Pagliaccio 

Ich habe kurzerhand, jedoch von langer Hand geplant, ein kleines Stück Liedgut niedergeschrieben, komponiert und vertont. Oh, es ist nichts Besonderes. Nur ein Requiem von unbeherrschbarer Tragik, eine Ode für alle Träumer und zugleich eine melodramatische Kantate bisher ungehörter Ausdruckskraft. Ein kleines, bescheidenes Bravourstück, möchte ich meinen, welches ich ganz spontan zu intonieren imstande war.

Unzählige Stunden musikalischen Modellierens und künstlerischen Schaffensdrangs waren vonnöten, dieses koryphäenhafte Kleinod, welches sich in meinem Kopf zuerst ganz behutsam und etwas verlegen materialisiert hatte, zu seinem berückenden, ja gar betörendem Leben zu erwecken. Nichts geringeres als Ästhetik und Grazie in ihrer reinsten Form waren mein Anspruch, dem Genüge zu reichen ich mich aufmachte, um in schwelgerischer Anmut gleich, la musica Strofa à Strofa – superiore a cielo, durch meine schöpferischen Klangvenen rauschen zu lassen.

Aufgrund meiner euphonischen Fundamentalbegabung nahm der kreative Schaffensprozess tatsächlich nur eine Dauer von wenigen Minuten ein, letztendlich waren es wahrscheinlich nur Sekundenbruchteile, die mir allerdings vorkamen wie Tage geistreichen Exzesses. Einer orgiastischen Reizflut gleich, durchströmten mich Wellen der tonalen Ekstase, verzückt und leicht über dem Boden schwebend, öffneten sich die Pforten der Wahrnehmung für mich. Ich befand mich im Exil auf einem fremden Planeten – ich nenne ihn ganz unprätentiös „Mein Euphoria“.

Sämtliche Instrumente habe ich eigenhändig und separat in meisterlicher Vollendung selbst eingespielt, originär separiert, genuin fragmentiert und anschließend sinnlich zu einem erotisierenden Gesamtkunstwerk wieder zusammengefügt. Ich spielte das Violoncello fordernd und ein wenig frivol, sanft liebkosend ließ ich den Bogen über die Saiten streichen. Fast zaghaft zärtlich berührten meine Hände die Klaviatur des Pianoforte, doch je tiefer ich mich in den Sphären der Musik verlor, desto fester und vulgärer wurde mein Anschlag der Tasten aus echtem Elfenbeinimitat. Und schließlich das Violino Piccolo, deren meisterhafter Klang, Korpus und Mensur grazienhaft mit meinen starken Händen zu einer einzigartigen Form absoluten Schöpfertums verschmolzen. Geist, Seele und Körper erschufen eine sakrale, von reiner Virtuosität erzeugte Sinfonie.

Bedauerlicherweise vermag ich diese einmalige Aufnahme schöngeistiger Finesse hier nicht veröffentlichen zu können, denn sie ist auf dem Wege ihrer Publikation leider aus Versehen runtergefallen und dabei kaputtgegangen. Ich habe sie jedoch mutwillig zerstört, jawohl. Die Welt wäre für einen klanglichen Perfektionismus diesen Ausmaßes noch nicht bereit gewesen.

Geblieben sind jedoch die Worte, die für sich genommen eine textliche Referenz in Sachen Qualité extra-ordinaire darstellen. Es handelt sich um den 2. Satz der Sonate, die Exposition beinhaltet den Hauptsatz, die Reprise und die Coda.

Wir, die wir selbst nicht zu strahlen imstande sind (Adagio)

Wir, die wir nur den anderen blind folgen können (Accelerando)

Wir, die wir uns gemütlich unsere eigenen Ketten auf dem Sklavenschiff der Ungeliebten selbst anlegen (Agitato)

Wir, die wir uns in das Korsett der Entbehrlichkeit zwängen (Crescendo)

Wir, die wir unentwegt und beharrlich dem Schicksal ein warmes Bett zum Verweilen feilbieten (Culmine)

Wir sind die verlorenen Kinder dieser Welt, ohne Paten und Gefährten, wir bestaunen euch anmutige Wesen von hier unten, wie ihr über uns auf Stelzen gleich durch das Leben schwebt, während wir eurem Schatten mäandernd nur Gefolgschaft leisten, ohne dabei wirklich existieren zu können (Da capo)

Wahre Genialität ist oft von Größenwahn getrieben.

Arroganz und Eitelkeit hingegen sind von plumper Dummheit inspiriert.

Und morgen male ich ein Gemälde, dass das elementare Kunstverständnis auf den Kopf stellen wird.

È sufficiente.

Hilfe.

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