
Dieses Mal kommst du aus der Ferne auf mich zu und gehst nicht in entgegengesetzter Richtung fort. Schon von weitem erkenne ich deine schlanke Silhouette und deinen unverwechselbaren Gang. Ich kann noch nicht sagen, ob dich die Zeit und deine Erfahrungen in irgendeiner Weise gewandelt haben, aber der Prozess der Veränderung geht schleichend und ist für Außenstehende wahrscheinlich leichter erkennbar, als für einen selbst. Dein Antlitz jedenfalls erscheint mir so wunderschön und unnahbar, wie in den letzten Monaten vor deinem Abschied. Dieser Tag ist noch so neu und bislang ein wenig verhangen, für mich jedoch ist es der hellste und aufregendste seit einer sehr langen Zeit. Denn heute ist das neue Jetzt, der Moment, in dem die Grenzen sich auflösen und unser beider Leben sich verbinden und für eine Weile zusammen verharren werden.
Ich umarme dich und streiche dir sanft über die leichte Wölbung deines Rückens, noch verhalten und ungläubig darüber, dass der Augenblick unseres Wiedersehens tatsächlich gekommen ist. Und aller Schmerz und Melancholie und das Siechtum zerspringen in eine Million Partikel und verschwinden in diesem Augenblick wie ein befreiender Akt unter dem sanften Schleier des Vergessens.
Wir schlendern durch die Stadt, setzen uns vor ein Café und betrachten eine Zeit lang die Menschen, die wie der Schweif eines Lichtstreifs an uns vorüberziehen. Dann wandern meine Augen hinüber zu dir, verweilen auf deinem Gesicht und ziehen langsam die Linien deiner Züge nach, ich erkenne jeden Schwung wieder, es kann sein, dass du mir noch bezaubernder erscheinst als jemals zuvor, die Reife deiner Schönheit ist faszinierend und verheißungsvoll zugleich.
Im Spiegel des Wassers bewegen sich unsere umgekehrten Abbilder entlang der Kailinie und du erzählst mir von deiner Zeit in Barcelona. Immer wieder müssen wir halt machen und uns neu orientieren, weil sich schon bald die Bedeutung der Zeit und des Raums verflüchtigt und wir beide irgendwann nicht mehr wissen, wohin wir eigentlich gehen und wie lange schon. Unsere Gespräche umfassen alles, was uns interessiert und was wir schon immer bedingungslos mit dem anderen teilen wollten.
Beim Betrachten der Kunst in den Museen dieser Stadt vermischen sich unsere unterschiedlichen Eindrücke und Ansichten, vielleicht mache ich mich auch ein wenig lächerlich, aber das kümmert mich nicht, denn heute ist der Tag des Schmetterlings. Und als wir heraustreten in die aufkommende Dämmerung, umfassen und küssen wir uns zum ersten Mal. Ich kann dich schmecken und den Duft deiner Haut wahrnehmen und mir wird bewusst, dass meine Zeit abläuft, denn die Klarheit der Farben, ihre Leuchtkraft und Vielfalt, all das wird sich bald in ein einfaches, nihilistisches, schwarz-weißes Moiré zurückbilden.
Was bleibt ist eine Nacht des Rausches, in der wir ungezügelt und maßlos die Abgründe des anderen erkunden und unsere sinnlichen Vorstellungen schleichend aber unaufhaltsam vage Züge annehmen.
Und alles was wir sind und alles was wir waren, verliert letztlich jegliche Bedeutung, wenn wir alle Zweifel und Ängste von uns streifen und sie für diese letzten verbleibenden Stunden gegen Begierde und Lust eintauschen, bis der Morgen unsere Körper trennt und ich dich und die Läsion der absoluten Liebe endgültig und für immer aus meiner Welt entlassen kann.
Einen Tag und eine Nacht hast du mir dann überlassen. Danach werde ich verschwinden, mich auflösen und frei, endlich frei sein. Aber ich werde mit der Gewissheit gehen, einen Augenblick mit dir geteilt zu haben.
Ich denke jeden Tag daran, wie es wäre dich wiederzusehen. Und in manchen Nächten träume ich sogar davon.