Deliver me from evil


Die kleine Stadt sieht schon von weitem lediglich wie eine Kulisse zum durchreiten aus. Oder nein, mehr wie ein verlassenes, gähnend leeres, verdammt großes Massengrab. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Hier gibt es kein Leben mehr. Nur Eidechsen oder Geckos hängen vereinzelt an schmutzigen, dem Verfall und der Verrottung ausgesetzten Holzfassaden.

Die Fenster sind verschmiert und verdreckt vom Südwestwind, der den Staub und Wüstensand vor sich hertreibt. Fest eingefahrene Spurrillen von Kutschen und Abdrücke von Hufen sind das einzige Zeugnis menschlicher und tierischer Existenz aus einer Zeit, die schon werweißwielange zurück liegen mag.

Ich trage keine Sporen, um mein Pferd anzutreiben, davon halte ich nichts, und so löse ich mit den Fersen meiner Stiefel vorsichtig die notwendige Kontraktion aus, um meinen Rappen langsam auf die Hauptstraße einschwenken zu lassen.

Ich passiere den Saloon. Die Schwingtüren stehen weit offen, der Federmechanismus scheint schon lange defekt zu sein. Es wirkt so, als sei die Zeit auf dem Höhepunkt des Auflösungsprozesses hier einfach stehengeblieben, um in einem Moment der Stille für immer Zeugnis über das abzulegen, was an diesem gespenstischen Ort einst passierte.

Man spürt die Gegenwart des Bösen. Hier herrscht jetzt eine unaussprechlich finstere und grausame Macht, deretwegen ich den weiten und beschwerlichen Weg auf mich genommen habe. Vor vielen Meilen schon ist mir das Wasser ausgegangen, seit Tagen habe ich nichts mehr gegessen und ich bin erschöpft vom langen Ritt. Aber ich habe noch fünf Kugeln in meinem Revolver, drei weitere in meinem Gurt und bin bereit sie einzusetzen.

Ich bringe das Pferd zum stehen, sitze ab und blicke mich um. Es herrscht jetzt völlige Stille. Mehr noch als vorher schon, bin ich der Meinung, dass etwas auf mich lauert, mich beobachtet und nur auf den richtigen Moment zu warten scheint. In der Hoffnung, wenigstens noch irgendetwas Brauchbares für meine ausgetrocknete Kehle zu finden, betrete ich den Saloon und werde mit einem atemberaubenden Anblick konfrontiert. Die Verwesung, der Verfall -nenn es wie du willst- hat hier längst das Ruder übernommen.

Umgestürzte Tische und Stühle rotten vor sich hin, fehlende Bodenplanken geben den Blick auf einen schlammigen Untergrund frei, aus dem sich unzählige Pflanzen, wie aus einem dunklen Nichts sprießend, emporgehoben und das Innere des Gebäudes in eine Art wild wuchernden Garten verwandelt haben. Mein Blick fällt auf rankenverzierte Decken und Wände, mit den Dielen verwachsene, knorrige Wurzeln, die sich über und unter dem Boden hindurch bis zu ihrem Stamm schlängeln – einem Baum, der mitten in diesem gottverdammten Raum steht, als wäre es das Natürlichste der Welt. Dabei ist es das gerade nicht. Nein, wirklich nicht.

Und als ob dieses Bild noch nicht Wahnsinn genug darstellte, bemerke ich jetzt, dass jemand in diesem Baum auf einem Ast sitzt und mich süffisant anlächelt. Es ist das feixende Grinsen einer Schlange, die mit ihrer Beute noch ein wenig zu spielen gedenkt, bevor sie ihren Kiefer ausrenkt und ihr Opfer zu verschlingen beginnt.

Es handelt sich um einen Mann mittleren Alters, mit einem tief in’s Gesicht gezogenen Hut und schwarzen Gewändern. Seine Beine baumeln kindisch einfältig in der Luft, als bereite ihm diese infantile Haltung eine große, spielerische Freude.

„Howdy!“ ruft er mir spöttisch entgegen, während er dabei höflich seinen Hut lüftet und anschließend mit einer erstaunlichen Leichtigkeit vom Baum hüpft. Meine Hand wandert langsam Richtung Hüfte und löst unauffällig den ledernen Spanngurt, der den Revolver in seinem Holster festhält. Man kann nie wissen. „Hallo“ lautet dann auch meine einfallsreiche Antwort. Mist, nicht sehr schlagfertig!

„Bist du also endlich angekommen! Das wurde auch Zeit. Ich warte schon so lange auf dich!“

„War nicht leicht, dich ausfindig zu machen. Man meint, lediglich einem Mythos hinterher zu jagen. Aber wie ich jetzt sehe, bist du gar kein Legende. Du existierst wahrhaftig. Das hatte ich mir ersehnt!“

„Ich weiß du erhoffst dir, hier Erlösung zu finden. Aber das wird leider nicht geschehen. Da muss ich dich enttäuschen. Du kannst mich nicht besiegen. Niemand kann das.“

„Nur weil es bisher niemand geschafft hat, heißt dass nicht, dass es unmöglich ist.“

Sein kehliges, fast heiseres Lachen zerreißt die anschließende Stille. „Was, mehr fällt dir dazu nicht ein? Bist du sicher, dass du dieses Duell wirklich willst? Du bezahlst deine Torheit mit dem Tod. Noch kannst du umkehren!“

„Oh, ich habe an meiner Schnelligkeit und Technik gearbeitet, mach dir da mal keine Sorgen!“

„Sorgen und Ängste überlasse ich euch schwachen Menschen. Ich bin der Torwächter und lasse niemanden durch. Das ist meine Aufgabe bis in die Ewigkeit.“

„Dann endet dein Zeitalter am heutigen Tage. Du wirst verrotten und niemand wird sich deiner erinnern. Mein Wort drauf! Mach dich bereit!“

„Also gut. Lass uns rausgehen und beginnen!“

Wir verlassen den Saloon und treten auf die Straße hinaus. Wir stellen uns 30 Meter voneinander entfernt gegenüber auf und ich suche mir einen festen Stand. Meine Stiefel graben sich in den Sand. Die Sonne wärmt meinen Rücken, vielleicht zum letzten Mal. Ich denke an die Zeit, die hinter mir liegt und mir läuft sanft eine Träne die Wange herunter. Ich schmecke das salzige Nass, als ich mir mit der Zunge über die Lippen fahre. Dann schiebe ich meinen Hut aus dem Gesicht und lockere meine Hände. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Der Torwächter zieht und schießt. Er ist sehr schnell aber ich habe die typische Bewegung seiner Schulter erkannt und bin einen Wimpernschlag schneller, als ich meinen Revolver aus dem Halfter ziehe und abdrücke. Nur leider klemmt der verdammte Abzug und so spüre ich kurz darauf einen heftigen Stoß im Brustbereich, der mich umwirft und eine Menge Staub aufwirbelt. 

Der Himmel ist fast wolkenlos und weist eine wunderschöne ozeanblaue, fast smaragdgrüne Farbe auf, die sich jetzt langsam mit hellroter Tinte vermischt und dunkel färbt.

Ich höre Schritte, die sich langsam nähern und sehe dann das Gesicht des Torwächters, der sich mit interessierter Miene über mich beugt und dann in die Hocke geht um mir etwas ins Ohr zu flüstern.

„Du hättest nicht herkommen sollen. Ich bewundere deinen Mut aber du hättest nicht herkommen sollen. Dein Leben war nicht das Schlechteste, weißt du? Du hättest noch viele Jahre vor dir gehabt und wärest vielleicht auch noch glücklich geworden. Aber du wolltest es erzwingen. Unbedingt. Obwohl du wusstest, welche Risiken dein Vorgehen birgt. Da, wo du jetzt hingehst, gibt es keine Erlösung und du wirst dort keinen Frieden finden. Du warst nah dran, aber letztendlich konntest du deinem Schicksal nicht auf diese Weise entfliehen, mein Freund. Und so ergeht es hier jedem, der diesen Weg beschreitet und nicht würdig ist. Ich konnte dich nicht durchlassen, weil es dir nicht bestimmt war. So long, Fremder, machs gut!“

Ich versuche zu lächeln, aber bringe wohl nichts weiter als eine schiefe Grimasse hervor. 

„Mag sein Wächter. Mag sein. Manchmal müssen wir Entscheidungen treffen, die ein hohes Risiko bergen. Ich hatte keine Kraft mehr, noch irgendetwas Schönes in meinem Dasein auszumachen. Ich hörte von dir und der Möglichkeit bei einem siegreichen Duell ein neues Leben beginnen zu dürfen. Es klang so verheißungsvoll und ich sah es als letzte Möglichkeit, die Dinge doch noch zum Guten zu wenden. Ich bereue es jedoch nicht.“

Ein heftiger Schmerz durchfährt meinen Körper, dann verschlingt mich die Dunkelheit. 

Hinterlasse einen Kommentar