Hilflosigkeit kann verschiedene Gesichter tragen. Es gibt sie auf Seiten der Hilfesuchenden und auf der Seite derjenigen, die helfen wollen. Die Tragik wiegt in beiden Fällen gleich schwer, vermute ich. Vielleicht können wir nur versuchen, dem mit Humor zu begegnen, auch wenn es uns schwer fällt.
Da unten stehen ja eine Menge Schaulustige, was? Die wollen Sie springen sehen, glaube ich! Mein Name ist übrigens Maier. Nur Maier. Mit ai. Und wer sind Sie?
Marzi. Mit Ma und rzi. Sind Sie derjenige, der mich davon abhalten soll?
Abhalten? Zu springen, meinen Sie? Kann Sie denn jemand davon abhalten?
Nein.
Na also.
Und was wollen Sie dann?
Nur zuschauen. Ich habe allerdings einen höheren Platz als der Rest der Gaffer dafür gewählt.
Aha. Sehr witzig. Und Sie sind nicht rein zufällig auch Psychologe, was?
Na gut Marzi, erwischt. Die haben mich hier raufgeschickt, um Ihnen zu helfen und Sie davon abzuhalten, hier den Abflug zu machen.
Mir helfen? Wollen Sie, dass ich mich statt dessen totLACHE?
Nein. Ich möchte nur ein wenig plaudern. Warum wollen Sie denn überhaupt springen?
Sie wollen meine Beweggründe hören?
Nein, ich meine warum Sie ausgerechnet in den Tod springen wollen und nicht zum Beispiel eine nette kleine Überdosis, das Öffnen der Speichenschlagader oder meinetwegen Selbstverbrennung als möglichen Ausweg in Betracht gezogen haben.
Alles viel zu kompliziert. Ich denke einfach, dass dies eine hübsch theatralische Möglichkeit des Suizides darstellt.
Verstehe, wenigstens noch einmal im Mittelpunkt des Interesses stehen und so?
So in etwa.
Und was müsste passieren, damit Sie das Pflaster da unten nicht mit Ihren Eingeweiden verunstalten?
Liebe.
Liebe?
Ja, Liebe.
Also schön, wir kennen uns zwar noch nicht so gut, aber meinetwegen: ich liebe Sie, Marzi!
Sie gefallen mir Maier, wissen Sie das? Sie haben eine gute Art von Humor. Hätten wir uns doch nur früher und unter anderen Umständen kennengelernt…
Sie wollen geliebt werden? Dann kommen Sie da runter und ich zeige Ihnen die Menschen, die SIE lieben.
Befinden sich unter diesen Menschen auch andere Individuen als Freunde und Verwandte ?
Marzi – ich bin kein Zauberer. Nur ein kleiner Polizeipsychologe.
Dann kommen wir wohl nicht ins Geschäft. Schade Maier.
Falls Sie hüpfen, besteht jedenfalls hinterher keinerlei Möglichkeit mehr, jemandem zu begegnen, der Sie lieben könnte. Soviel ist mal sicher. Ein Haufen blutiger Matschklumpen liegt meines Erachtens eher im unteren Drittel der Begehrtheits-Skala bei Frauen – und auch bei Männern natürlich.
Sagen Sie mal Maier, wie hoch ist denn eigentlich Ihre Erfolgsquote als Lebensretter in letzter Instanz?
Es ist ein so schöner Tag heute…finden Sie nicht auch?
Oha. Wirklich so mies? Nicht Einer hat überlebt? Alle sind gesprungen?
Ich kann und darf Ihnen darüber keine Auskunft geben, tut mir leid. Kaugummi?
Nein danke.
Nein, ich meinte, ob Sie eines für mich hätten…
Achso, ja klar. In meiner Wohnung habe ich noch welche. Warten Sie, ich hol‘ sie schnell…
Maier – echt jetzt?
Dachte ja nur…hey Marzi, wie wärs und ich komm‘ zu Ihnen auf den Sims? Wir könnten gemeinsam auf die Leute da unten runterspucken. Was sagen Sie?
Ich sage: halten Sie den Mund, Maier! Sie ermüden mich. Ist das Ihre Taktik?
Es tut mir leid, ich bin nur ein unterbezahlter Staatsangestellter, der versucht, seinen Job zu machen. Und Sie machen es mir nicht gerade leicht, wissen Sie?
Das tut mir aufrichtig leid.
Schon gut.
Was machen Sie, wenn das hier vorbei ist?
Ich muss noch meine Schwester vom Bahnhof abholen und heute Abend wollten wir eigentlich ins Kino.
Oh, schaffen Sie das denn alles rechtzeitig? Ich möchte Sie nicht aufhalten.
Falls Sie jetzt endlich da runter kommen, ja. Sagen Sie Marzi, wollen Sie das wirklich tun?
Ich weiß keinen anderen Ausweg mehr, Maier. Also…ja…
Tut mir aufrichtig leid, dass alles so gekommen ist. Wirklich. Aber wissen Sie was? Eigentlich haben Sie keinerlei Recht dazu, ihr Leben eigenhändig zu beenden. Ihr Leben gehört nicht IHNEN allein. Da stehen gerade eine Menge anderer Menschen mit Ihnen zusammen auf diesem Sims und diesen Menschen lassen Sie keine andere Wahl, als sich Ihrer Entscheidung unterzuordnen und in ein unfassbar tiefes Loch der Trauer zu fallen. Finden Sie das richtig?
Das geht vorbei. Trauer gehört zum Leben wie das Glück und die Freude. Sie gehen ins Kino, die anderen wieder zur Arbeit. Als wäre nichts gewesen. Die blaue Kugel dreht sich in jedem Fall weiter. Im übrigen lebe ICH mein Leben, niemand sonst, also entscheide auch ich alleine über mein Verfallsdatum. Gehen Sie jetzt besser, Maier. Sie haben getan, was Sie konnten.
Marzi! Machen Sie das nicht! Bitte machen Sie das nicht…ich beschwöre Sie. Es kommen noch gute Zeiten auf Sie zu. Bessere Zeiten. Das verspreche ich Ihnen!
Heben Sie sich diesen Satz gut auf. Er ist für andere als mich bestimmt. Vielleicht für den Nächsten, Maier…vielleicht für den Nächsten…
MARZI! Verdammt, NEIN! NICH-
Scheiße!
Kino fällt dann ja wohl eher flach heute…