Noch bevor ich dazu komme, den ersten Bissen meines Brotes herunterzuschlucken, fährt ein Dienstwagen der Polizei auf den Hof unserer Firma und ich schaue interessiert auf die drei aussteigenden Personen. Da wären zwei Polizisten in Uniform und ein noch recht junges Mädchen in ziviler Kleidung. Sie geht in der Mitte, als würden Sie sie abführen und in irgendeine Obhut übergeben wollen. Als nächstes denke ich: mmhh, ich wüsste nicht, dass ich jemals auch nur irgendjemanden, sei es Junge, Mädchen, Mann oder Frau, egal welchen Alters, belästigt haben könnte. Aber ohne Zweifel wollen die drei zu mir. Das ist mir klar. Von vorne am Empfang dringt dann auch die Stimme des Polizisten bis in mein Büro, als sie sagt: „Wir möchten zu Herrn Marzi, ist der da?“
Also gut, welche Fluchtmöglichkeiten habe ich? Fenster? Dauert zu lange. Tür? Es gibt nur einen Ausgang, ich würde meinen Schergen direkt in die Hände laufen. Unterm Tisch verstecken? Zu leicht durchschaubar. Also warte ich. „Sind Sie Herr André Marzi?“ Ich lege mein Brot, dass ich jetzt schon fast vergessen hatte, langsam auf die Tischplatte, kaue noch einmal gut durch und sage: „Mhhhbljmmoochhhha“, was man halt so sagt mit vollem Mund.
„Uns wurde gesagt, sie seien stark suizidgefährdet und wir sind angehalten, dem nachzugehen und möchten Sie bitten, uns auf die Dienststelle zu folgen!“ Also das hat der Bulle jetzt zu mir gesagt, nicht ich zu ihm, nur dass da keine Missverständnisse aufkommen. Etwas perplex schaue ich zuerst auf Bulle No. 2, dann auf den blassen Teenager (seine Tochter vielleicht, der er mal sein berufliches Tätigkeitsfeld zeigen möchte?) und schließlich blicke ich dem uniformierten Rädelsführer direkt ins Gesicht. Was für eine skurrile Situation.
Ich frage dämlich: „Jetzt? Auf der Stelle?“
„Ja. Jetzt.“
„Ja, ok…von wem haben Sie denn diese Information?
„Von der Dienststelle in Lübeck. Aber mehr weiß ich auch nicht. Ich bin sicher, es gibt dafür einen gewissen Hintergrund, aber das klären wir dann alles.“
„Ok…was brauche ich?“
„Ihre Brieftasche vielleicht. Und ich brauche Ihren Ausweis!“
Umständlich krame ich den aus meinem uralten Etui hervor, denn so etwas wie eine Brieftasche besitze ich nicht und gebe ihn dem Bullen. Dann folge ich den Dreien und mir wird sogar die Autotür aufgehalten. Überhaupt wird mir ab jetzt jede Tür aufgehalten werden. Ich sitze also brav auf dem Rücksitz, neben mir ein Aufpasser, vor mir die schweigsame Göre (vielleicht ist sie auch die neue 14-jährige Vorgesetzte des uniformierten Ermittlerduos?) und ich frage: „Was wäre denn passiert, wenn ich mich geweigert hätte?“
„Dann hätte entweder ein Wagen vor Ihrer Tür auf weitere Anweisungen gewartet oder wir hätten Sie zwingen müssen, mit uns zu kommen!“
Interessant. „Irgendwie absurd, das alles. Aber ich schätze, Sie machen nur Ihren Job“ entgegne ich und lehne mich zurück. Diesen Satz wollte ich schon immer mal aufsagen. Während der Fahrt starre ich aus dem Fenster und betrachte die Straßen, die Menschen und die Häuser, die mir allesamt irgendwie fremd und unwirklich erscheinen. Dann sind wir da. Ich bin schon oft an der Polizeidienststelle Ahrensburg vorbeigefahren, hätte aber nie gedacht, dass ich sie auch einmal von innen sehen würde. So kann man sich täuschen.
„Bitte kommen Sie mit, ich muss Sie nach spitzen oder scharfen Gegenständen untersuchen!“
„Echt jetzt? Na schön.“ Aufregend ist das alles schon irgendwie. Wir betreten eine Art Zelle, mit einer Matratze und einem klitzekleinen Fenster, ich muss meine Jacke ausziehen und meine Taschen leeren. Nicht sehr ergiebig. Ein paar Münzen, ein Zehn-Euro-Schein, eine weiße Bohne (roh!) und natürlich das Bild von LCS. Nur Spaß, es gibt kein Bild von LCS. Ich habe keins. Ich bin ja kein verrückter Stalker, nur depressiv und angeblich gefährdet. Und ich glaube, dass der Gedenkschrein bei mir zuhause nicht unbedingt zählt, oder?
Als schließlich alles in Ordnung zu sein scheint, werde ich in eine Art Warteraum geleitet und soll dort…naja warten halt. Also warte ich. Während dessen frage ich mich, wem ich das wohl zu verdanken habe. Ich fühle mich ein wenig meiner Freiheit beraubt und das gefällt mir gar nicht. Fühlt Ihr das auch und wolltet es mir auf diesem Wege zeigen?
10 Minuten später kommen die beiden Polizisten zurück und halten Kopien aller drei Abschiedsbriefe in den Händen, die ich Anfang der Woche geschrieben habe. Big Brother oder Little Sister is watching me. Daher weht also der nach Vergänglichkeit riechende Wind.
„Herr Marzi, es geht wohl um diese Briefe, die Sie geschrieben haben. Können Sie uns dazu etwas sagen?“
„Nur, das alles wahr ist, was da drin steht.“ antworte ich wahrheitsgemäß. „Aber ich bin jetzt gerade im Moment nicht akut gefährdet, da ich noch nicht den nötigen Mut aufbringe, mir das Leben zu nehmen. Denn dazu gehört eine Menge Mut, wie Sie sich vielleicht vorstellen können.“ So. Jetzt wissen sie es. Mir doch egal. Kann ruhig jeder wissen. Ruft doch eure Kollegen, dann spielen wir zusammen Depressiven-Charade. Oder Stein-Schere-Papier-Messer-Zigarette. Nehme ich mich wirklich so wichtig? Nein, eigentlich nicht. Ist nur eine Form der Hilflosigkeit.
„Herr Marzi, es geht jetzt folgendermaßen weiter: wir verständigen uns mit der Leitstelle (oder so ähnlich) in Lübeck, die klären dann, ob die Anwesenheit eines psychologischen Betreuungsdienstes vonnöten ist und dann sehen wir weiter.“
Dann geht alles sehr schnell. Keine 5 Minuten später kann ich aus meinem Glaskäfig folgendes Telefongespräch wirklich und wahrhaftig mitanhören:
„…aber Sie haben uns doch erst dorthin geschickt. Es war von akuter Suizidgefahr die Rede. Und jetzt…ja…ja…wie Sie meinen, aber wenn dann etwas passiert, geht das auf Ihre Kappe, wir sind dann raus…ja, gut…aber das obliegt dann Ihrer Verantwortung…was dann passiert ist mir dann egal…“ STOPP. REWIND. Der Satz gefällt mir am besten. Was dann passiert, ist mir dann egal. Vielleicht nicht so gemeint, aber dennoch…sagen wir mal…unschön oder unpassend formuliert. Ok, weiter. „…bitte? Ja gut, ich frage ihn nochmal…“
Taptaptap, Schritte, Türöffnen, Kopfreinstecken:
„Herr Marzi, haben Sie vor, sich heute noch das Leben zu nehmen?“
„Nein. Heute nicht mehr.“
„Ok.“
Kopfausdertür, Türzu, Taptaptap zurück zum Telefon.
„Er sagt nein…ok…alles klar!“
Taptaptap undsoweiterundsofort.
„Tut mir leid, Herr Marzi. Tja, Sie können dann jetzt gehen!“
„Mit wem haben Sie denn da eben gesprochen?“
„Mit dem Kreis. Man hat mir gesagt, es bestünde keine akute Gefahr und deshalb können Sie jetzt gehen!“
Mit dem Kreis? Welchem Kreis? Aber ich frage nicht weiter nach, denn ich will wieder zurück in die Freiheit. So schnell wie möglich.
„Tja, dann wollen wir mal,“ sage ich und deute Richtung Tür, was als ein Bitte nach dir verstanden werden soll. Aber der Bulle macht keine Anstalten mehr, mir auch nur irgendeine Tür zu öffnen oder mich zu seinem Auto zu geleiten.
Er schüttelt den Kopf. „Ich darf Sie nicht fahren. Aus versicherungstechnischen Gründen. Wenn während der Fahrt etwas passiert, sind wir dran!“
Ach das kümmert dich dann wieder? denke ich, sage aber: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Soll ich etwa zurück laufen?“ (Es sind ca. 3,823 km).
„Mit dem Bus oder Taxi. Wenn Sie wollen, dann können Sie das dem Kreis in Rechnung stellen!“
Nochmal: Dem Kreis? Welchem Kreis? denke ich, sage aber: „Na dann, danke für Nichts!“ und verlasse die Polizeidienststelle, An der Reitbahn 5 in Ahrensburg.
Das alles ist wirklich passiert. Heute. Aber die Erkenntnis, die bleibt ist folgende: wer hat entschieden zu wissen, dass ich nicht gefährdet bin? WER? Das mysteriöse, blasse Mädchen? Ich weiß! Sie muss die jüngste Psychologin der Welt sein. Ein Wunderkind- äh…nein, wohl kaum. Also doch der Kreis? Wahrscheinlich. Der Kreis ist bestimmt eine Art Geheimbund, der uns im Verborgenen mittels unserer Steckdosen, Telefone und Digitaluhren ausspioniert, analysiert und beurteilt. Ja, so wird es sein.
Ich werde wohl weder als ein begehrenswertes Wesen wahrgenommen, noch als depressiver Mensch.
Nein, natürlich ist das alles kein Spaß. Aber irgendwie muss ich ich auch versuchen, mit all dem jeden Tag aufs neue klar zu kommen. Auf meine Art.
Ist schon gut. Ich weiß Eure Hilflosigkeit zu schätzen. Ihr musstet irgendetwas tun. Aber jetzt lasst los.
Oh, eines noch.
„Nein, heute nicht mehr“
Die nächsten Tage bitte auch nicht. Danke.
Das passiert, wenn sich Leute um dich sorgen, was du mit den drei Abschiedsbriefen endgültig geschafft hast. Hut ab. Das nennt ich konsequent. Nicht das Ende auf der Dienststelle. Die „wollen sie sich heute noch umbringen?“ Aktion hätte vom Mesenburg sein können, insider Sarkasmus off. Und wenn du immer noch anzweifelst, dass du deinen Mitmenschen am Herzen liegst, kriegst du von mir ne Gehirnwäsche. Das was J., H. und die anderen getan haben heute, war ein Akt der absoluten Verzweiflung. Aber zur Abwechslung mal ein guter. So. Oh und zieh das nicht ins lächerliche. Das ist nicht witzig, sondern verdammt ernst.
Hab dich gern, du depressiver … was auch immer.