Rosa (Teil fünf)

Wir befassen uns eher nicht mit dem Tod. Bis er über uns hereinbricht. Entweder tut er dies schleichend, mit einer immensen, brachialen Kraft und Ausdauer oder er kommt aprupt und völlig unerwartet. Er schert sich weder um Konventionen, Religion, soziale Schichten oder das Alter eines Menschen. Man nennt ihn daher auch den demokratischen Tod.

Mein Name ist Paul und ich bin Kinderpsychologe. Ich gehöre zur psychologischen Abteilung des Krankenhauses, in dem ich Rosa das erste Mal traf. Erst am Morgen dieses Tages hatte Rosa ihre Mutter bei einem schrecklichen Autounfall verloren und einen furchtbaren Schock erlitten. Nach der körperlichen und apparativen Untersuchung sollte ich ein erstes Gespräch mit ihr führen. Ich wollte versuchen, mich ihr vorsichtig und behutsam zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen. Was mir nicht sonderlich gut gelang. Rosa saß auf dem Krankenbett, das im Untersuchungszimmer in einer Ecke stand. Ihr glasiger Blick ging an mir vorbei und fixierte irgendeinen Punkt an der Wand gegenüber.

„Hallo. Ich bin Paul. Du bist Rosa, nicht wahr? Rosa, ich bin auch so etwas wie ein Arzt. Nur bin ich sozusagen für deine seelische und geistige Gesundheit zuständig. Ich bin hier, weil ich dir helfen möchte. Ich habe mit deinem Vater gesprochen und er findet, dass wir in den nächsten Tagen einmal miteinander reden sollten. Über das, was heute passiert ist. Ist das okay?“

„-“

„Wie geht es dir jetzt? Geht es dir etwas besser?“

„-„

„Weißt du, warum du hier bist, Rosa?“

„-„

„Weißt du, was heute morgen passiert ist?“

„-„

„Woran kannst du dich denn noch erinnern?“

„-„

„Sieh mal, es ist völlig okay wenn-“

„-an den Bus. Das grüne Auto. An alles.“

„Der Bus? Welcher Bus?“

„-„

„In Ordnung Rosa. Ich verstehe. Wir müssen jetzt nicht darüber sprechen.“

„Sie verstehen nichts. Rein gar nichts.“

Diese Antwort verblüffte mich. Noch nie hatte ich ein zwölfjähriges Kind so einen Satz sagen hören.

„Na schön. Du hast recht. Ich kann es ja auch nur versuchen. Aber ich WÜRDE es gerne versuchen. Meinst du, du kannst mir dabei helfen?“

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Weil Sie mir nicht helfen können.“

Wieder so ein Satz. Was war das nur für ein Kind?

„Das kannst du nicht wissen, Rosa.“

„Ich bin schuld. Es ist alles meine Schuld.“

„Was ist deine Schuld?“

„Sie können mir nicht helfen! Ich will jetzt gehen!“

Es hatte keinen Zweck. Es war noch zu früh für ein Gespräch mit einem völlig Fremden, der ihr dauernd diese bohrenden Fragen stellte.

„Du kannst jederzeit aufstehen und gehen, wenn der Arzt es erlaubt. Du solltest dich aber noch ausruhen.“

„Ich will nach Hause!“

„Natürlich. Ich würde mich aber freuen, dich wieder zu sehen Rosa. Und beim nächsten Mal kannst du mich ruhig Paul nennen, okay?“

Markus nahm seine Tochter in den Arm und nach einem kurzen Gespräch mit dem behandelnden Arzt gingen sie zusammen nach Hause. Dort angekommen, aßen sie still und schweigsam eine Kleinigkeit und dann brachte er Rosa ins Bett, deckte sie zu und küsste sie auf die Stirn. Markus fragte Rosa nicht nach dem Bus und woher sie davon wusste. Er hatte sich natürlich darüber gewundert, aber er wollte an diesem Abend nicht mehr darauf eingehen. Jetzt war es nur noch wichtig, dass sie zur Ruhe kam. Dass sie beide etwas Ruhe fanden. Und als er schließlich alleine ins Wohnzimmer zurückkehrte, brach Markus zusammen. Erst jetzt besann er sich auf das, was passiert war. Seine Physis und seine Psyche wollten endlich mit dem Trauern und dem Leiden beginnen, den Verarbeitungsprozess in Gang bringen. Der Schmerz stand schon den ganzen Tag auf der Schwelle und hatte nur auf seinen Einsatz gewartet.

Rosa schlief nicht. Nein. Sie war nicht erschöpft oder gar müde. Sie weinte auch nicht. Sie war hellwach. So wach, wie noch nie. Ihre Mutter war tot. Tot. Tot. Tot. Was bedeutete das? Eve war von einem auf den anderen Moment verschwunden. Es hatte keinen Abschied gegeben, keine letzten Worte, nichts. Sie würde Rosa nie wieder zum Essen rufen. Sie würde nie wieder ihr Haar hinter ihre Ohren streichen. Sie würde Rosa nie wieder umarmen und küssen, kitzeln, streicheln und trösten. Niemals wieder. Endgültigkeit ist eine unbegreifliche, unfassbare Maßeinheit für einen Zustand, der sich nicht ändern lässt. Erst recht für ein Kind, das seiner Basis beraubt wurde. Egal was man versucht, egal wie sehr man sich anstrengt, egal wieviel Geld oder Macht man besitzt, der Zustand bleibt unverrückbar bestehen. Für immer. Wenn man versucht, über die Unendlichkeit dieses Seins nachzudenken, es zu erklären, dann muss man zwangsläufig scheitern. Weil man nicht begreifen kann, was das bedeutet. Es ist nicht erklärbar. Und wir suchen in unserer Verzweiflung meistens nach Erklärungen, nach dem Warum. Auch Rosa tat das. Aber vor allen Dingen stellte sie sich die Frage, ob sie ihre Mutter hätte retten können. Hierauf gab es eine Antwort. Und die lautete für Rosa: ja. Jajajaja und nochmals ja. Denn sie hatte gesehen, was passieren würde. Es war ihr gezeigt worden. In aller Deutlichkeit. Sie hätte es erkennen und etwas tun müssen. Davon war sie jetzt überzeugt.

Wir alle müssen oder sollten uns die Zeit zum Trauern nehmen, um über einen schmerzhaften Verlust hinweg zu kommen oder ihn zumindest etwas besser verarbeiten zu können.

Aber das Schicksal schrie Rosa’s Namen.

to be continued…

 

 

 

 

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