Terra incognita 

In die Tiefe hinab geht es. Etwas unbeholfen, mit rudernden Armen und Blei an den Füßen. 

Unmittelbar über mir liegen die Korallenriffe, unter mir befindet sich der große Graben. Ich drehe mich um die eigene Achse, schwerelos schwebe ich darüber hinweg, unschlüssig ob ich mich weiter Richtung Abgrund bewegen soll. In der Ferne erkenne ich schemenhaft das Ziel meiner alltäglich wiederkehrenden Pilgerfahrt. Dort steht er. Der große Schrein, der, halbschief versunken im Sand, einem warnenden Monolithen zu gleichen scheint.

Dorthin zieht es mich immer und immer wieder. Ich vertreibe und verdränge die Wassermassen und stemme mich gegen die Strömung. Bald schon erreiche ich die von Algen und Muscheln überzogene Säule und umkreise sie in respektvollem Abstand. Dieser Ort hier ist zugleich Mahnmal, Gedenkstein und markiert die Endstation eines vollständig erforschten und erschlossenen Gebietes. 

Hier fällt der Boden senkrecht hinab in eine vollkommene Dunkelheit. Ein schwarzer, alles verschlingender Moloch, bedrohlich und furchteinflößend und von nicht auszumachender Tiefe. Man sagt, wer hier versehentlich abrutscht oder sich gar fallen lässt, kehrt nie wieder zurück.

Kleine Bläschen sprudeln aus Nase und Mund. Es wird Zeit umzukehren. Noch ist Luft zum Atmen vorhanden. Ein zögerlicher Moment innerer Aufruhr durchfährt mich. Es ist nur der Bruchteil eines Gedankens, der Splitter einer Vorstellung und der Hauch einer Sehnsucht nach einer immer fortwährenden Stille. In diesem kurzen Augenblick wirft mein Körper keinen Schatten mehr und meine Umrisse scheinen sich aufzulösen. Aber niemand ruft nach mir, da sind keine Hände, die mich packen und in die Tiefe ziehen. Man entscheidet ganz allein und einsam mit sich selbst, ob man diesen weißen Fleck betritt. 

Heute nicht. Ich werfe einen vorerst letzten Blick auf das dunkle Monument und tauche langsam auf. Ich durchbreche die Oberfläche und schnappe nach Luft.

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