Rosa (Teil sieben)

Wir können nicht alles rational erfassen. Aber wir wollen es. Um jeden Preis. Wir säen unentwegt neue Erklärungen auf dem unfruchtbaren Feld der Mysterien. So lange, bis wir schließlich sogar das Unkraut als lohnenswerte Ernte betrachten.

„Ich muss Ihre Tochter aber sofort sprechen!“ Ich versuche wenigstens die Dringlichkeit in meiner Stimme zu unterdrücken, obgleich es mir nicht ansatzweise gelingt.

„Sie ist aber nicht da, das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Was ist denn los?“

„Wo ist sie denn? Es geht um etwas, das sie gesagt hat. Dazu ist mir etwas eingefallen. Es ist nichts Wichtiges. Ich wollte es ihr nur sagen.“

„Dann sagen Sie es mir. Worum geht es denn?“

„Ach, es ist nicht so wichtig. Ich kann es ihr auch bei unserer nächsten Sitzung sagen!“

Ich lege auf. Mist. Diese verdammte Göre. Was geht hier nur vor sich? Ich schnappe mir meine Autoschlüssel und meine Jacke und reiße dabei fast die gesamte Garderobe von der Wand. Ich muss die Wahrheit wissen. Jetzt. Ok. Wo kann sie nur sein? Sie hat mal etwas von einem Supermarkt erzählt, der bei ihr um die Ecke liegt. Na gut. Wenigstens etwas. Ich steige in meinen Wagen und rase los.

Ich erreiche die Wohnung und entschleunige etwas. Nicht mich selbst, nur das Fahrzeug. Ab jetzt heißt es suchen. Ich biege einmal ab, dann nochmal. Nichts. So wird das nichts. Ich halte an und steige aus. Ich spreche jemanden auf der Straße an, einen älteren Mann und er beschreibt mir den Weg zu einem Edeka zwei Straßen weiter. Das könnte er sein. Ich laufe zu Fuß weiter, es kann nicht mehr weit sein.

Schon von weitem erkenne ich sie. Rosa sitzt auf den Stufen eines Treppenabgangs neben dem Supermarkt. Sie sieht sehr ernst und nachdenklich aus. Ich nähere mich ihr langsam und versuche dabei, nicht zu überhastet und atemlos zu wirken.

„Hallo Rosa! Was machst du denn hier?“

„Hallo. Und Sie? Haben Sie mich gesucht?“

Warum kann sie mich einfach nicht duzen?

„Ehrlich gesagt ja. Ich wollte dich etwas fragen, das mir keine Ruhe gelassen hat.“

„Ich weiß schon.“

„Ach ja? Was will ich dich denn fragen?“

„Ob es stimmt.“

„Ob was stimmt?“

„Das ich Dinge voraussagen kann. Denke ich. Stimmt’s?“

„Rosa, Niemand kann in die Zukunft schauen. Das ist unmöglich. Niemand kann das. Auch du nicht!“

„Und was wollten Sie mich dann fragen?“

„Woher wusstest du das mit dem Bus? Wer hat dir davon erzählt?“

„Niemand.“

„Aber irgend jemand muss es dir doch gesagt haben.“

„Ein paar Wochen vor dem Unfall meiner Mutter saß ich genau hier an an diesem Platz, als meine Uhr stehen blieb und mir irgendwie schlecht wurde. Dann hatte ich diese Bilder im Kopf, aber ich habe es niemandem erzählt. Bis jetzt. Sie sind der einzige, der davon weiß. Dann ging die Uhr plötzlich wieder.“

„Das…weißt du wie verrückt das klingt?“

„Ja.“

„Hast du danach nochmal solche…Bilder gesehen, Rosa?“

„…vielleicht.“

„Also ja. Rosa, ich möchte dass du dich noch einmal untersuchen lässt. Von einem Arzt. Er heißt Rolf und er ist ein guter Freund von mir und wirklich nett. Würdest du das für mich tun?“

„Äh…ich weiß nicht…?!“

„Es ist nur eine Routineuntersuchung. Etwas geht in deinem Kopf vor und wenn das so weitergeht, dann fürchte ich, könnte es schlimmer werden. Es ist besser wir gehen sicher und schauen mal nach, was in deinem Kopf passiert, wenn du diese Bilder siehst. Findest du nicht auch?“

Dann erwischt sie mich. Eiskalt. Gnadenlos.

„Ihr Bruder kommt zurück.“

„Bitte?“

„Er ist sehr groß und hat schwarze Haare, nicht wahr?“

„Rosa, du musst damit aufhören, bitte!“

„Er wird Ihnen sehr weh tun, oder er hat es schon. Aber es wird noch schlimmer!“

„Rosa, verdammt…woher weißt du…“

„Es tut mir leid, ich will das alles nicht. Ich will nur helfen!“

Sie schluchzt und fängt an zu weinen, bitterlich und ernst, sie wirkt wie eine sehr junge Erwachsene. Und in mir breitet sich wie ein langsam aufklappender Fächer in voller Pracht ein unwillkommenes, lange im Verborgenen gelegenes Gefühl aus. Aber ich erkenne es sofort an seinem sehr eigenen, abstoßenden Geschmack. Es ist die pure, ungeschminkte Angst – nein – es ist schlimmer als das. Es ist blanke Panik.

to be continued…

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