Rosa (Teil sechs)

Was ist Realität, was ist Traum? Träume sind Realität und umgekehrt existiert Reales in Träumen. Gibt es Träume, die real werden? Manchmal schon.

Drei Tage später saß mir ein ernstes, irgendwie erwachsen wirkendes Kind gegenüber und ich fragte mich, was mir diesen Eindruck vermittelte. Es war nicht nur ihr Blick. Es waren ihre Gesten, wie sie auf dem Stuhl saß, ihre ganze Körperhaltung. Und vor allen Dingen die Antworten, die sie mir vor drei Tagen gegeben hatte. Das hatte mich neugierig gemacht und gleichermaßen fasziniert.

„Guten Morgen Rosa. Wie geht es dir heute?“

„Warum fragen Sie mich nicht, wie es mir gestern ging?“

Wieder eine sehr untypische Antwort.

„Weil nur das zählt, was heute ist. Und bitte nenn mich doch Paul.“

„Paul – nein, ich möchte lieber beim SIE bleiben.“

„Wie du meinst. Wie hast du geschlafen in den letzten Tagen?“

„Ich habe nicht geschlafen.“

„Du musst doch wenigstens etwas geschlafen haben?“

„Sie wollen mir doch helfen. Wie denn?“

„Ich möchte wissen, wie du dich jetzt gerade fühlst. Was du empfindest. Das Betrauern eines Menschen ist ein wichtiger Prozess, ein entscheidender Vorgang in der Bewältigung eines Verlustes. Weißt du, was ich damit meine?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Du hast gesagt, du bist schuld an dem Tod deiner Mutter. Was hast du damit gemeint?“

„Ich hätte es verhindern können. So war es gemeint.“

„Wie hättest du es denn verhindern können?“

„Das sag ich lieber nicht. Sie würden es nicht glauben!“

„Wie kommst du darauf?“

„Sie werden sagen, ich bilde mir das nur ein. Aber es ist die Wahrheit.“

„Ich würde die Wahrheit gerne von dir hören. So unglaublich sie auch klingen mag!“

„Wie Sie wollen…ich habe gesehen…was passiert ist. Oder vielmehr was mit meiner Mutter passieren würde.“

„Wie meinst du das? Hast du davon geträumt?“

„Ja, so ähnlich. Vor Wochen schon.“

„Es gibt solche Träume. Man verarbeitet damit Verlustängste und-“

„Ich habe genau gesehen, was passiert. Ich habe die Autobahn, das Auto meiner Mutter und auch den Bus gesehen!“

„Es passieren viele Autounfälle, das fällt dem Gehirn wohl sozusagen als erstes ein.“

„Ach ja? Es war das grüne Auto meiner Mutter, BEVOR sie es überhaupt hatte!“

„…wirklich? Hmm…das ist allerdings merkwürdig.“

„Ihr bescheuertes Hmm können Sie sich sparen, Sie glauben mir nicht, ich kann es in Ihren Augen sehen!“

„Würdest du denn bei so einer Sache lügen?“

„Nein. Natürlich nicht!“

„Also muss ich dir wohl glauben. Aber weißt du, in unseren Köpfen gehen manchmal die verrücktesten Sachen vor. Das ist das wunderbare aber auch das schreckliche daran.“

„Wie Sie meinen. Und der Bus?“

„Was ist damit?“

„Wieso träume ich von einem Bus? Er war silber und auf der Seite stand glaube ich Scheren Reisen in blauer Schrift. Ich konnte es genau sehen!“

„Nun, das kann ich mir auch nicht erklären. Vielleicht hast du so einen Bus kurz davor mal gesehen.“

„Das kann sein.“

„Ja. Alles ist erklärbar. Oder du hast von irgendjemandem im Nachhinein davon erfahren und vermischt das jetzt mit dem, was passiert ist.“

„Wahrscheinlich. Ja. So wird es wohl sein.“

„Sehen wir uns nächste Woche wieder, Rosa?“

„Wenn Sie meinen. In Ordnung.“

Nachdem Rosa meine Praxis verlassen hatte und mit ihrem Vater nach Hause gegangen war, kam eine komische, innere Unruhe in mir auf. Irgendetwas, dass Rosa mir erzählt hatte, war merkwürdig. Der Bus. Sie hätte niemals davon wissen können. Aber offensichtlich hatte ihr Verstand eine 1a Trefferquote. Dennoch. Ich rief bei der zuständigen Polizeidienststelle an und ließ mich mit dem für den Fall verantwortlichen Beamten verbinden. Ich fragte ihn, um was für einen Reisebus es sich gehandelt habe.

„Ein silberner Bus der Firma Scherer Reisen aus Gemünden. Wieso?“

Ich legte auf. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, das meine Hand immer noch auf dem Hörer ruhte und dabei leicht zitterte.

to be continued…




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