Stell dir vor, du wachst an irgendeinem beliebigen Morgen auf.
Du gehst ins Badezimmer und schaust in den Spiegel. Was du siehst gefällt dir. Um sicher zu gehen, drehst und wendest du dich und betrachtest dich aus verschiedenen Perspektiven. Du untersuchst den Spiegel, kannst aber keine Fehlfunktion entdecken. Nein, du siehst einfach nur verdammt gut aus. Du lächelst, weil es sich umwerfend anfühlt.
Du gehst zum Bäcker um die Ecke und wirst dort von der attraktiven Bedienung sehr nett angelächelt, während sie dir mit einem vielsagenden, verheißungsvollen Blick ein Extra-Brötchen in die Tüte schiebt.
Wieder zuhause bemerkst du, dass auf deinem Konto genau die Summe Geld eingegangen ist, die du gerade so dringend benötigst. Du hast es bei einem Preisausschreiben gewonnen, an dem du niemals teilgenommen hast.
Wenig später findest du dich auf einmal am Meer wieder. Als wärst du von einem Augenblick zum nächsten dorthin teleportiert worden. Hier ist es wunderschön und die Sonne wärmt angenehm deine Haut. Die Luft riecht und schmeckt salzig. Soweit dein Blick reicht, ist nur Horizont, Meer und Strand auszumachen. Es ist so schön still dort.
Du bist wieder zurück. Immer noch wohlig beseelt von dem Ausflug in die Ferne. Vor dir steht ein Glas, und nur eins, gefüllt mit dem leckersten Rotwein, den du jemals kosten durftest. Du hebst das Glas an und genießt jeden einzelnen Schluck. Die gegorenen Reben steigen dir zu Kopf, aber gerade ausreichend genug, um dich in eine erhebende Stimmung zu versetzen.
So lässt du den Tag ausklingen und kannst kaum glauben, was dir heute widerfahren ist. Du musst geträumt haben.
Am nächsten Morgen wachst du auf und genau derselbe Tag, mit all den schönen Ereignissen und Begebenheiten wiederholt sich aufs neue. Am Abend wirst du ein wenig misstrauisch aber du denkst dir nichts weiter dabei.
Die folgenden Tage sind genauso schön und unwirklich, wie die vorangegangenen. Du beginnst, dich an dieses schöne Gefühl zu gewöhnen, es ausgiebig zu genießen, in der Gewissheit, das der nächste Tag wieder so atemberaubend sein wird.
Und eines Morgens wachst du auf und alles ist weg. Alles.
Nichts von dem was war, keines der wunderbaren Ereignisse tritt ein. Du wartest und wartest aber nichts passiert. Nichts. Absolut nichts.
Du zerschlägst den Spiegel, da ist niemand, der dich verstohlen und herausfordernd anlächelt, dein Konto wird zunehmend leerer, und du wirst regelmäßig in das Innere eines sehr aktiven Vulkans teleportiert, bevor du zurück aus der Hölle, auf dem Tisch vor dir nur noch ein leeres Glas vorfindest. Dieses Glas ist genauso so leer wie dein Herz und deine Seele.
Ab jetzt wiederholt sich nur noch dieser eine Tag. Immer und immer wieder.
So fühlt es sich an. Dieses Leben.
Frohe Weihnachten.