Killerinstinkt

Es ist Nacht. Ein Mann betritt den Hinterhof eines riesigen, unübersichtlichen Wohnhauskomplexes. Erst schaut er sich um, dann auf seine Uhr.

„Verdammt Plexi, wo bleibst du!“

Eine schwerfällig wirkende Gestalt, tritt aus dem Dunkel einer der zahlreichen Hauseingänge und geht langsam auf den Mann zu.

„Bin schon lange da und warte auf dich Marti…“

„Hey! Keine richtigen Namen Plexi, verdammte Scheiße nochmal. Du kennst doch die Spielregeln!“

„Alles klar..äh..warte..Trickser war’s, oder?“

„TRIGGER! Trigger ist mein Deckname, verdammt. Wann merkst du dir das endlich?“

„Klingt halt irgendwie blöd. Kann mich nich dran gewöhnen!“

„Ist mir scheißegal, ob du dich daran gewöhnst oder nicht. Das ist ein Kodex und daran hältst du dich, ist das klar?“

„Klarer geht’s nich, Tinker! Klarer geht’s nich! Alles klar!“

„Trigger. Wie der Abzug, du Versager! Und wiederhol‘ nicht immer alles doppelt und dreifach, das geht mir auf die Nerven! Himmel, womit habe ich das nur verdient, mit dir zusammenarbeiten zu müssen! Dieser verfluchte Jerry und seine beschissenen Ideen! Wieso sollst du mir überhaupt helfen? Ich arbeite immer alleine, das weiß der Wichser auch!“

„Weiß nich. Hat er nich gesagt. Er hat nur gesagt: Plexi, sei dann und dann dort und warte auf Triller!“

„TRIGGER. Mein Name ist TRIGGER! Und gleich weißt du auch warum! Sonst hat Jerry nichts gesagt? Er muss doch gesagt haben, wer unsere Zielperson ist und was du hier zu suchen hast. Nur weil du sein gottverdammter Neffe bist, heißt das noch lange nicht, dass ich hier den beschissenen Babysitter oder Nachhilfelehrer für dich spiele!“

„Er hat gesagt, wenn der Moment kommt, dann merke ich das schon und dann würde ich schon wissen, was zu tun wäre.“

„Ja und was zur Hölle soll das sein, was du machen sollst? Verdammt, ich ruf ihn jetzt an, so arbeite ich nicht!“

„Er is nich erreichbar. Für niemand, hat er gesagt. Wenn es soweit ist, dann mach ich das, was er gesagt hat und fertig!“

„Das ergibt doch keinen Sinn, Plexi! Denk doch mal nach, auch wenn dir das schwer fällt. Jerry ruft mich mitten in der Nacht an, ich soll um 03:00 Uhr hier sein und dich treffen. Ich soll mein Equipment mitbringen, das volle Programm. Und du würdest mir sagen, was zu tun wäre. Und jetzt bin ich kein verdammtes bisschen schlauer als vorher. Na gut, ich bin immer noch schlauer als du, was wohl wahrscheinlich auf 95% der Welt- und Tierbevölkerung dieses gottverdammten Planeten zutrifft, aber ich will jetzt wissen, was du hier zu suchen hast! Irgendetwas stimmt hier doch nicht!“

„Alles is gut, so wie es is. Wir warten und dann schlagen wir zu!“

„Wir machen was? Himmelherrgottnochmal Plexi, ICH schlage gleich zu, wenn du nicht aufhörst, so eine Scheiße zu labern! Was geht hier vor sich?“

„Wird mein erster Auftrag, sagt Jerry. Mehr darf ich nich verraten!“

„Sonst was? Wenn das dein erster Auftrag ist, was soll ich dann hier?! Moment mal…bin ich etwa das verfickte Ziel? Geht es hier um mich? Plexi, sollst du etwa MICH eliminieren?“

„Darf ich nich sagen. Ist ein Geheimnis. Sagt Jerry. Kommt Zeit kommt Tat. Sagt Jerry. Mehr nich. Ich halt mich dran.“

„Anscheinend weiß dein Onkel nicht, wie beschränkt du wirklich bist. Er kann DIR unmöglich diesen Auftrag gegeben haben. Wenn er mich loswerden wollte, dann würde er einen Profi beauftragen…jemanden, der mir ebenbürtig ist. Außerdem wüsste ich nicht, warum er seinen besten Mann ausschalten lassen sollte…also was zur Hölle ist los? Wenn du nicht gleich mit der Sprache rausrückst, verschwinde ich. Aber vorher verpasse ich dir noch ein Leck im Kopf, aus dem vermutlich nichts als Stroh herausfallen wird. Wär‘ schade für dich! Also?“

Trigger zieht seine Waffe und hält sie Plexi an den Kopf, während er ihn gewaltsam an eine Mauer drückt.

„Ganz ruhig, Flipper! Ganz ruhig!“ 

„Du tust es schon wieder Plexi! Du wiederholst dich! Und der Name ist immer noch Trigger. T-R-I-G-G-E-R! Hast du dich mal gefragt, warum dich niemand mag? Warum niemand etwas mit dir zu tun haben will? Weißt du warum das so ist? Soll ich es dir sagen? Weil du eine Nervensäge bist, Plexi! Weil du ein Schwachkopf bist, weil du es schaffst, das Raum-Zeit Kontinuum außer Kraft zu setzen und weil du mit deinem Gequatsche selbst die Schmeißfliegen von einem Haufen Kuhscheiße vertreibst! Ich zähle jetzt bis drei, weil du wahrscheinlich nicht weiter zählen kannst und dann puste ich dir entweder den Schädel weg oder du fängst auf der Stelle an zu reden! Und ich schwöre dir, wenn du wieder auf den Repeatknopf drückst…EINS…“

„Jaaaa! Ist ja gut, istjagut! Ich sag’s ja! Ich sag’s j..“

Trigger schießt Plexi in den Kopf. Plexi sackt ziemlich tot zusammen.

„Verdammterwichserverdammterwichser! Das hast du nun davon! Ich lass mich von euch nicht verarschen!“

Ein Telefon vibriert. Trigger kramt umständlich Plexis Handy aus dessen Tasche und schaut auf’s Display. Es ist Jerry. Trigger drückt auf die Annahmetaste.

„Jerry? Du verdammter Hurensohn! Was geht hier eigentlich ab? Warum willst du mich loswerden, du feiges Arschloch?!“

„Trigger? Bist du das? Warum gehst du an Plexi’s Telefon? Und wovon zur Hölle sprichst du? Hast du irgendwas genommen? Gib‘ mir mal meinen unterbelichteten Neffen!“

„Tja Jerry, schätze, das wird nur schwer möglich sein, denn du bist jetzt kein Onkel mehr, verstehst du?“

„Was willst du damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass der Schwachkopf nur noch als Schaufensterpuppe eines Bestattungsunternehmens dienen kann. Ich habe ihm gerade eine Kugel in seinen Holzkopf geschossen, bevor ER MIR eine verpassen kann. Das will ich verdammt nochmal damit sagen!“

„…“

„Bist du noch dran Jerry, oder schnappst du gerade nach Luft, weil dein schöner Plan den Bach runtergegangen ist?“

„Drehst du jetzt völlig durch Trigger? Sag mir bitte, dass du das nicht getan hast!“

„Ich wünschte wirklich, es wäre so. Aber leider..“

„Diese unterbelichtete Null! Was hat er zu dir gesagt?“

„Das er mir nichts sagen kann oder soll. Das er auf den richtigen Moment warten soll, um dann loszuschlagen. Ja, ich weiß, wie dämlich das klingt, aber das waren seine Worte Jerry!“

„Und hat er dir sonst noch irgendetwas erzählt? Über mich vielleicht?“

„Was zum Teufel meinst du? Nein, sonst hat er nichts gesagt, verdammte Scheiße nochmal!“

„Scheiße! Wie erklär ich das bloß seiner Mutter? Die wird nicht begeistert sein!“

„Es ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal was du ihr sagst Jerry, ich will jetzt wissen, warum du einen naturbelassenen Grenzdebilen auf mich ansetzt!“

„Ich hab‘ da mal ne Neuigkeit für dich. Ich habe Plexi nicht auf dich angesetzt. Und langsam habe ich die Befürchtung, dass du mindestens genauso unzurechnungsfähig bist wie er! Hast du wieder mal nicht nachgedacht, bevor du aufs Gaspedal drückst? Ich habe dir schon so oft gesagt, dass dir das irgendwann zum Verhängnis wird!“

„Es ist nur deinem Neffen zum Verhängnis geworden. Und warum war er dann hier und sollte sich mit mir treffen?“

„Weil er etwas lernen sollte. Von dir. Von meinem besten Mann. Den ich jetzt abschreiben kann. Du weißt, dass ich dir das nicht durchgehen lassen kann, oder? Blut für Blut. So schreibt es der Kodex vor.“

„Und warum zum Teufel hat er das nicht gesagt? Warum tut er so geheimnisvoll?“

„Ich habe ihm gesagt, er soll diesmal nicht so viel labern und sich auf seinen, auf EUREN Auftrag konzentrieren.“

„Dann hat er wohl etwas gehörig mißverstanden Jerry! DU hast den Kleinen auf dem Gewissen. DU hättest das Risiko kennen müssen. Den Schuh zieh ich mir jedenfalls nicht an!“

„Schon klar. Aber es ändert nichts.“

„Nein. Stimmt. Du bist jetzt am Drücker. Aber ich werde es dir nicht leicht machen, das weißt du?“

„Oh, das weiß ich. Du bist ein vorsichtiger und umsichtiger Drecksbastard…aber ich auch.“

Aus dem Halbdunkel eines Treppenabgangs löst sich langsam ein massiver Schatten. Jerry.

„Verfickte Scheiße, Jerry! Was zum..“

Zwei schallgedämpfte Schüsse verwandeln Triggers Gesicht in eine bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Fratze der blutigen Verständnislosigkeit.

„Jammerschade. Wirklich jammerschade. Um dich. Und um Plexi. Er ruhe in Frieden! Aber was sollte ich tun? Er musste weg. Ich selbst konnte doch nicht meinen eigenen Blutsverwandten beseitigen! Kodex und so, du weißt! Und ich wusste, wenn ich ihn richtig instruiere, dann würdest du mißtrauisch werden und anfangen durchzudrehen. Dein Temperament und deine Paranoia würden den Rest erledigen. Ich musste nur auf den richtigen Moment warten. Entschuldige die Unannehmlichkeiten Trigger, aber Plexi hat einfach zuviel gesehen. Er hat mich mit einem Mann erwischt. Verstehst du? Mit einem Mann! Gerade als es so richtig zur Sache ging. Mittendrin. Das muss ein Schock für ihn gewesen sein. Das musste mein Geheimnis bleiben, verstehst du? Es geht hier um meine Ehre, niemand durfte das erfahren. Wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse, nicht wahr? Und du hattest auch schon einen Verdacht, oder? Naja, so ist es besser für uns alle, schätze ich. Vielleicht sehen wir uns eines Tages in der Hölle wieder. Bis dann Trigger!“

Jerry platziert seine Waffe in Plexi’s Hand, zieht die Handschuhe aus, zündet sich eine Zigarette an und verlässt langsam schlendernd den Hinterhof. 

Als er die Straße überquert, wird er von einem Auto erfasst und meterweit durch die Luft geschleudert. Beim Aufprall ist er bereits mausetot. 

Die Polizei wird niemals aufklären, was in dieser Nacht wirklich vorgefallen ist und ob es einen Zusammenhang zwischen den drei toten Männern gibt. Jerry’s Geheimnis und seine Ehre bleiben bewahrt. Und falls es so etwas wie eine Hölle geben sollte, könnte er dort auf zwei ziemlich übel gelaunte Personen treffen. 

Plexi und Tripper. 

Äh…Trigger. 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

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