Maquillage 

Ich verneige mich ein letztes Mal. Dann fällt hinter mir der Vorhang. Er ist so wunderschön, immer noch aus satt rotem Samt mit goldenen Kordeln, obgleich die Säume mit den Jahren verschlissen sind.

Ehedem war ich der Kunst verschrieben, mit Leib und Seele hing ich meinen Träumen nach. Um Erfüllung und Anerkennung ging es da, um Liebe, Leid und Laster. Doch das scheint lange zurück zu liegen. Es bleibt nur der Wurm, der in mir wuselte, mein Innerstes auffraß und nicht zu verdauen war. Jetzt ist er wohlig satt und rund und wurde ausgeschieden. Am Boden liegt er, krümmt sich auf und nieder, verzweifelt ringend, verwundet wie eine Arbeitsbiene, die nach dem Stich verendet.

In mir ist es jetzt hohl. Ausgeweidet und substanzlos fühle ich keinen Puls mehr schlagen, höre ich kein Blut mehr rauschen, spüre ich nichts mehr als ein taubes, weit entferntes leises Pochen, dort wo einst ein Herz in vollem Klang zu klopfen schien. Ruhig ist es geworden. Im Gemüt und von extern betrachtet.

Ich betrete die Garderobe und setze mich vor den Spiegel, der mir so gute Dienste erwies, der mein Gesicht vor Scham hat erröten lassen, der mich blendete, umarmte und mein Antlitz reflektierte, aber niemals mein wahres Wesen erkennen ließ. Was war ich nur für ein abwesendes, bis zur Unkenntlichkeit verfälschtes, närrisches Geschöpf. Im Spiegel wohnt mein wahres ich, ich selbst bin nur das Spiegelbild.

Mein Haaraufsatz zuerst. Ich ziehe ihn langsam, sorgfältig und vorsichtig mit einer Hand von meinem Schopf und lege ihn bedächtig und sanft streichelnd über den Perückenkopf. Die falschen Wimpern kommen in das kleine Nussbaumkästchen. Daneben liegen kurz darauf die langen, schwarzen, künstlichen Fingernägel.

Mein Gesicht. Eine blasse Visage, grell und feucht, von den Zähren gemalte Bahnen, die wie ein Reißverschluss das Make up durchtrennen, faserige Enden erschaffen und dort, wo die Haut jetzt in ihrer puren Beschaffenheit offen liegt, eine rissige Fassade zum Vorschein kommen lassen. Das Ich, das Selbst, die Äußerlichkeit. Alles, was ich sehe ist Vergänglichkeit. Eine Erscheinung, die mir fremdartig erscheint, losgelöst, beziehungslos und exotisch. Aber irgendwie auch entrückt und unstimmig. Und ganz und gar nicht makellos wie in meinen Träumen.

Je mehr ich Schicht für Schicht der Schminke abtrage, desto langsamer werden meine Bewegungen, sträuben sich vor dem Ende dieses zeremoniellen Rituals. Zum Vorschein kommt etwas, das ich nicht erkenne, lag es doch zu lange im Verborgenen, so scheint es. Ich fühle mich nackt und angreifbar, ungeschützt der Existenz, dem Sein gegenübergestellt. Unser Leben verliert immer. Gegen das Alter, die Krankheit, den Wahnsinn und gegen den Tod.

Der Tod. Wie ein dunkler Monolith ragt er hinaus über unsere Köpfe, so unfassbar faszinierend, mysteriös und endlich, dass wir ihn niemals verstehen und erfassen können und werden, je näher wir ihm kommen. Und selbst wenn der Tod noch in der Ferne lauert und wartet, so sterbe ich doch jeden einzelnen Tag bis dahin ein wenig mehr. Ich baute mir aus meinen Erinnerungen ein Schloss, umgeben von hohen Zinnen und Wachtürmen, die all die vergessenen, schönen Momente im Zaum halten und vor ihrer Verflüchtigung schützen sollten.

All das existiert nicht mehr. Man kann nicht gefangen halten, was frei sein will. Man kann nicht bewahren, was vergänglich ist. Es ist Zeit loszulassen und sich abzuwenden, auch wenn dies mit einem unendlichen Schmerz verbunden zu sein scheint. Wir können viel Leid ertragen, mehr als wir uns jemals zutrauen würden. Bis eine Grenze überschritten wird und wir zerbrechen. Bis wir fragmentiert werden.

Während ich mich weiterhin betrachte, öffne ich mit einer Hand langsam meine Tasche, taste mich durch ihren Inhalt und finde schließlich den schweren Gegenstand, den ich gesucht habe. Ich umfasse den kalten Griff aus Rosenholz. Er wirkt sehr tröstlich.

Auf ein neues, besseres Sein.

Ihr, die ihr trauert, suchet Trost bei den Lebenden.

PENG

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