Der Auslöser

Liebe entspringt der rein subjektiven Wahrnehmung eines Einzelnen. Kann man dieses Gefühl mit einem anderen Menschen teilen, halbiert es sich allerdings nicht, es vermag sich im Gegenteil sogar um ein Vielfaches auszuweiten. Liebe ist also streng genommen ein Paradoxon, eine Antinomie.

– aus den Tagebüchern der Traurigkeit und Raserei, Band I – 


Dies ist eine traurige Geschichte, was auch so beabsichtigt ist. Aber sie ist wahrhaftig und echt und inspiriert von Geschehnissen, die sich so oder so ähnlich wie hier dargestellt abgespielt haben.

Mögen einem die Begebenheiten auch bekannt vorkommen, so gilt dies nicht für die überzeichnete Darstellung des Protagonisten, seiner Gedanken und Handlungen. Sie dient nur dem Zweck der Verdeutlichung von dem, was Gefühle in uns bewirken und auch vielleicht anrichten könnten. Natürlich verfügen sie über kein Eigenleben in dem Sinne, aber sie sind nicht zu unterschätzen und man sollte sich vorher einmal überlegen, was man zulassen möchte. Denn es ist durchaus möglich, eine Grenze zu ziehen und so vor allzu großem Unheil bewahrt zu bleiben. Selbstverständlich sollte man sich auch auf Gefühle und Empfindungen einlassen können, das ist eine wunderbare Erfahrung, man darf dabei aber nicht komplett die Realität aus den Augen verlieren.

Der Auslöser

WAS IST
Als er mit dem Abwasch fertig war, setzte er sich an den kleinen Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. Eigentlich hatte er sich fest vorgenommen aufzuhören, aber er wusste sonst nicht mehr viel mit sich anzufangen, ihm erschien alles nur noch belanglos und unbedeutend. Aber beim Rauchen konnte er besonders gut nachdenken, jedenfalls redete er sich das immer wieder ein.

Er sah hinaus in den Garten, der ein Stück unterhalb des Balkons in Sichtweite kam und sich bis zum gegenüberliegenden Wohnhaus ausdehnte. Langsam bereitete er sich innerlich darauf vor, den täglichen Denkprozess zum Laufen zu bringen. Ja, das Denken hatte er drauf. Es war alles, was ihm geblieben war. Am Anfang, nachdem alles begonnen hatte, hatte er es noch gehasst soviel nachzudenken, er war fast dem Wahnsinn nahe gewesen. Aber nach und nach wurden die Gedanken, die wenigen Guten und ganz besonders die vielen Traurigen so etwas wie seine Gefährten, seine einzigen Verbündeten. Wahrscheinlich war er doch schon verrückt. Wenn man verrückt ist, kann man sich dann dessen überhaupt bewusst sein, fragte er sich und zündete die nächste Zigarette an. Aufhören konnte er in 10 Jahren immer noch.

Sein Blick war nach wie vor nach Draußen gerichtet aber er begann sich langsam zu verklären und so ließ er Tropfen für Tropfen die Erinnerung in seine Gedanken fließen, bis sie komplett mit ihr aufgefüllt waren.

WAS WAR
Damals, vor fast einem Jahr, kurz vor Weihnachten begann ganz still und heimlich etwas in ihm zu Keimen, das er längst verloren geglaubt hatte. Etwas, das lange im Verborgenen gelegen hatte und ihn erst ganz behutsam, dann immer heftiger befiel, bis es sich scheinbar komplett ausgedehnt hatte und keinen Platz mehr für irgendwelche anderen Gedanken und Gefühle zuließ.

Das war am ersten Tag nach dem Auslöser.

Noch 30 Tage.      

Nichts davon ließ sich auch nur ansatzweise kontrollieren oder seiner habhaft werden, es ging alles viel zu schnell, als das er damit hätte umgehen können und überrollte ihn wie ein Schnellzug. Aber er stand wieder auf und klopfte sich den Staub ab. Das was ihm da widerfahren war, so schön es sich auch anfühlte, konnte er nicht zulassen. Er musste es verdrängen oder vergraben, weit hinten in seinem Kopf, da wo SIE nicht hinkamen, nicht heranreichen konnten.

Doch SIE konnten.

Das war am zweiten Tag nach dem Auslöser.

Noch 29 Tage.

Heiligabend stand er morgens auf und ging aufs Klo. Dann schaute er in den Spiegel und betrachtete sich. Was er sah, gefiel ihm. Das war komisch, denn normalerweise kamen ihm solche Gedanken nicht. Er fand, dass er für sein Alter noch ganz okay aussah. Wieder so ein Gedanke…

Er ging nach unten in die Küche und goss sich wie gewöhnlich ein wenig Milch in ein großes Glas. Als er zum Trinken ansetzte, hielt er inne und verharrte in dieser Position, ohne dass es ihm bewusst war. Nein, da war nichts mehr. Alles war gut. Nichts Ungewöhnliches auszumachen.

Im gleichen Moment als ihm das Glas aus der Hand glitt, hatte er wieder Ihr Gesicht vor Augen, vielleicht war es auch kurz vorher gewesen. Das Glas berührte den Tisch, kippelte kurz hin und her und kam dann zum Stehen. Die Milch schwappte vor und zurück, nahm Anlauf und benetzte das Innere des Glases gefährlich hoch bis zum Rand.

Doch sie wurde nie getrunken.

Jeglicher Durst oder Hunger waren erloschen, vergessen und begraben.

Das war am dritten Tag nach dem Auslöser.

Noch 28 Tage.

Mittlerweile, Weihnachten war bereits vorüber und das Neue Jahr rückte immer näher, war er bereits vollkommen von einem Virus befallen, der zwar nicht tödlich aber dennoch tückisch, hinterhältig und gemein sein konnte, wie sich noch herausstellen würde. Alles was nicht mit Ihr zu tun hatte, wurde einfach ausgeblendet oder ignoriert. Scheinbar ließen sich schöne Gedanken tatsächlich besser beeinflussen als Schlechte, dachte er fast fröhlich und machte zum ersten Mal einen Fehler. Er war zwar über und über erfüllt mit wundervollen Gedanken, aber er hatte endgültig aufgehört nachzudenken.

Das war am achten Tag nach dem Auslöser.

Noch 23 Tage.

Sie war weit weg. Viel zu weit. Mindestens…wo wohnt Sie überhaupt genau, fragte er sich und hatte keine Antwort darauf. Er wusste, dass er daran dachte, was Sie wohl gerade tat, ob Sie andere Männer kennenlernen würde und das er bei ihr sein, mit ihr reden wollte und zwar am besten unendlich lange. Wenn er mit ihr zusammen war, konnte Sie schließlich nicht woanders sein und der Gedanke gefiel ihm. Aber er wusste sonst praktisch nichts. Er würde Sie erst in ein paar Tagen wieder sehen, bis dahin könnte die Welt schon untergegangen sein oder zumindest gefährlich nah am Abgrund stehen. Vielleicht würde er diesen Tag also gar nicht mehr erleben. Das war noch viel zu lange hin. Bis dahin sollte, ja musste die Welt innehalten, sich aufhören zu drehen, die Zeit hingegen möglichst schnell vergehen. Was für ein Scheiß-Dilemma, dachte er. Aber was würde er dann tun? Was sollte er tun? Das werde ich mir noch überlegen wenn es soweit ist, sagte er sich und beging damit seinen zweiten Fehler.

Das war am dreizehnten Tag nach dem Auslöser.

Noch 18 Tage.

„Ich glaube, ich habe mich ein wenig in dich verliebt.“

„Und ich glaube du spinnst, mir so etwas zu sagen. Das geht gar nicht, vielleicht solltest du erstmal nachdenken, bevor du anfängst zu reden!“

Nein, ganz schlecht, so kann ich ihr nicht kommen, dachte er und begann seinen inneren Dialog von neuem.

„Ich bin wohl leider etwas durcheinander seit unserer letzten Begegnung. Etwas verwirrt und ich weiß nicht genau was ich tun soll.“

„Was meinst du damit?“

„Unsere Gespräche waren sehr schön an dem Abend und es ist etwas mit mir passiert, etwas das ich so nicht beabsichtigt hatte..“

Schon besser, sagte er sich, das kann man so sagen, das ist eine gute Ausgangslage, einfach ehrlich sein, aber dabei etwas zögernd und verhalten. Dann trat er langsam vom Spiegel zurück, vor dem er sein Gespräch mit ihr geprobt hatte. Ein stiller Beobachter dieser Szene hätte sein mittlerweile stark verändertes Verhalten bemerkt und ihn darauf aufmerksam machen können. Nur war leider niemand da, der ihn hätte warnen können. Er selbst bemerkte es nicht. Dafür war es schon zu spät.

Was er dann tat, als er sie wahrhaftig nach, so wie es ihm vorkam, unendlich langer Zeit wieder traf, war letztlich das denkbar schlechteste, was er hätte machen können: er offenbarte sich ihr und gewann ihr Vertrauen. Er war sich seiner ab jetzt unaufhaltsamen Reise natürlich nicht bewusst, weil er unter der Einwirkung von fremden Mächten stand, die langsam aber sicher begannen, ihn in die Tiefe und Dunkelheit zu ziehen.

Das waren der fünfzehnte und sechzehnte Tag nach dem Auslöser.

Noch 15 Tage.

Die nächsten 3 Tage vergingen wie im Flug mit ihr, sie redeten sehr viel, eigentlich war das auch schon alles was sie taten, sonst passierte nichts. Aber das reichte ihm vorerst, er war froh ihr einfach nur nah sein zu können. Er hatte ihr gesagt, was er für Sie empfand und es schien ihr zu gefallen, dass er ihr schmeichelte und mit ihr flirtete. Sie hatte ihm zwar gesagt, dass Sie in einer Beziehung lebt, die sehr schön war und gut funktionierte, aber welchen anderen Grund, als dass Sie ihn ebenfalls sehr mochte könnte es für ihren andauernden Kontakt schon geben?       

Die Stimme in seinem Kopf schrie daraufhin ein allerletztes mal so laut sie konnte „100 andere Gründe!“, aber er hörte nicht mehr auf diese Stimme. Sie klang nicht gut, etwas verstimmt, hatte immer etwas auszusetzen und sprach andauernd Warnungen aus, die völlig unerheblich waren.       

Wie herrlich klangen dagegen die anderen Stimmen, die jetzt vermehrt auftraten und ihm, einem Engelschor gleich, schöne Dinge ins Ohr flüsterten. Schöne und wahre Dinge. Nicht so verlogenes Zeug wie von diesem miesepetrigen Einzelgänger, den sie Vernunft nannten. In seinem Kopf war mittlerweile wirklich allerhand los, dachte er und lächelte dabei gedankenverloren.

Das waren der siebzehnte, achtzehnte und neunzehnte Tag nach dem Auslöser.

Noch 12 Tage.

Als Sie ihm dann sagte, das Sie keine tiefer gehenden Gefühle für ihn hatte, nicht die jedenfalls, die sich in ihm eingenistet hatten, begann die Wandlung. Sie überkam ihn, überzog ihn gänzlich und verschlang ihn mit einer Konsequenz und Dringlichkeit, die unmöglich wirklich sein konnte. Aber sie war wirklich. So real und echt, so schrecklich authentisch und so unglaublich peinigend und quälend, wie er es vorher noch nie erlebt hatte. Das war jedenfalls seine Auffassung.

Aber natürlich hatte er vorher schon seelischen Schmerz empfunden, wahrscheinlich auch einen ähnlichen wie diesen, aber sein kognitives Gedächtnis spielte ihm einen Streich und ließ ihn im Stich.

Das war am zwanzigsten Tag nach dem Auslöser.

Noch 11 Tage.

Konzentration. Fokussierung. Vergessen.

Er wollte es wirklich versuchen, er wollte loslassen, aber wie sollte das gehen, wenn man kein Bewusstsein, keine richtige Wahrnehmung mehr besitzt? Alles, was sein Kopf zuließ, konzentrierte sich nur auf Sie, sein Fokus lag auf ihrer Erscheinung, die sich einfach nicht verflüchtigen wollte und vergessen oder vielmehr verdrängen wollte er höchstens ihre Ablehnung.

Die Situation erschien ihm völlig ausweglos und er wähnte sich schon am Ende allen Daseins in einer Welt, die nur noch aus Schmerz bestehen würde.

Er ahnte nicht, dass die Kräfte, die ihn so sehr hatten leiden lassen, noch einiges mit ihm vorhatten…

Das war am einundzwanzigsten Tag nach dem Auslöser.

Noch 10 Tage.

Ganz offiziell hatten sie beide vereinbart, einen Schlussstrich zu ziehen, bevor das Ganze zu eskalieren drohte und ihm um die Ohren flog. Einen Schlussstrich unter was eigentlich, dachte er sich. Sie hatten nur geredet und sich geschrieben, zwar in ausufernder Art und Weise, die ungewöhnlich war für eine ganz und gar nicht existierende Beziehung aber mehr war in der Tat nicht vorgefallen. Für Sie schien das alles so leicht hinnehmbar zu sein, er wusste ja, das Sie keinerlei Gefühle investiert hatte. Zuerst war auch er froh, dass es endlich vorbei war. Gewiss, Sie würde ihm fehlen, aber sie liefen sich ja weiterhin bei der Arbeit dann und wann über den Weg. Das müsste reichen und alles würde sich schon normalisieren.

Das war am zweiundzwanzigsten Tag nach dem Auslöser.

Noch 9 Tage.

Dann kam der Tag des erneuten Wiedersehens.

An diesem Tag begann alles ganz normal. Er hatte sich vorgenommen Sie zu ignorieren und weitestgehend zu meiden. Das gelang ihm ganz gut, aber er war unkonzentriert und konnte nicht aufhören sich in Gedanken hin und wieder an Sie zu verlieren. Wie es ihr gehen mochte, konnte er natürlich nicht sagen, nur mutmaßen und seiner Einschätzung nach dachte Sie wohl zu keinem Zeitpunkt an ihn. Sie waren räumlich nur durch ein paar Wände voneinander getrennt, aber für ihn befand Sie sich in einer Art Parallelwelt, die mit irdischen Mitteln nicht zu erreichen war.       

Gegen Mittag schleppte er sich etwas elegisch und schweren Schrittes in die Büroküche, um sich einen Kaffee zu machen. Zufällig traf er Sie dort an und ihre Blicke begegneten sich. Was er sah, war so wunderbar und verheißungsvoll, dass er danach irritiert und durcheinander ohne Kaffee in sein Büro zurückkehrte. Dieser Blick vorhin musste etwas zu bedeuten haben, dachte er und er dachte und dachte…letztendlich kamen sie an dem Tag überein, dass man den Kontakt aufrechterhalten könnte.

Allerspätestens jetzt, zu diesem entscheidenden Zeitpunkt, als ihm das Schicksal seine letzte Chance anbot den eingeschlagenen Weg zu verlassen und in die Normalität zurückzukehren, hätte er die sich ihm entgegen gestreckte Hand von Ihr abweisen können. Er hingegen tat das, was gemeinhin nicht das schlechteste war, aber dennoch wohl überlegt sein sollte: er folgte seinem Herzen und nicht seinem Verstand.

Das war am dreiundzwanzigsten Tag nach dem Auslöser.

Noch 8 Tage.

Also begannen sie von neuem sich zu schreiben, nur diesmal heftiger und intimer als zuvor. Er fing an, sich vorzustellen, wie es wäre mit ihr zu schlafen, seine Gedankengänge nahmen ungeahnte Dimensionen an, teilweise befand er sich wie in einem Rausch von dem er nicht mehr ausnüchtern wollte. Das Leben war wieder wunderbar, hatte einen Sinn und er wünschte sich nichts sehnlicher, als Sie überall zu berühren und das Sie das Gleiche auch für ihn empfand.

Duden: Wunsch|vor|stel|lung Bedeutung: „von den eigenen Wünschen geprägte, nicht an der Wirklichkeit orientierte Vorstellung“

Das war an am vierundzwanzigsten bis achtundzwanzigsten Tag nach dem Auslöser.       

Der letzte Tag

Sie hatte überraschenderweise vorgeschlagen sich zu treffen. An einem etwas abgelegenen Ort, an dem man ungestört reden konnte ohne Angst davor haben zu müssen, dass ungewünschte Zuhörer oder Zuschauer daran teilhaben konnten. Ihm war jeder Ort recht, er wäre auch stundenlang mit dem Auto zu seinem Zielort gefahren, falls nötig. Wenn er Sie nur sehen durfte. Den ganzen Tag lang war er so nervös und aufgeregt gewesen, dass Arbeiten unmöglich und absolut nebensächlich geworden war.

Was er sich erwartete, wusste er nicht genau. Er wollte einfach alles auf sich zukommen lassen, vielleicht würden sie sich tatsächlich näher kommen, möglicherweise würde Sie ihm signalisieren, das Sie seine Berührungen zulassen könnte. Er wollte Sie unbedingt davon überzeugen, dass er es Wert wäre, das Sie mit ihm eine tiefergehende, aufregende Beziehung voller Leidenschaft und Hingabe mit allen Konsequenzen haben könnte.

Sie gingen und redeten stundenlang, aber so sehr er sich bemühte, so eindringlich er auch wurde, eine bestimmte Distanz konnte er einfach nicht überwinden. Eine unsichtbare Barriere blieb die ganze Zeit zwischen ihnen bestehen und langsam, ganz langsam kam es ihm in den Sinn, dass er eigentlich ganz alleine mit sich selbst und seinen Empfindungen diesen Weg entlang schritt.

Vollständig erreicht hatte ihn diese Erkenntnis aber erst, als Sie ihm sagte, dass es ihr momentan einfach unmöglich wäre, eine Beziehung mit ihm zu beginnen. Sie benötige noch Zeit zum Nachdenken und es wäre daher besser eine Pause auf unbestimmte Zeit einzulegen.

Freude paart sich manchmal mit Enttäuschung und für einen kurzen Moment, in dem die Zeit stillzustehen scheint, sind diese beiden so unterschiedlichen Emotionen miteinander verwoben, jedoch nur solange bis sie sich gegenseitig wieder abstoßen und nur eines von beiden übrig bleiben kann.

In diesem Fall hatte die Freude verloren.

Zum Abschied umarmte Sie ihn das erste und zugleich das letzte Mal in seinem Leben. Er war ihr damit so nah und zugleich fern, wie es wahrscheinlich von Anfang an vom Schicksal für ihn vorgesehen war.

Dann drehte Sie sich um und ging ganz langsam, fast schlendernd davon, während ihre Gestalt zunehmend kleiner und verschwommener wurde, bis Sie gänzlich aus seinem Blick verschwunden war.

In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er Sie verloren hatte. Er war nicht länger ein Bestandteil ihres Lebens. So wie Sie in seins getreten war, mit aller Heftigkeit, war Sie auch wieder gegangen.

Sie würde nicht mehr wiederkommen und alles was Sie zurückgelassen hatte, war eine Umarmung, die sich langsam aber sicher aufzulösen schien.

WAS BLEIBT
Er drückte die letzte Zigarette langsam im Aschenbecher aus und wandte den Blick vom Fenster ab. Das, was ihm nur innerhalb eines Monats widerfahren war, schien eine Million Jahre her zu sein, und genauso lang gedauert zu haben.

Was damals bei ihrem Treffen wirklich passiert ist, was Sie dazu bewogen hatte, ihn zurückzulassen, ihre wahren Beweggründe, sollte er nie erfahren. Kurz darauf war sie fortgegangen und seitdem hatte er Sie nicht mehr gesehen.

In seiner Erinnerung aber blieb Sie lebendig, lächelte ihn an und manchmal stellte er sich vor, wie Sie ihn in den Arm nahm und nicht mehr losließ.

FIN.

Natürlich ist es leichter etwas aufzuschreiben, was einem persönlich widerfahren ist. Der Inhalt dieser kleinen Erzählung sollte allerdings bitte nicht allzu ernst genommen werden. Weite Teile wurden verzerrt und extrem überzogen dargestellt, um ihren Effekt zu steigern. Die Figur der Handlung ist zweifellos in ihrer Wahrnehmung gestört und immer noch in ihrer Erinnerung, an die sie sich verzweifelt klammert, gefangen.

Es geht auch nicht darum, irgendein Urteil zu fällen. Es soll nur eine mögliche Sichtweise auf eine tiefe emotionale Instabilität eines Menschen sein, der über einen Verlust nicht hinweggekommen ist und dessen Seele dadurch Schaden genommen hat.

Das war die Idee dahinter. 

Was aber wahr ist, erkennst du selbst.      

Ich werde dich niemals vergessen.  

(Ahrensburg im Märzen des Jahres 2016)


EPILOG

Diese kleine Erzählung habe ich schon vor jetzt fast einem Jahr aufgeschrieben. Wer hätte je ahnen können, dass sich alles bewahrheiten würde. Ich bin zu dem geworden, was ich einst erschuf.

Ich habe lange überlegt, ob ich es hier veröffentlichen soll oder kann. Aber letztendlich wirst du dich nie wieder hierher verirren und so verbleibt es nur meine Geschichte. 

Ich weiß du willst vergessen und hast längst alles hinter dir gelassen. Ich hoffe, du wirst immer glücklich sein und niemals zulassen, dass dich die Schatten dieser Welt vereinnahmen und das Licht aus deinen wunderschönen Augen vertreiben. 

(Lübeck im Jänner des Jahres 2017)

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