Therapietagebuch 04 – Reductio ad absurdum

21.11.2016

„Wie wäre es denn, wenn sie einen Tag in der Woche dem Büro fern blieben?“

So etwas Absurdes habe ich ja schon lange nicht mehr gehört! Was soll denn das für ein Vorschlag meiner bis dato hoch geschätzten Therapeutin sein? Fern bleiben? Dem Büro? Um etwas zu umschiffen, eine Klippe, ein Riff oder was? Ich bin doch schon längst auf Grund gelaufen. Ich sitze auf einem Floß aus Wrackteilen und treibe orientierungslos und manövrierunfähig auf dem offenen Meer. Ein Spielball der Gezeiten und des Windes. Naja, ein kleines Paddel habe ich immerhin. 

Heute geht es um das Verhältnis zu meinen Eltern, meiner Familie und wie ich aufgewachsen bin. Aber eigentlich möchte ich darüber im Moment oder auch in Zukunft gar nicht mehr schreiben. Ich glaube, ich habe erneut einen Punkt erreicht, von dem aus ich aufgrund der Schatten, der Dunkelheit und Finsternis gar nichts anderes mehr als vollkommene Schwärze erblicken kann. Ich erkenne mich nicht, ich finde keinen Zugang zu mir. Ich hasse mich abgrundtief. Wahrscheinlich bleibt das jetzt so. Vielleicht will ich es nicht anders. Diese Therapie bringt nichts. Alles ist so vorher bestimmt und dagegen kann man letztendlich nicht vorgehen. Schmiede einen Plan: scheitere. Versuche positiv zu denken: scheitere. Glaube daran, das sich alles zum Guten wendet und scheitere. Gehe auf die Menschen zu und scheitere. Lehne dich gegen den Determinismus auf, erhebe deine Stimme, recke deinen Kopf in die Höhe und: genau.

Es bleibt nichts übrig. Ich verkleinere mich. Ich zersetze mich, ich verdaue mich selbst von innen nach außen. Warum das alles geschieht? Es gibt keinen Grund. Es scheint ein Schicksal oder ein Bewusstsein, den Kosmos, die Vorherbestimmung, wie auch immer man es nennen möchte, zu geben. Und diese Instanz wirkt auf mich ein oder lässt all das Grauen in meinem Bewusstsein, in meinem Handeln nur aus einem Grund geschehen: weil ES das kann. Das ist alles. Sollte ich also weiterhin Kraft darauf verwenden, mich gegen etwas zu stemmen, das keinen anderen Weg oder Ausgang zulässt? Die Antwort lautet: NEIN.

Ich kenne den finalen Plan nicht, flehe aber jeden Tag um eine Beschleunigung des ganzen Prozesses. Wenigstens das müsste doch möglich sein. Bitte beendet dieses quälende Experiment endlich, meinetwegen mit einer Riesenfanfare und einem großen Paukenschlag. Oder im Stillen, im Geheimen, ganz unscheinbar und meinem nicht vorhandenen Charakter, meiner mangelnden Ausstrahlung angemessen. Ist mir egal wie.

Es gibt keine Erlösung oder Hoffnung, keine überraschende Wendung und keine Gnade für mich.

a₁ = Jegliche Handelsweise unterliegt einem Determinismus oder sie passiert rein zufällig.

a₂ = Wenn alles handeln determiniert ist, kann man nicht frei entscheiden.

a₃ = Wenn alles was geschieht, rein zufällig passiert, kann man nicht frei entscheiden.

Schlussfolgerung₁: Keine Handlung ist frei entscheidbar.

Schlussfolgerung₂: Das Leben ist sinnlos.

 

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