Die Wahrheit ist Realität. Realität ist eine Tatsache. Tatsache bedeutet Gewissheit. Kennt man erst die Wahrheit, gibt es kein Zurück mehr.
Rosa war äußerst irritiert und verunsichert. Sie saß kauernd, mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett, wiegte sich hin und her und ließ den Tag immer und immer wieder von neuem Revue passieren. Das konnte doch nicht sein. Es musste sich um einen dieser seltenen Zufälle handeln, von denen man liest oder über die im Fernsehen berichtet wird. Am Nachmittag hatten sie beide das grüne Auto abgeholt und Rosa erkannte es sofort wieder. Es war das Auto aus ihrem Traum. Es WAR das Auto, ganz unverkennbar.
Sie hatte Angst. So große Angst vor der Wahrheit oder vor dem, was die Wahrheit sein könnte. Etwas in Rosa hatte begonnen sich zu regen und sie zu verändern. Als wäre ein Ruck durch ihren Körper gegangen, als hätten sich Zahnräder in Gang gesetzt, die schon lange da waren, brach gelegen und nur auf ihren Einsatz gewartet hatten. Ein Perpetuum mobile, durch eigene, selbst erzeugte Energie angetrieben, sich immer weiter drehend und drehend ohne jemals enden zu wollen oder inne zu halten. Rosa hatte erstmals eine unbekannte, dunklere Seite an sich selbst kennengelernt. Düstere Gedanken, durchzogen von Schwermut und einer Traurigkeit, die ihr vorher nicht bekannt gewesen waren. Sie fühlte sich allein und einsam, von ihrem eigentlichen ich abgetrennt und entfremdet. Etwas hatte Besitz von Rosa ergriffen, der parasitäre Übergriff auf ihre Seele hatte begonnen.
Was sollte sie jetzt tun? Abwarten und ihre Mutter daran hindern, jemals wieder in dieses verdammte Auto einzusteigen? Das war total verrückt, was sollte schon passieren? Niemand konnte in die Zukunft schauen. Das hatte man ihr schon sehr früh beigebracht. Es gab ja auch keinen Weihnachtsmann oder Osterhasen. Rosa entschied sich dafür, zu vergessen oder zumindest zu verdrängen.
Aufstehen. Zur Schule gehen. Nach Hause kommen. Essen. Schlafen. Aufstehen. Zur Schule gehen. Nach Hause kommen. Essen. Schlafen. Jeder Tag war für Rosa nur eine Wiederholung des vorangegangenen, das Einzige, das sich sichtbar veränderte, waren das Gras, die Blumen und die Bäume, die immer sattere Farben annahmen und Zeugnis ablegten über die warme Jahreszeit, die ihren Einzug gehalten hatte und nun im Begriff war ihren Zenit zu überschreiten.
Und dann, an einem Tag im Juli, einem wolkenfreien, schönen Tag, wie viele andere zuvor, stieg Eve in ihr grünes Auto und fuhr davon, um sich mit ihrer Schwester in der großen Stadt zu treffen. Dort kam sie allerdings nie an und sie kehrte auch nicht wieder nach Hause zurück.
Das war der Tag, an dem Rosa’s unbeschwerte Kindheit zu Grabe getragen wurde.
Und es war der Tag, an dem ich Rosa das erste Mal getroffen habe. Weil es mein Job ist, den ich manchmal verfluche. Ich wünschte, ich hätte dieses Kind niemals kennenlernen müssen. Denn ich habe schon damals erkannt, dass ich ihr nicht würde helfen können.
Und sie wusste es auch.
to be continued…