Der Esel, der gerne ein Pferd wäre

Ja, was diesen Esel anbelangt-ein schwieriger Fall. Ein wenig komplex und recht speziell. In meiner gesamten Laufbahn ist mir so etwas bislang nicht untergekommen. Als der Esel in meine Praxis kam und mir sein Problem schilderte, war ich anfangs noch etwas perplex, das gebe ich unumwunden zu, aber je länger der Esel erzählte, desto interessierter wurde ich.

Ich schäme mich dafür ein Esel zu sein! Ich wünschte ich wäre ein prachtvolles Pferd! So fing alles an. Ich fragte den Esel, was denn so toll daran wäre, ein Pferd zu sein und tappte gleich in die erste Falle-von mir selbst gestellt, wohlgemerkt. Typischer Anfängerfehler.

Das weiß ich doch nicht, schließlich bin ich ja gar kein Pferd, sagte mir der Esel, aber ich wäre doch so verdammt gerne ein Pferd! Also gut. Anders gefragt. Was sei so schlecht daran, ein Esel zu sein? Was so schlecht daran ist? Schon mal einen Esel neben einem Pferd gesehen? Da mache ich mich ja erst recht zum Esel! Ein Pferd ist groß. Es ist stark und hat so schönes, seidiges Fell. Naja, gut, aber ein Esel sei doch niedlich und putzig und würde von kleinen Kindern geliebt. Auch zeichnen einen Esel seine hinreißend langen Ohren und hohen Hufen aus. Soviel zu meinen Einwänden.

Wer will denn hier putzig und niedlich sein bitteschön? Ich will stolz und prachtvoll sein wie ein Araber oder ein Paso Peruano! Der Esel schien also wirklich verzweifelt. Nur gab es da ein kleines Problem. Er wisse wohl, dass er niemals ein Pferd würde sein können, oder? Aber ich könne versuchen, ihn von diesen Gedanken zu befreien und – wie wäre es dann mit einem Pony? Wenigstens ein Pony! unterbrach mich der Esel eilig. Nein, er könne natürlich weder ein Pferd noch ein Pony sein und jeglicher Gedanke daran wäre verschwendete Mißwirtschaft der Zeit, die ihm bliebe, sagte ich möglichst behutsam. Aber er könne der beste und schönste Esel sein, der er nur zu sein imstande wäre. Wäre das nicht genug? Nein, ich glaube nicht, sagte der Esel in traurigem Ton und schwieg dann eine Weile.

Wie käme er denn überhaupt auf den Gedanken, ein Pferd sein zu wollen? Und dann ging es los. Er habe sich vor einiger Zeit in eine wunderschöne Stute verliebt. Sie ist so anmutig und wild und eigensinnig. Wenn Sie sie nur sehen könnten, sie würden sich auch auf der Stelle verlieben! Hätte er denn versucht, sich ihr zu nähern, ihr Avancen gemacht? Ich habe alles mögliche versucht, jedoch scheint Sie sich nur für Hengste und nicht für mich alten Esel zu interessieren. Es ist ein so sinnloses Unterfangen, aber mein Herz ist vergeben und verloren! Gäbe es denn keine interessante Eselstute in seinem Blickfeld? Das interessiere ihn nicht und sei nicht von Belang, er könne die Stute einfach nicht vergessen. Ich fragte den Esel, was er denn von mir erwarten würde, warum er zu mir gekommen wäre.

Ich wollte nur einmal mit jemandem darüber reden, sagte er mir. Mein Leid klagen und die Ungerechtigkeit unseres individuellen Daseins hinaus in die Welt schreien! Ihm sei durchaus bewusst, dass ein Pferd und ein Esel niemals zusammenfinden könnten. Er lebe halt in seiner Welt und sie in der ihren. Da könne man nichts machen. Aber die Verzweiflung bliebe. Sie habe sich festgesetzt und hätte mittlerweile das Ausmaß einer griechischen Tragödie angenommen. Und dann kam die Frage, die eigentlich jeder Patient irgendwann stellt. Was soll ich denn jetzt nur tun? Ich musste den Esel also unbefriedigt ziehen lassen, weil ich ihm keine konkrete Antwort auf seine Frage geben konnte. Denn es gibt keine solche, zufriedenstellende Antwort.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Warum ich meine Schweigepflicht breche, indem ich das tue? Nun, vielleicht weil ich Sie ein wenig an der Nase herumgeführt habe. Das geht an alle Esel da draußen: macht Eure Träume wahr, auch wenn Sie unerreichbar erscheinen. Wenn Ihr Euch in ein Pferd verlieben solltet, gebt alles, was in Eurer Macht steht, verausgabt Euch, wachst über Euch hinaus und dann werdet Ihr vielleicht belohnt. Und falls nicht, gebt Euch nicht auf. Glaubt an Euch, an das Leben und weiterhin an die Liebe. Nein, ein Esel wird niemals ein Pferd sein können, genauso wenig, wie aus einer Ente ein Schwan wird. Aber versucht, das beste Wesen zu sein, dass Ihr sein könnt und Ihr werdet strahlen. Auf der Euch eigenen gegebenen Weise.

Ich weiß, dass ist leichter gesagt als geglaubt und getan. Aber denkt daran, dass nur Ihr selbst entscheidet, wie und was ihr über Euch denkt, wie Ihr handelt und wie Ihr leben wollt. Niemand anderer. Ihr allein bestimmt ob Ihr ein Esel oder ein Pferd sein wollt.

Ebenso fällt es auch mir selbst sehr schwer, meinem eigenen Rat zu trauen.

Aber werde ich es trotzdem versuchen? Iaah!

Hinterlasse einen Kommentar