Der Zaubertrick 

Einst zog ein Zauberkünstler durchs Land. Jedenfalls nannte er sich selbst so und es stand auch auf seinem hölzernen Karren, mit dem er unterwegs war. Genauer gesagt, stand dort schwarz auf Holz eingebrannt: Magicae verum, was soviel bedeutet wie: wahre Zauberei oder so ähnlich. Vielerorts nannten sie ihn wohl eher einen Gaukler oder Taschenspieler, manchmal allerdings auch einen Betrüger.

Als er eines Tages in ein kleines Fischerdorf kam, verhielten sich die Bewohner dort sehr abweisend und versuchten ihn sogar zu vertreiben. Der Zauberer war Ablehnung und Misstrauen gewohnt, also ignorierte er sie weitestgehend und blieb mit seinem Fuhrwerk weiterhin mitten auf dem kleinen Marktplatz zwischen den anderen Ständen stehen, als warte er auf etwas Bestimmtes. 

Ein Mann mittleren Alters kam auf ihn zu und beäugte interessiert zuerst den Zauberer und dann die fremdartigen Utensilien, die in dem Karren lagen. „Ich wünsche einen angenehmen Tag, werter Herr!“ sagte der Zauberer. „Darf ich Ihnen vielleicht etwas Einzigartiges und zugleich Wundersames zeigen? Es kostet Sie nur ein Goldstück!“

„Ich weiß nicht,“ sagte der Mann „es kommen und gehen so einige Eurer Zunft. Ich habe schon vieles gesehen und mir Allerlei angelesen. Ich kenne also Eure Tricks und Scherze. An mir werdet Ihr wohl nichts verdienen!“ Der Zauber legte seinen Kopf ein wenig schief und erwiderte: „Nun denn. Lasst es auf einen Versuch ankommen. Falls Ihr unterhalten werdet, könnt ihr mich immer noch bezahlen!“ Damit war der Mann einverstanden. „Dann verblüfft mich. Aber ich sage Euch im Voraus, dass ich ein Skeptiker bin!“

Der Zauberer zog eine Münze hinter dem Ohr seines vermeintlichen Klienten hervor, steckte sie in seine Faust und ließ sie schließlich gänzlich verschwinden. Sein Gegenüber war leidlich beeindruckt. „Ein gewöhnlicher, akrobatischer Akt von Ablenkung und Gewandheit. Das kannte ich schon. Bietet mir etwas mehr, alter Mann!“

Der Zauberer ließ den Mann verdeckt 3 Karten ziehen und steckte sie anschließend wieder in den Stapel zurück. Dann mischte er die Karten gut durch und legte jeweils eine verdeckt und eine offen vor dem Mann hin, bis nur noch 3 Karten übrig blieben. Es waren die Gesuchten. Auch dieses Kunststück entlockte dem Mann nur ein müdes Lächeln. „Hinsichtlich der Geschicklichkeit Eurer Hände seid Ihr gerade noch im unteren Drittel aller sogenannten Magier, die ich einst sah. Ebenso leidet Eure Schnelligkeit etwas mit dem Alter. Der Rest Eurer Vorstellung besteht aus Mathematik und Algebra, einem Fach, in dem ich mich durchaus als bewandert bezeichnen möchte. Ihr seht, Ihr könnt mich nicht täuschen! Ich denke fast, dass Ihr mir ein Goldstück ob meiner Guten Beobachtungsgabe zahlen solltet!“

Der Zauberer sah den Mann mit sanftem Blick an. Ein feines, fast unmerkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Werter Herr,“ begann er „sagt mir nur eines-was hat Euch dazu bewogen, mir einen Besuch abzustatten? Ist es Euer fehlender Glaube?“ Ein leichter Anflug von Verwirrung trat in die Augen des Mannes. „Glaube? Ich glaube an die Realität, an die Analyse, die Wissenschaft und Forschung. Ist das nicht Glauben genug?“

„Genügt es, bis an den Rand zu schauen, weil man meint, dahinter wäre die Welt zu Ende? Ist es genug, ein weiser Mensch zu sein, der alles weiß, nur sich selbst nicht kennt?“ fragte darauf der Zauberer. „Du hast gesagt, ich solle dich verblüffen. Weil du glauben willst. An Etwas, das außer der Reichweite deiner Wahrnehmung liegt. Das ist der wahre Grund, warum du zu mir gekommen bist. Weil du deinen Glauben verloren hast. Ich kann ihn dir wieder zurück geben, deshalb bin ich hier. Nach so langer Zeit sehen wir uns nun also auf den Tag genau nach einem Jahr wieder.“

Der Mann sah verblüfft drein. „Was redet Ihr da nur für ein wirres Zeug! Wir sind uns noch nie vorher begegnet, dessen bin ich absolut sicher!“ Der alte Zauberer berührte den Mann kurz am Arm und sagte „Schließe deine Augen und du wirst sehen!“ Als hätte eine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen, tat der Mann augenblicklich wie ihm geheißen, obgleich er es nicht wollte, ja sich sogar dagegen sträubte. Und mit der Schwärze kam die Erinnerung, längst verblasste Bilder aus der Vergangenheit zogen wie im Zeitraffer an ihm vorbei, begleitet von der Stimme des Alten.

„Was du siehst, ist wahrhaftig passiert. Wir trafen uns vor einem Jahr bereits an diesem Ort. Damals warst du ein einfacher, jedoch rechtschaffener Mann, der seines Lebens müde geworden war. Auch zu dieser Zeit hattest du den Glauben schon einmal verloren, nur aus anderem Grunde. Ich sah deine Verzweiflung und wollte dir helfen, aber alles braucht seine Zeit und so beschloss ich sie dir zu geben. Ich benutzte Hypnose, eine Form der gedanklichen Beeinflussung, um dir einen anderen, weitaus rationaleren Lebensweg aufzuzeigen, dich in eine andere Richtung zu lenken. Alles geschah nur zu deinem Besten. Wenn man seinen Glauben erst verloren hat, tut es gut, zu erfahren, was Verlust überhaupt bedeutet. Nur dann vermag man, Entscheidungen zu treffen. Das Ausbleiben jeglicher Hoffnung und Zuversicht ist ein Teil all jeglicher Bewältigung des Leids. Es ist der erste wichtige Schritt, nur erkennen wir es manchmal nicht. Dann haben wir vergessen zu sehen. Ich verabschiedete dich mit einem neuen Ansinnen und ließ dich deinen Schmerz aber auch dein bisheriges Leben vergessen. Erst nach einem Jahr des gedanklichen Exils sollten sich unsere Wege wieder kreuzen. Du bist ein Spötter und Zyniker geworden. Deine Gefühle sind erschlafft und erkaltet. Und nun, da du entscheiden kannst, frage dich selbst: bist du glücklich? Oder würdest du dein neues Leben wieder gegen das alte eintauschen wollen? Welche Wahl auch immer du treffen magst, ich jedenfalls habe meinen Teil erfüllt und dich wieder staunen lassen.“

Erneut berührte er sanft den Arm des Mannes, der, obgleich er niemals sein Augenlicht wirklich verloren hatte, jetzt endlich wieder zu sehen vermochte. 

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