live [la͜if]

Wir berichten live, direkt aus dem Kopf unseres Protagonisten. Sie werden sich fragen, wie das geht. Nun, hier ist ja jetzt jede Menge Platz, da der Restverstand mit Sack und Pack das Weite gesucht hat. Zurück bleibt nur eine Art großer Höhle mit einer unglaublichen Akustik. Wir mussten nicht einmal großartig was am Ton drehen. Nur mit dem Licht war es etwas schwierig, da es hier wirklich extrem dunkel ist. Wenn Sie mich fragen, in diesem Hohlraum hält man es vermutlich nicht sehr lange aus. Stellen Sie sich Urlaub in einer verdammten Tropfsteinhöhle vor. Ungemütlich, kalt und klamm. Dann lieber zelten und demonstrieren vor dem Regierungspalast in Nordkorea.

Wir wollten uns persönlich von der aktuellen Situation hier ein Bild machen und stellen fest: hier geht wirklich nichts mehr. Absolute Stagnation. Hier sind alle Uhren stehengeblieben. Ich bin umgeben von Geistern, die wie Spinnweben im Wind durch die Luft fliegen und sich an den Innenwänden dieses Gewölbes festsetzen. Alles scheint dem Verfall untergeordnet zu sein. Mittlerweile haben hier alle die Arbeit niedergelegt und sind nach Hause gegangen, wo auch immer das jetzt sein mag.

Soeben hat man uns mitgeteilt, dass es keinen Sinn mehr macht, heute noch zum Herzen vorzudringen. Ein Stau von der Länge der Chinesischen Mauer soll sich dort gebildet haben. In den Kammern, Vorhöfen und Klappen hat sich anscheinend Angst und Panik breit gemacht. Die Belegschaft hat nach zahlreichen unfruchtbaren Demonstrationen und vergeblichen Protestaktionen das Handtuch geworfen und will nur noch raus. Wir wünschen Ihnen alles gute und hoffen natürlich das beste.

Auch für uns wird es jetzt langsam Zeit das Weite zu suchen, bevor es hier richtig ungemütlich wird. Schade, denn wir hätten uns gerne noch einmal, entschuldigen Sie das Wortspiel, den Zustand der Seele zu Gemüte geführt, aber das scheint uns leider nicht vergönnt zu sein. Es war von einem Schwarzen Loch die Rede, aber das ist nur ein Gerücht, welches von uns weder bestätigt noch widerlegt werden kann.

Wir werden Sie natürlich auf dem laufenden halten, wie es in dieser Krisenregion nun weitergeht. Momentan herrscht hier jedenfalls pures Chaos.

Das Regime ist gefallen, lang lebe die Anarchie! Das sind die letzten nachklingenden und verhallenden Worte, das ist das Echo der braven Arbeiter, die nun auf der Straße oder in extra dafür eingerichteten Auffanglagern sitzen, sich einen neuen Job und eine neue Daseinsberechtigung suchen müssen. Die Frage muss nun lauten: war es das wert? War es das alles wirklich wert?

Ja. Ja das war es, Claire.  

 

 

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