Out of Control

Manchmal geraten Gefühle, Situationen, ja ganze Lebensumstände außer Kontrolle und man wird ihrer nicht mehr habhaft. Dann verliert man vielleicht den Boden unter den Füßen und muss ganz von vorne anfangen. 

Mein Neuanfang, meine Wiedergeburt beginnt mit dem heutigen Tag. Ich habe endlich meinen Therapieplatz bekommen und werde die nächsten 6 Wochen tagsüber in der Uniklinik Lübeck an einem, ich nenne es mal Genesungsprogramm, teilnehmen. Ich werde versuchen, realistische Ziele zu formulieren und sie auch zu erreichen, ohne mich verbiegen zu lassen. Du weißt womöglich, wie sehr ich das verabscheue und, wenn es darauf ankommt, den Diskurs nicht scheue. Daher sehe ich das, was auf mich zukommt eher als eine Art Experiment, denn ich giere förmlich nach neuen Erfahrungen und Begegnungen. Allein diese Tatsache kann mich nur nach vorne bringen, sie treibt mich voran, weil endlich etwas passiert und dieser lähmende Stillstand zumindest vorübergehend ein Ende haben wird. Davon bin ich fest überzeugt, denn natürlich ist alles besser, als gar nichts zu tun. 

Aber. 

Es gibt ein Aber. Meine Gedanken werden weiter um dich zumindest halbkreisen, allerdings nur das hier und jetzt betreffend. Ich frage mich oft, was du gerade machst, ob es dir gut geht und ob du glücklich bist. Aber andererseits habe ich dich auch noch nie unglücklich gesehen. In einer Art von mir ersonnenen Fiktion oder Parallelwelt erinnerst du dich hin und wieder meiner selbst und du tust dies ohne einen schlechten, bitteren Nachgeschmack oder unangenehme Reminiszenzen wahrzunehmen. Dieses Bild erhalte ich mir aufrecht und sollte es verblassen, werde ich die Konturen eben ein wenig nachziehen. Es wäre unangemessen und seiner Realität beraubt, zu behaupten, ich wäre in Gedanken bei dir. Natürlich kann ich das nicht und werde es auch nie können, nicht einmal versuchen. Dennoch kann oder will ich dich nicht vergessen, in Gänze aus meinem Kopf oder Herzen vertreiben. Selbst du vermagst nicht, mir das nehmen zu können. 

Ich halte dabei nicht an der Vergangenheit fest, ich gehe ihr aber auch nicht aus dem Weg, sondern konfrontiere mich damit, wann immer es sein muss. Natürlich ist etwas in meinem Kopf gehörig schiefgelaufen. Ich habe irgendwann eine falsche Abzweigung genommen, indessen habe ich längst aufgehört, mich zu fragen, was gewesen wäre wenn…

Aber ich vermisse dich außerordentlich. Ich vermisse deine Stimme, dein Lachen, ich vermisse es, dein wunderschönes Gesicht bei jeglicher Regung zu betrachten, mir fehlt es sehr, mit dir einfach nur zu quatschen, mir fehlt deine Klugheit, mir fehlt der philosophische Erisapfel, mir gehen die Diskussionen mit unterschiedlichen Standpunkten ab, ich vermisse die Donnerstage mit dir. Du fehlst an allen Ecken und Enden. 

All das, was mir so sehr fehlt, hat sich einfach verflüchtigt, sich schon vor langer Zeit aufgelöst und wird nicht mehr zurückkommen. Wir werden uns wohl niemals wieder begegnen und so bleibt mir nur der Wunsch, dass dir alles Wunderbare und gleichsam Schöne dieser, deiner Welt zuteil wird. Alles scheint dir so leicht zu fallen und so wird es auch in dieser Hinsicht sein. Das Leben, wenn man es einmal als eine Art Wesen betrachtet, liebt dich, es umarmt dich ohne zu klammern oder etwas von dir als Gegenleistung zu verlangen. Und in diesem Kontext ergibt es sogar einen Sinn, dass es einen so faszinierenden, umwerfenden und anziehenden Menschen wie du es bist, hervorgebracht hat. 

Ich bin nicht in Gedanken bei dir, jedoch bist du durchaus in meinen Gedanken. Nicht als Gefangene, sondern als Besucherin, die mich dann und wann an eine -vielleicht würdest du es flüchtige Bekanntschaft nennen, ich hingegen nenne es eine wunderbare, niemals zu bereuende Erfahrung- zu erinnern vermag. Mag sein, dass ich wieder übertreibe, das deiner Ansicht nach meine Wahrnehmung brüchig zu sein scheint, auch oder gerade weil ich weiß, dass du diese Zeilen niemals lesen wirst. Ich bin mir dessen durchaus bewusst, verbleibt es jedoch der einzige Kanal, die letzte freigebliebene Frequenz, auf der ich zu dir sprechen kann. Auch wenn es nicht zu dir gelangt, so habe ich es dennoch in den Äther hinausgeschickt. Was daraus wird, wo es landet und wie es ankommt, liegt indes nicht in meiner Hand. 

Aus der Vogelperspektive betrachtet mag es verrückt, befremdlich und ein wenig verstörend wirken, dass ich immer noch in dich verliebt bin. Aber ich bin bei klarem Verstand, während irgendetwas in mir dich nicht loslassen will. Ich habe mich damit abgefunden, dass dieses Feuer nicht ganz ausgeht. Ich kann nichts dagegen tun, auch dies entzieht sich jeglicher Kontrolle meinerseits, obgleich ich es wirklich versucht habe. Das Obsessive ist zwar verschwunden aber dieses eine, bestimmte Gefühl der Sehnsucht nach dir kommt immer wieder zurück. Und so versuche ich damit zu leben, weil ich es eben muss. Vielleicht gibt es keine Erlösung für mich, aus welchem Grund auch immer das so sein soll. Ich bin kein Kind des Lichts so wie du. Ich bin von den Schatten verschlungen worden oder habe mich verschlingen lassen. Dennoch fühle ich manchmal eine immense, in jenem Moment unantastbare Stärke in mir aufsteigen und sich ausbreiten, zyklisch wiederkehrend wie die Gezeiten, jedoch zeitlich nicht vorhersehbar. 

Du fehlst mir LCS. Aber ich wünschte nicht, es wäre anders.

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