07.11.2016
Liebes Tagebuch,
ich komme fast zu spät zum Termin, nur im Laufschritt schaffe ich die verabredete Zeit einzuhalten. Hechelnd und keuchend stehe ich durchnässt und begossen wie ein Pudel vor Frau W. und beschwere mich tiradenhaft über den Verkehr, das Wetter und natürlich das Arschloch Leben, bevor ich mich setze.
Ich frage sie, wie es IHR heute geht, was sie zu einer gewissen Heiterkeit veranlasst und sie muss lachen. „Hey, das wollte ich Sie doch gerade fragen!“ sagt sie und ich klatsche mit mir selbst imaginär ab. Was bin ich doch für ein lustiger, charmanter und toller Bengel. Mit mir möchte man halt seine Zeit verbringen. Ja-gegen Geld, (um)sonst scheine ich keinerlei Eindrücke zu hinterlassen, obwohl einige das Gegenteil behaupten. Aber ich will das wohl nicht wahrhaben. Ja, was denn nun? Und überhaupt: ich finde mich gar nicht mal so schlecht, mittlerweile. Aber was da gerade vor sich geht mit mir, verstehe ich trotzdem nicht.
„Ihre Hausaufgabe ist übrigens voll in die Hose gegangen!“ werfe ich in den Raum und sie nickt verständnisvoll. Von wegen den eigenen Körper spüren, versuchen, alles auszublenden und mal nur in sich selbst hineinzuhorchen. „Ich habe an alles mögliche gedacht, aber nicht an mich oder meinen Körper!“ Ja klar, ich war ja auch viel zu sehr damit beschäftigt, über den Sinn des Lebens nachzudenken.
Ich komme nicht so richtig zum Stillstand, in mir brodelt eine unterschwellige Unruhe, dauerhaft, pegelhaltend und fortwährend aufbegehrend. Ist das die Angst vor der Ungewissheit, vor dem was die Zukunft bringen mag? Vielleicht. Andererseits fürchte ich mich wiederum vor fast gar nichts mehr. Höchstens vor Ignoranz, der Oberflächlichkeit des Seins, davor, dass die Wahrheit in Wahrheit wirklich wahr sein könnte und Spinnen. Aber das war schon immer so. Einiges bleibt halt so, wie es schon immer war.
Dann berichte ich noch von dem Tag in dieser Woche, der mal wieder keiner war, weil mir etwas entsetzlich gefehlt hat. Das hat mich ein wenig zurückgeworfen, weil ich darauf nicht vorbereitet war. Immer wieder tappe ich in diese Kindskopf-Falle. Ich spiele keine Rolle mehr im Ensemble. Ich habe mich selbst rausgekegelt und entlassen. Der Vorhang ist für mich längst gefallen. Und das werde ich mir niemals verzeihen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als diese kleine Bühne durch den unscheinbaren Seitenausgang zu verlassen und dies hoch erhobenen Hauptes zu tun, leider stoße ich mir dabei aber unentwegt den Kopf am niedrigen Türrahmen und fluche über meine Unachtsamkeit. So in etwa oder ähnlich sieht es metaphorisch gesehen aus.
Ich bekomme eine neue Aufgabe, die die leidige Erste in etwas abgewandelter Form ersetzen soll. Jeweils ein Körperteil, von dem es derer zwei gibt, einreiben, massieren, kneten, drücken oder so ähnlich und dann versuchen, den Unterschied zum „unbehandelten“ Gegenstück auszumachen und zu beschreiben. Das kann ich. Das scheint einfach zu sein. Aber auch dafür braucht man natürlich Ruhe und Zeit. Zeit habe ich ja..
Nächste Woche mehr. Mehr von allem.