Willkommen in meiner Welt


Der Himmel ist rosa und die Wolken wirken wie aus Zuckerwatte gemacht, so süß! Die Sonne scheint spaßig hindurch, ein aufgemaltes Lächeln und natürlich auch die dazugehörigen, leuchtenden Augen werden von einem kreisrunden, knallgelben Gesicht umrahmt. Manchmal hat sie auch ne Sonnenbrille auf, weil es lustig ist, wenn man denkt: hey die Sonne strahlt so hell und freundlich, die braucht selber ne Sonnenbrille, haha.

Ich erwache und öffne meine Augen. Ich atme tief ein und ganz langsam wieder aus. Ich steige aus dem Bett, strecke mich wie in der Werbung mit nach oben ausgestreckten Armen und leicht geballten Fäusten vor dem Fenster, gähne lauthals und ziehe die Jalousien mit einem geräuschvollen Krachen bis zum Anschlag und voller Tatendrang ganz hoch. Ich heiße den Tag willkommen und zeige mein strahlendes Gebiss. Auf einem meiner Schneidezähne wird just in diesem Moment, von einem kurzen, prägnanten bling! – Ton begleitet, ein einzelner, gleißender und güldener Sonnenstrahl sternförmig reflektiert. Alles klar, thumbs up, ich grüße dich ebenfalls, Gestirn des Tages!

Das Licht in meiner sonnendurchfluteten Wohnung ist schön milchig-cremig und dringt in jede Ritze, füllt jeden der 64,5 Quadratmeter Wohnfläche komplett aus, die hellen Möbel kommen gut zur Geltung. Oh, wie schön ist Panama! Ich schwebe barfuß über das Parkett und läute das allmorgendliche Kaffee-oder Teeritual ein. Ich schüre das Feuer im Ofen und setze den verbeulten Kupferkessel auf eine der Herdplatten. Während das Wasser langsam zu köcheln beginnt, eile ich beschwingt ins Bad und high-five mein Spiegelbild, das sich etwas beschämt zur Seite dreht. Nana, nur keine falsche Bescheidenheit!

Unter der Dusche überkommt mich wieder einmal die unbändige Lust lauthals loszusingen, ich schmettere die pure Lebensfreude aus mir heraus, sozusagen on heavy rotation. Der Duschkopf ist das Mic. Was sonst. Danach male ich noch einen großen Smiley auf den beschlagenen Badezimmerspiegel und ziehe mich an. 

Das Telefon klingelt. Hallo? XYZ ist dran. Sie sagt, wie sehr sie sich auf heute Abend freut, darauf mich wiederzusehen und dass sie es gar nicht erwarten kann, in meine schönen Augen zu blicken. Ich freue mich sehr über ihren Anruf, ein leichtes Kribbeln durchfährt meinen Körper und ein Lächeln umspielt meine sinnlichen Lippen. 

Ein kleiner, süßer Spatz hüpft derweil auf das Geländer meines Balkons und zwitschert mich fröhlich von der Seite an. Hallo, du kleiner Spatz! Alles klar bei dir? „Ja,“ pfeift der kleine Spatz und weiter: „ich wünsche dir einen wundervollen Tag, schöner fremder Mann!“ Ick dir ooch, und flieg nicht so hoch, du kleiner Spatz! Darüber müssen wir beide lachen, der kleine Spatz und ich, denn auch ein Spatz kann lachen und sei er noch so klein, jawohl! Er ist aber auch wirklich zu süß, der kleine Spatz. Dann fliegt der wirklich sehr, sehr kleine Spatz putzmunter weiter. 

Heute gibt es mal…mhh…ich glaube Kaffee, ja genau. Der Duft gerösteter Bohnen steigt in meine Nase und betört meine Rezeptoren. Ich atme mit geschlossenen Augen tief ein und ganz langsam wieder aus, betrachte dann den Kaffeebecher, wiege ihn auf meiner Handfläche und trinke genießerisch einen Schluck der köstlichen, tiefschwarzen Flüssigkeit. Eine perfekte, goldbraune Scheibe Toast wird geräuschvoll ausgespuckt. Ich erschrecke kurz und lache dann über mich selbst. Du Dummerle, is doch nur der Toaster! Ich bestreiche das Toastbrot mit etwas Butter und stoße es aus Versehen vom Küchentisch. Hoppla, denke ich und sehe, wie die geröstete Brotscheibe rotierend den Abflug macht, um schließlich mit der Butterseite nach oben auf dem klinisch reinen Boden liegen zu bleiben.  

Nach dem Frühstück verlasse ich die Wohnung und rutsche sausend, huuiii!, das Treppenhausgeländer herunter bis ins Erdgeschoss, wo ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden lande. Ich schlage ein Rad bis zur Eingangstür und öffne sie beschwingt. Endlich. Die Welt. Die frische Luft. Ich atme tief ein und ganz langsam wieder aus. Regenbögen, Einhörner und umherflirrende Schmetterlinge. Saftige, grüne Wiesen, kristallklare Bäche, bunte Blumen und zwitschernde Vögel. Ein Füllhorn an großartigen Ereignissen und Begegnungen erwartet mich. 

Ich steige aufs Rad und kurble lustig die Pedale im Kreis umher, bis ich den Schwung raushabe und sich mein Stahlesel wie von alleine fährt. Stahlesel. Lustiges Wort. Ich kichere in mich hinein. Auf meinem Weg grüßen mich alle freundlich und ich grüße bumsfidel mit wedelnden Händen und rudernden Armen zurück. Dann passiere ich die große Schranke und mache einen spaßigen Kapitänsgruß Richtung Pförtner. Das Leben ist so schön. 

Mein Rad lasse ich einfach ins Gras fallen und betrete dann das Haus mit der Nummer 33 der Uniklinik Lübeck. Ich durchlaufe den langen Korridor und erreiche den großen Aufenthaltsraum. Dort nehme ich am hinteren linken Tisch langsam Platz und lege meine Hände bedächtig auf der hellen, kühlen Tischplatte ab. Ich bin jetzt vollständig angekommen. 

Ich schließe meine Augen, atme tief ein und ganz langsam wieder aus. Immer und immer wieder. Bis sich mein Verstand von meinem Körper löst und meinen Geist und meine Gedanken freigibt. Dann öffne ich meine Augen wieder. 

Und ich sehe die Apokalypse. Ich sehe meine Welt. Es gibt keine Sonne, keinen Spatz und keinen Frieden. Es gibt kein XYZ und kein LCS. Es gibt feuerspeiende Drachen, hässliche Fratzen, lachende Wesen, die mit ausgestreckten Fingern auf mich zeigen. Es gibt leere Räume, hohle Einsamkeit, unerfüllte Sehnsüchte, Stille allerortens und dunkle Höhlen und feuchte Verliese. Es gibt kreisende Geier, gierige Hyänen und zischende Schlangen. Es gibt verdorrtes Gras, verwelkte Blumen und zertrampelte Beete. Es regnet Asche vom Himmel, die sanft und lautlos zu Boden rieselt. 

Es gibt keine Hoffnung, keine Erlösung und keine Liebe. Es ist eine von unendlicher Larmoyanz beherrschte Welt. 

Und im hohen Gras liegt ein umgestoßenes, altes, verrostetes Fahrrad, dessen vorderer Reifen sich unablässig dreht und dreht und dreht, während ich tief einatme…

Ein Gedanke zu “Willkommen in meiner Welt”

  1. Ich frage mich so oft, was sicherer ist: Aus vollem Herzen leben, lieben, glücklich sein und dann aus lauter glücklicher Unvernunft in die Realität zu stolpern und mir die Fresse zu polieren, wieder einmal. Oder nicht mehr träumen. Nicht mehr lieben. Nicht mehr leben. Sicher sein. Nur dass bei letzterem nur eines sicher ist: Keine Hoffnung und keine Freude mehr zu haben. Zwickmühle.

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