Man kennt das vielleicht. Man liegt wach, auf dem Rücken liegend im Bett und wartet auf das Klingeln des Weckers. Schlafen immer seitlich, wachend auf dem Rücken. Bauch geht gar nicht. So auch Frau Krause. Frau Krause ist 38 Jahre alt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder, die beide noch im Elternhaus wohnen. Sie erfüllt damit die durchschnittliche Geburtenziffer sogar über Gebühr. 1,5 Kinder kann man halt schlecht haben. Das sind die Fakten.
Die hellrot leuchtenden Ziffern der Uhr auf dem Nachttisch springen auf 6:03 Uhr und es erklingt eine sanfte, sich stetig steigernde Melodie. Manche Menschen stellen ihre Wecker auf volle Stunden, nicht so Frau Krause. Wozu auch? Damit man mehr vom Tag und weniger vom Schlaf hat? Oder weil man meint, es gehört sich so? Fehlen ansonsten am Ende des Tages 2-3 Minuten oder täte man der vollen Stunde Unrecht, wenn man man ihr diese paar Minuten nähme?
Die Zahlen der LED-Anzeige verändern sich erneut und erbarmungslos, die innere Uhr des Weckers hat registriert, dass weitere, kostbare 60 Sekunden vergangen sind. Mittlerweile sind die Klänge zu einer lauten Kakophonie in Endlosschleife angewachsen.
Doch Frau Krauses Augen sind weiterhin auf die Decke gerichtet. Sie bleibt völlig reglos liegen. Aus dem Erdgeschoss werden Geräusche hoch bis ins Schlafzimmer getragen. Raschelnde, klirrende und schlurfende Laute. Schubladen werden aufgezogen, so heftig, dass das Besteck umhergewirbelt wird. Schranktüren werden geöffnet und wieder zugeschlagen, Geschirr klappert und Porzellan reibt unangenehm aneinander. Füße in Hausschuhen oder Socken trampeln und stapfen über Fliesen, Stimmen werden laut. Gezanke, Geplänkel, Gezeter.
Frau Krause liegt. Der Wecker schreit. Und mit ihm Frau Krause. Es durchfährt sie ganz plötzlich, es überkommt sie, übernimmt ihre Gedanken, fegt sie vom Tisch, füllt ihren Kopf komplett aus. Frau Krause schreit und schreit und schreit ohne auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben. Ein lautloses Gebrüll, ein innerer, keifender und kreischender, sich überschlagender Monolog, eine im Vakuum tosende, disharmonische Symphonie überfällt und durchzuckt ihren Verstand zur Gänze.
„Mama! Mama! Was ist denn los mit dir, du machst mir Angst!“ Mama Krause wird von einem ihrer Kinder heftig durchgerüttelt und kehrt allmählich wieder in die Außenwelt zurück und als sie aufblickt, schaut sie in das tränenüberströmte Gesicht ihrer Tochter. Aber da ist kein Mitgefühl oder der Drang, ihr Kind in den Arm zu nehmen und ihm zu versichern, dass alles in Ordnung ist. Sie bleibt emotionslos, was das Kind noch mehr zu verstören scheint. Jetzt endlich, in einer Art barmherziger Reflexreaktion streicht Frau Krause sanft, fast unmerklich über den Arm ihrer Tochter und flüsterst leise: „Du hast heute die Verantwortung zu tragen, meine Große, ich bleibe noch ein wenig liegen, sei so gut und hilf deiner Schwester bestmöglich in der Küche und begleite sie dann zur Schule. Sieh mich an, Liebes. Schaffst du das?“
Ihre Tochter nickt schweigsam aber scheinbar immer noch irritiert, so als wüsste sie genau, dass etwas nicht stimmt aber sie sich ebenso durchaus ihrer wichtigen Aufgabe bewusst ist. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt nachzufragen, sie erkennt es am eindringlichen Ton ihrer Mutter. Langsam und unsicher wendet sie sich ab und geht wieder hinunter zu ihrer kleinen Schwester.
Als die Haustür 20 Minuten später zugeschlagen wird, breitet sich Erleichterung in Frau Krause aus. Etwas hat sich losgelöst. Das zähe Gummiband der Verantwortung, der Zwänge ist gerissen. Vom Bett aus sieht sie sich langsam im Raum um. Sie betrachtet die Bilder an den Wänden, den großen Kleiderschrank, die Kleidung über dem Stuhl aber alle diese Dinge sagen ihr nichts, bleiben im Dunkel ihres Zerebrums verborgen. Für einen kurzen Zeitraum befällt sie ein leichter Dämmerzustand, Vorhänge wie Wolken, nicht blickdicht jedoch verschleiernd, legen sich seicht und sanft über ihren Verstand, immer etwas länger, von Tag zu Tag.
Es ist jetzt 07:01 Uhr. Frau Krause weiß, dass irgendwann Minuten und Stunden, die Zeit an sich, für sie keine Rolle mehr spielen wird. Die Besorgnis zu teilen, sich zu offenbaren, hieße das Unfassbare zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen. Noch liegt es in ihrem eigenen Ermessen, eine Entscheidung zu treffen, so unangenehm und unliebsam sie auch sein mag. Und so beschließt sie endlich diesen Schritt zu gehen.
Frau Krause’s Seilziehen mit der Furcht, sie auf der einen, die Angst auf der anderen Seite, neigt sich also dem Ende entgegen. Je heftiger sie selbst zerrte, desto stärker zog immer die Gegenseite. So geht es schon eine geraume Zeit. Doch heute nicht. Ab heute nicht mehr. Heute macht Frau Krause der Angst einen Strich durch die Rechnung. Mit einer ganz simplen Idee. Dieses Seilziehen ist nichts weiter als ein Wettkampf, denkt sie, den letztendlich nur die Angst für sich entscheiden kann, weil sie darauf konditioniert ist, es ist ihre Disziplin, in der sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Man meint, man müsse dagegenhalten, so heftig am Seil reißen, wie man nur könne. Was, wenn man diesem Zwang nicht nachkommen, was wenn man das Spiel mit der Angst einfach beenden würde? Die Angst wüsste nicht, was sie tun sollte, weil sie nichts anderes kennt außer zerren, ziehen und reißen. Frau Krause hingegen schon.
Sie legt das Seil langsam aus der Hand und auf den Boden und lässt die Angst irritiert zurück.