Therapietagebuch 02 – Im Moment

31.10.16

Liebes Tagebuch,

wieder nehme ich in diesem bequemen Sessel Platz, entgegen meiner klischeeüberladenen Annahme, mich auch mal liegend, dem Blickwinkel geschuldet, mit der Altbaudecke unterhalten zu müssen. Allerdings sitze ich auch viel lieber. 

Ich werde nach meinem momentanen Befinden gefragt und kann nicht umhin, mich ein wenig über die vertauschten Rollen, die gerade in diesen und wahrscheinlich auch in allen kommenden Wochen vorherrschen werden, zu ärgern und auszulassen. Ich verstehe die Empörung, die Ablehnung und Gleichgültigkeit, aber letztendlich ist der jetzige Zustand nur eine Iteration dessen, was in den letzten Monaten eh schon die ganze Zeit über passiert, nur mit umgekehrten Vorzeichen und aus verschiedenen Anlässen. Hauptsächlich ärgere ich mich über mich selbst und eventuell vertane Chancen. Aus Hoffnungen und Möglichkeiten wurde nichts als Ausweglosigkeit und schmerzhafte Verzweiflung generiert, die Endlichkeit des Ganzen erscheint mir nicht rational verarbeitbar zu sein. Ich mache aber keinerlei Vorhaltungen, Vorwürfe oder Bezichtigungen, denn ich bin nicht in der Position dies zu tun. Im Gegenteil, ich müsste mich entschuldigen, um Amnestie bitten und auf einen anderen, verwirrten, dem Umstand der Besinnungslosigkeit geschuldeten Menschen A.M. verweisen, der ich war, aber im Begriff bin, nie wieder zu sein. Nie wieder sein zu wollen. 

Aber es ist wie es ist und ich muss versuchen, damit zu leben oder ich kann mich davon in den Abgrund ziehen lassen. Aber letzteres werde ich auf keinen Fall zulassen. Meine Obsession hat deutlich abgenommen und dafür der schmerzlichen Erkenntnis Platz gemacht, einer ausgemachten Gleichgültigkeit gegenüber zu stehen, die mich zwar komplett hilflos erscheinen lässt, über die ich aber nur manchmal, wenn ich in eine Art Melancholie verfalle, nachdenke und betrauere. Und so reden wir über die letzten Wochen, die drei großen „E’s“, meine Empfindungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, bis diese zweiten 60 Minuten innerhalb von gefühlten 30 Sekunden ebenfalls schon wieder förmlich durch die Sanduhr geschossen sind. 

Meine Hausaufgabe besteht nun darin, mir mit geschlossenen Augen sitzend, meiner einzelnen Körperregionen bewusst zu werden. Es ist der Versuch zu spüren, wie sich mein Körper von den Fußsohlen bis hoch zum Kopf anfühlt, welche physischen Empfindungen ich, wenn überhaupt, ausmachen kann. Kälte, Wärme, Druck, Schmerzen, Kribbeln, Taubheit oder was auch immer. Mal sehen. Ob ich überhaupt etwas spüre. 

Nächste Woche mehr. Mehr von allem. 

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