Feenzauber

Während sich die Schlinge derb und rauh um meinen Hals schnürt und ich schon fast besinnungslos vom Sims des Nachbarhauses so vor mich hin schaukel, umkreist mich plötzlich ein flirrendes Etwas. Nicht viel größer als eine Schmeißfliege und mindestens genau so lästig, beginnt es mich zunehmend zu nerven, mich in meiner Konzentration auf mein bevorstehendes Schicksal zu stören. Und als wäre das nicht genug, fängt das Ding mit rauher, atemlos keuchender Stimme auch noch zu sprechen an. WHAT?

„Hey! Komm‘ ich etwa zu spät? Sorry, ging nich früher, hab mich verflogen in dieser Scheißstadt, wo alles irgendwie gleich aussieht! Was machst du denn da nur? Bist du gestolpert und aus Versehen mit dem Kopf voran in diese Schlinge gefallen? Nein? Nicht witzig?“

„Fuck! Was bist denn du? Wollt ihr mich selbst jetzt noch verarschen?“

„Keine Ahnung, wovon du sprichst aber kannst du bitte mal runterkommen? Ich meine das sowohl im allegorischen als auch tatsächlichen Sinne! Und achja, nur für’s Protokoll, mein Name ist Cassiopeia und ich bin eine Fee.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Sag mal, geht´s noch? Verpiss dich!“

„Überraschung, du Vollhans! Ich kann leider nicht einfach abhauen. Glaub mir, ich wäre jetzt auch lieber auf der großen Feenparty und würde mich volllaufen lassen, aber ich hab‘ hier diesen beschissenen Sonderauftrag erhalten und – naja, da bin ich! Bringen wir’s also hinter uns und dann können wir beide jeder für sich nach Hause gehen oder in meinem Fall fliegen. Vielleicht ist dann sogar noch was vom Mondschneckenschnaps für mich übrig.“

„Du bist also eine Fee, was? Ja klar, der Gedanke kommt einem gleich als erstes in den Sinn, wenn man dich so sprechen hört. Deine Worte sind so wohlklingend, betörend und aufmunternd, dass ich mich zu fragen beginne, warum ich mir keinen Stacheldraht um den Hals gelegt habe.

„Jaja, von deinem Sarkasmus hab‘ ich schon gehört, damit beeindruckst du mich nicht! So, und jetzt hör mal gut zu du Penner, ich hab hier 2 astreine Wünsche und noch etwas Feenstaub im Brustbeutel und noch hast du die Chance sie einzulösen, aber viel Zeit scheint uns nicht mehr zu bleiben. Also, was is jetzt – abhängen oder weitermachen?“

„Was, wenn ich nicht will? Steck‘ dir deine Wünsche sonstwohin! Jetzt auf einmal kommt ihr damit um die Ecke, jetzt, wo es längst zu spät ist und es kein Zurück mehr gibt!“

„Mannmann Opa, ich krieg‘ noch Achselterror wegen dir – besser spät als gar nich, oder wie siehst du das? Einem geschenkten Gaul und so weiter, blablabla…und ich hab‘ nich ewig Zeit, du Weichei, das Flügelschlagen wird ziemlich anstrengend auf Dauer und ich hab‘ nen Mords-Jetlag, also hau‘ mal nen Schlag rein!“

„Achja, und ich kann mir tatsächlich wünschen, was ich will – es geht auf jeden Fall in Erfüllung?“

„Nee, du Lappen, der Spaß besteht darin, den beschwerlichen, weiten Weg auf sich zu nehmen, sich dir als falsche Fee auszugeben, dich zu verarschen und dann unverrichteter Dinge wieder tagelang zurück zu fliegen, nur um von seinem Chef zuhause nen Riesenanschiss zu bekommen. Macht das vielleicht Sinn, du Denkzwerg?“

„Nenn mich nicht so. Du hast ja keine Ahnung, wie es mir geht und was mich zu dieser Verzweiflungstat-“

„Alter, seh‘ ich etwa aus wie deine verdammte Therapeutin? Is‘ mir akk, warum du hier rumbaumelst. Ich hab‘ nur den Auftrag, dir 2 Wünsche anzubieten und zu erfüllen. Und wenn du mich fragst, solltest du das Angebot verdammtnochmal annehmen, denn wenn ich mir deine Optionen so zu Gemüte führe, bleibt dir gar nichts anderes übrig! Das is so sicher, wie das Schädelficken, das ich nach dem Besuch der neuen Feenbar nächste Woche haben werde! Was darf’s denn nun als Erstes sein? Ein Flugzeugträger oder ’ne Riesenvilla mit jeder Menge Topmodels?“

„Wow, zimperlich bist du ja nicht gerade. Und Topmodels? Echt jetzt? Danke, Verzichte!“

„Wird oft gewünscht. Kann ich nix dafür! Wer’s mag…mir doch Wumpe. Übrigens bist du schon hübsch lila im Gesicht, also mach‘ Latte!“

„Ok, das ist einfach, als Erstes will ich, dass LCS –

„Sorry Alter, das geht nicht! Nix, was mit diesen Initialen, dem Namen und deren Bedeutung im Zusammenhang steht, kann ich dir erfüllen! Is die einzige Einschränkung, tut mir leid! Anweisung von ganz oben.“

„Was anderes will ich aber nicht, verdammte Scheiße nochmal, wann begreift ihr das denn endlich? Warum ist immer alles mit irgendwelchen Stolperfallen und Tricksereien verbunden, die unbedingt verhindern sollen, dass ich glücklich werde!“

„Alles klar, lass mal Luft in deine Lungen, hab’s kapiert! Muss doch noch was anderes geben, denk nach, Mann. Reichtum? Eine neue Mütze vielleicht? Oder Haarwuchs?“

„So, jetzt reicht’s! Ich brauche euch und eure leeren Versprechungen nicht länger! Zieh‘ ab und kipp dir einen hinter die Flügel. Hau ab, hörst du? Hau ab!“

„Was denn? Keine Gratiswünsche? Bist du sicher? Muss ich dann nämlich in meinen Bericht schreiben, damit mir das mein Chef auch glaubt!“

„Was ist denn daran nur so schwer zu verstehen? ICH VERZICHTE AUF EURE VERFICKTEN WÜNSCHE! Flieg‘ nach Hause Cassiopeia, flieg so schnell dich deine kleinen Flügel tragen!“

„Äh…okay…no Prob! Und du kommst klar, ja? Ich mein, weil das sieht gar nich gut aus…“

„Ist nicht deine Angelegenheit. Ich wünsche, das du jetzt gehst.“

„Alles verklärt und gecheckt. Número uno ham wir dann ja schon mal. Dein Wunsch ist mir Befehl! Bin sozusagen schon fast weg. Kann ich sonst noch was für dich tun? Eine letzte Zigarette?“

„Nein. Ich muss hier jetzt weitermachen und es zu Ende bringen. Es dämmert schon langsam.“

„Ich kann dich nicht doch umstimmen? Ich könnte dir etwas Feenstaub da lassen, für alle Fälle. Is so ein Notfallding, das mit dem Feenstaub. Du weißt schon, falls es hart auf hart kommt und du doch noch irgendwie die Kurve kriegen willst.“

„Ich wünschte nur es ginge endlich zu Ende, es wäre alles bereits vorbei.“

„Geht doch. Número dos is eingeloggt. Mach’s gut. Hier noch der letzte Rest Feenstaub, den ich besitze. Adiós payaso triste!“

Das Flirren verflüchtigt sich ganz langsam und ich betrachte das glitzernde Pulver in meiner Hand. Sollte ich es etwa doch mal versuchen? Halluziniere ich vielleicht nur, aufgrund der mir immer mehr ermangelnden Sauerstoffzufuhr? Ich mobilisiere meine letzten Kräfte, hebe meine Handinnenfläche zum Mund und puste kräftig drauflos. Der funkelnde Staub wirbelt umher, verbündet sich mit dem Wind und zusammen mit ihm erhebt sich mein allerletzter Wunsch in die Lüfte empor.


Hinterlasse einen Kommentar