Heute fühle ich noch genauso wie gestern, den Tag und das Jahr davor. Es hat sich nichts geändert. In einigen Belangen ist alles einfach nur immer schlimmer geworden. Mit diesen Gefühlen und Erkenntnissen lege ich mich tagtäglich schlafen, währenddessen mein Verstand ein Eigenleben zu führen beginnt.
Meine Träume kennzeichnet fast immer eine Form der (Fort-) Bewegung. Oder sagen wir, sie finden in Bewegung statt. Es scheint ein nicht unwesentlicher Aspekt meiner tief verwurzelten Sehnsucht zu sein, immer in voran schreitendem Schwung zu bleiben und nicht stillzustehen, so wie es die Realität hingegen nicht zulassen kann oder will.
Auch durchlaufe ich während meiner im Schlaf ersonnenen Utopien weder einen Prolog oder Anfang, noch Mittelteil, Ende oder Epilog. Ich werde einfach in eine vorgegebene Szenerie hineingeworfen und nehme alles für bare Münze. Ich springe von Schauplatz zu Schauplatz, von Wurmloch zu Wurmloch und stelle nichts davon in Frage.
Meistens bleibt nicht viel davon hängen, aber an diesem Morgen schon. Die Nacht schien für mein kleines Spatzenhirn sehr ergiebig gewesen zu sein und nun möchte es mich netterweise daran teilhaben lassen.
Ich werde also in den Fahrersitz eines dahin rasenden Autos geworfen und muss sofort abrupt bremsen, da sich unmittelbar vor mir – wie aus dem Nichts – ein langer Stau unter einer Art Autobahnzubringer gebildet hat. Nichtsdestotrotz touchiere ich mit meiner Stoßstange, sozusagen noch im Ausrollvorgang, den Seitenspiegel des vor mir stehenden Wagens. Moment mal – Stoßstange an Seitenspiegel? Wie geht das denn? Nun, physikalisch nicht möglich, dennoch so passiert. Der Verstand sucht sich manchmal seltsame Wege, um an sein Ziel zu gelangen und eine Reaktion auszulösen. Unverzüglich kurbele ich das Fenster herunter, schiebe meinen Kopf durch die entstandene Öffnung und rufe dem Fahrer vor mir entgegen: Hey! Ich hab‘ Ihren Rückspiegel gestreift, sorry! Is aber nix‘ passiert, der sah ja vorher schon nich so gut aus! Alles gut, alles gut, antwortet mir der Mann und fährt ungerührt weiter. Ok, schreie ich ihm nach und dann: aber auch wenn alles gut ist, gehört es sich irgendwie trotzdem sich zu entschuldigen! Dann drücke ich 3x auf die Hupe. Warum? Keine Ahnung.
Als nächstes befinde ich mich wieder in einem Auto, diesmal allerdings mittig auf der Rückbank sitzend und umarme eine an mich gelehnte Claire. Es ist aber nicht die Umarmung zweier Liebender, sondern eher eine Umfassung freundschaftlich vertrauter Art. Das scheint mir allerdings keineswegs etwas auszumachen. Wir schauen beide durch die Frontscheibe auf die schnell dahinziehende Fahrbahnmarkierung und die vor uns liegende Landschaft, bis ich schließlich zu ihr sage: du läufst vor irgendetwas davon, Claire. Nicht vor dir selbst, dafür wirkst du zu selbstbewusst, aber dennoch scheinst du auf der Flucht zu sein, nicht wahr? Ich achte nicht auf den Fahrer des Wagens, der nur schemenhaft im Hintergrund zu erkennen ist.
Dann wechselt der Schauplatz erneut und begleitet von drei oder vier gesichtslosen Freunden oder Bekannten, betrete ich einen großen Park, der mir absolut nichts sagt. Er liegt in einer großen Stadt, die mir ebenfalls fremd erscheint. Überall sind Menschen unterwegs, aber ich erkenne nicht einen davon wieder. Keine Claire weit und breit auszumachen. Wir überqueren eine großen, betonierten Platz, auf dem einige junge, wirklich gut aussehende Männer irgendetwas mit einem Ball veranstalten, während andere sich an eine Wand gelehnt, einfach nur lautstark unterhalten. Wir durchbrechen ihre Reihen und ich fühle mich von jedem einzelnen Jüngling unangenehm beobachtet und zugleich einem prüfenden oder gar verurteilenden Blick unterzogen.
Als ich mich nach rechts wende, erblicke ich einen Mann, der eben noch in ein Gespräch vertieft, ganz plötzlich seinen Arm hebt und einen wirklich ziemlich hart aussehenden Ball mit voller Wucht und alles verachtender Gewalt in Richtung meines Kopfes wirft. Er trifft mich hart an der Schläfe, aber ich spüre keinen Schmerz, nur unbändige Wut in mir aufsteigen. Wofür war das denn? schreie ich den Mann an und irgendwie fühle ich mich im gleichen Moment, auch gerade wegen meiner nicht gerade einfallsreichen Erwiderung, extrem gedemütigt. Und falls ich eine Antwort erhalten haben sollte, einen Satz oder eine Aussage, die vielleicht den Kern meiner im verborgen liegenden Denkprozesse erklären könnte, so erinnere ich mich leider nicht mehr daran. Schade.
Gleichwohl tobt jetzt die pure Raserei in mir, die meiner allseits bekannten Heißblütigkeit geschuldet, nur noch durch das Ventil der Gewalt aus meinem Körper entlassen werden kann und so beschließe ich diesen ballversierten Bastard, diese Ausgeburt einer maskulinen Traumfabrik, eine Lektion in Sachen Respekt zu erteilen. Ich fixiere ihn fest mit meinem stahlharten Blick und gehe langsam auf ihn zu. Dann passiert alles ganz schnell. Meine unfassbaren Reflexe lassen keinerlei Zweifel offen, wie diese Konfrontation wohl ausgehen wird. Ich bearbeitete seine Fäuste vehement mit meinem Kinn und meiner Magengrube, immer und immer wieder, bis er schließlich zermürbt aufgibt und von mir ablässt. Die Menge tobt, wie bei dem Kampf zweier Giganten im Gefängnishof von Alcatraz. Kann auch sein, dass ich mir das nur eingebildet habe.
Als ich wieder zu mir komme, helfen mir meine Freunde wieder auf, wir gehen weiter und unterhalten uns, als ob nichts passiert wäre. Aber dann verspüre ich plötzlich den Drang, mich von dieser Gruppe abzusetzen. Vielleicht weil ich diese Leute nicht wirklich kenne oder weil ich einfach nur alleine sein möchte. Ich drehe mich um und verlasse den Park, ohne mich auch nur einziges Mal umzuschauen. Vielleicht bin ich der geborene Einzelgänger. Draußen auf der Straße wird mir klar, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wo ich mich befinde, wie ich nach Hause kommen soll und wo das überhaupt ist. Ich krame in meinen Taschen nach Geld und finde einen Zehn-, und einen Fünf-Euro-Schein sowie eine einzelne Euro-Münze. Nicht schlecht. Vielleicht reicht das für ein Taxi nach Nirgendwo.
Aber ich steige in kein Taxi, sondern schlendere weiter die Straße entlang. Viele Fahrzeuge kommen mir entgegen, gleiten vorüber und verschwinden im Nichts. In einem Auto sitzen zwei Männer, einer von ihnen winkt mir zu, sagt etwas zu dem Fahrer, der daraufhin den Wagen anhält und den Mann aussteigen lässt. Ich warte an einer Straßenecke auf ihn und scheine ihn zu kennen. Er kommt auf mich zu, mit seinem Handy am Ohr, wild gestikulierend, es muss ein wichtiges Telefonat sein. Er blickt mich an, hebt den Arm und streckt den Zeigefinger seiner Hand in die Höhe; eine Geste, die mir sagen soll: einen Moment noch, ich bin gleich für dich da! Er legt auf, steckt sein Telefon in die Hosentasche und hebt erneut den Arm, diesmal höher, über meinen Kopf hinaus und ich erkenne zu spät, was das zu bedeuten hat. Ich umarme ihn linkisch und ignoriere seine zur High-Five-Gebärde geöffnete Handfläche. Zwei verschiedene Begrüßungsarten, die aufeinander treffen und nicht wissen, was sie miteinander anfangen sollen. Ich komme etwas aus dem Gleichgewicht und meine Nase streift seine Achsel. Eine peinliche Szene für außenstehende Beobachter, falls es welche gegeben haben sollte. Der Typ sieht ganz gut aus, kein Zweifel. Dunkle, leicht lockige Haare umrahmen ein berückend hübsch geschnittenes Gesicht, das seinem selbstbewussten Lächeln ein behagliches Zuhause bietet. Ich glaube, ich hasse ihn dafür. Aber auch ihn erkenne ich nicht wieder, auch dieser Mensch ist nur ein Konstrukt unterschwelliger Einflüsse, vergeblicher Sehnsüchte und verkümmerten Selbstwertgefühls. Wir gehen noch ein Stück nebeneinander her, bis der Traum sich im Nichts verliert und sich langsam aufzulösen beginnt.