiß ich, dass es keine Antworten darauf geben kann. Nicht jetzt. Und es geht um das Jetzt. Nicht um das, was sein könnte oder sein wird. Es geht um die absolute Gegenwart. Nur über mich selbst kann ich vielleicht irgendwann Antworten finden. Und was die Zukunft in petto hat-mal schauen. Abwarten. Wer weiß. Oder auch nicht. Diesen Zustand möchte ich erreichen. 

Es war eine gute und interessante, wertungsfreie erste Stunde, in der Frau W. und ich sogar mindestens 2x zusammen lachen konnten. Und-hey!-sie hat nicht einmal mit den Augen gerollt. Haha. 

Soweit erstmal. Meine nächster Termin ist am 31.10.2016. und dann legen wir los. Ich bin gespannt und kann es gar nicht abwarten. Das ist doch schon mal eine gesunde Einstellung. 

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