Zeit spielt keine Rolle, wenn man sie hat. Erst wenn sie fehlt, wird man sich ihrer bewusst.
„Rosa? Rosa!“ rief Evelyn mahnend aus dem Fenster heraus in den Hinterhof. Rosa’s Mutter war 13 Jahre lang Kind, die folgenden 6 Jahre Teenager gewesen und jetzt schon seit ganzen 23 Jahren eine erwachsene Frau. 42, verheiratet mit Markus, lange straßenköterblonde Haare wie die Tochter und ebenso blaue Augen, die über die Zeit nichts von ihrer Strahlkraft verloren hatten.
Jetzt allerdings zogen sie sich zu zwei streng horizontal liegenden Schlitzen zusammen, die ihr Gesicht ernst und apodiktisch aussahen lassen. Ihre Tochter war nirgends auszumachen, kein kindlich protestierender Widerhall wurde von den vier hochgezogenen, im Versatz stehenden Wohnhäusern zurückgeworfen. Ein Hund begann zu bellen, es war Fred, der 6 Jahre alte Labrador von schräg gegenüber. Eigentlich kannte er Evelyns Stimme und so war es etwas ungewöhnlich ihn derart wild anschlagen zu hören. Dies tat er eigentlich nur bei Fremden, vor denen er mehr Angst hatte, als das Bedürfnis zu verspüren, seinen Besitzer mit seinem Leben zu verteidigen. „Wo war dieses verflixte Ding schon wieder?“ fragte sich Eve, wie sie von ihrem Mann meistens genannt wurde. Sie schaute auf ihre Uhr. Es war 12:24 Uhr.
Derweil balancierten zwei kleine, in rote Stoffturnschuh geschnürte Füße auf einem Treppengeländer in der Nähe des Supermarktes, der in für Eve unerreichbarer Hör- und Rufweite lag. Rosa jonglierte rudernd mit ihren Armen und kam dabei immer wieder gefährlich nah an den rutschigen Rand der metallenen Balustrade. Sie hatte diese Mutprobe schon hundertmal gemacht und (fast) immer bestanden. Nur wenn es geregnet hatte, kam bei ihr der angebrachte Respekt auf, der für diese Art der Stabilitätsbefähigung und körperlichen Koordination notwendig war. Sie tat das immer, wenn ihr langweilig war oder sie noch etwas Zeit hatte, bevor ihre Mutter sie zum Essen rief. So auch diesmal. Schließlich sprang Rosa herunter, setzte sich auf eine Treppenstufe und schaute auf ihre nagelneue Armbanduhr, die sie am vorigen Tag zu ihrem zehnten Geburtstag bekommen hatte. Die Uhr hatte ein türkisfarbenes Ziffernblatt mit Zeigern, die eine dünne Frau und einen ebenso dünnen, großen Mann darstellten. Rosa fand es immer wieder lustig, wenn die beiden Figuren begannen, sich langsam auf die große 12 zuzubewegen, um sich dann dort wie verabredet zu treffen. Auf dem schmalen Armband zeichneten sich fröhlich spielende Delphine ab, die aus einem ebenfalls grünblauen Wasser auf- und abtauchten. Denn obgleich sie ihren Namen sehr mochte, war ihr die Farbe rosa zuwider. Viel zu mädchenhaft.
Als sie das letzte Mal auf ihre Armbanduhr geschaut hatte, war es 12:24 Uhr gewesen. Das war gefühlte 10 Minuten her. Jetzt stand die kleine Frau aber immer noch zwischen der 12 und der 1, während der dünne Mann wie vorhin bereits fröhlich von der 5 winkte. Was war denn da los? War die Uhr etwa schon kaputt gegangen? Es wäre ihr doch aufgefallen, wenn sie mit ihrem Handgelenk irgendwo gegen gestoßen wäre. Auf jeden Fall stand Ärger ins Haus, das war klar. Wieviel Zeit war denn eigentlich inzwischen vergangen? Sie musste jetzt wohl oder übel erstmal nach Hause. Wahrscheinlich hatte Evelyn schon nach ihr gerufen und machte sich bereits Sorgen. Bei dem Gedanken an ihre Mutter wurde ihr plötzlich schwindelig und dann kamen sie das erste Mal. Diese Bilder. Diese verfluchten Bilder.
to be continued…