Wovor wir uns fürchten, ist das Ausbleiben von Erklärungen. Und falls uns doch einmal welche über den Weg laufen sollten, flüchten wir vor den Erkenntnissen, die uns nicht gefallen könnten. Wir drängen die unbequeme Wahrheit zurück und verstauen sie in irgendeinem filigranen Gefäß aus hauchdünnem Porzellan.
Und ich weiß nicht, was schlimmer ist: der Gedanke, sich mit den eigenen Lügen selbst hinters Licht führen zu wollen oder diesen maroden Selbstbetrug wie ein unabwendbar dem Verfall begriffenes Konstrukt in sich zusammenfallen zu sehen.
Nael war müde. Ein erschöpfender Tag auf den Maniokfeldern ging zu Ende und jetzt freute er sich auf das gemeinsame Essen mit seinem Vater. Er verabschiedete sich wie gewöhnlich von den anderen Arbeitern und machte sich auf den Weg nach Hause. Das Dorf in dem er aufgewachsen war und immer noch lebte, lag nicht weit entfernt hinter der Anhöhe, welche die riesige Plantage einem Schutzwall gleich umgab. Die Sonne, der anstrengende und unbarmherzige Tagesbegleiter, hatte mittlerweile Milde walten lassen und leuchtete nur noch schwach bernsteingelb am rötlich schimmernden Horizont.
Nael folgte dem Trampelpfad durch das trockene Steppengras, bis er den Hügel überwunden und den auffälligen Baobab erreicht hatte. Der gewaltige Stamm ragte wie der zylindrische Körper eines Leuchtturms in die Höhe und Nael war immer wieder aufs Neue von seiner Größe und Anmut fasziniert. Er streichte über die harzige Rinde, als würde er den Baum zärtlich grüßen und sich zugleich dafür bedanken wollen, dass der treue Affenbrotbaum wieder einmal so gut auf sein altes, klappriges Fahrrad aufgepasst hatte.
Nael Malík Zinga war 16 Jahre alt und lebte zusammen mit seinem Vater in einer kleinen Rundhütte am Rand des Dorfes. Sie waren das, was man mitunter gemeinhin als arm bezeichnen würde, und doch war Nael ein glücklicher Junge, denn das eine schließt das andere nicht unbedingt aus. Vielleicht war es so, weil er kein anderes Leben kannte, vielleicht auch weil er sich damit zufrieden wähnte, was seine Existenz ausmachte. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt am Ebola-Virus, während Nael wundersamerweise überlebte. Aber seinen Vater hatte dieser Verlust niemals in der Fürsorge und Liebe zu seinem Sohn beeinträchtigen können. Wie es manchmal in einem Menschen aussah, war hingegen eine ganz andere Sache.
Die meisten Bewohner des Dorfes saßen um diese Zeit für gewöhnlich noch vor ihren Hütten und redeten gemeinsam mit Freunden oder Verwandten über das, was der Tag mit sich gebracht hatte, aber heute schien das Dorf wie ausgestorben zu sein. Nael brachte sein Rad zum stehen und stieg vorsichtig ab. Unvertraute Situationen können einen Entwurf der Unbehaglichkeit erzeugen, der Körper kann sich aber auch sehr schnell auf ungewöhnliche Gegebenheiten einstellen und so entsprechend agieren oder reagieren. Weit und breit war keine Menschenseele auszumachen. Ein flaues Gefühl der Angst durchdrang sein Bewusstsein, wie ein Strom heißen Bleis, der sich unaufhaltsam seinen Weg suchte, bis er erkalten und in Starre verfallen würde. Nael spürte zugleich die Widersprüchlichkeit einer abwartenden, taxierenden Ruhe und aufkommenden, sich stetig steigernden Panik.
Nael sah den Löwen schon von weitem. Ein riesiger Vertreter seines Geschlechts, voller Anmut und mit stoischer Ruhe, thronte er vor der Rundhütte seines Vaters und blickte in seine Richtung, als würde er Nael schon erwarten.
Weit entfernt, dort wo die Savanne an das Hochland grenzt, gibt es ein Plateau aus Felsen und Bäumen, umsäumt von einem schwarzen, für den Menschen undurchdringbaren Sumpf. Es heißt, dass es an jenem Ort nachts spukt. Dass ebendort die Urväter der Bäume und deren Kinder als Geisterwesen vom Wind getragen, durch die Sträucher und das hohe Gras streifen. Als Kind hatte ihm sein Vater viele unheimliche Geschichten über dieses Gebiet erzählt. Demnach durchbrechen einige dieser Wesen in Tiergestalt hin und wieder die Grenzen ihres Territoriums, um sich ein menschliches Opfer zu suchen und es in ihre Welt zu entführen.
Nael sah dieses Schauermärchen immer als eine Art Metapher für den Tod und dem damit verbundenen Verarbeitungsprozess, den man durchlief, wenn man einen geliebten Menschen verloren hatte. Der Trost über den Tod entsprang einzig und allein aus der Sichtweise auf ein erfülltes Leben voller Liebe und Hingabe, ohne sich selbst oder andere jemals großartig betrogen zu haben. Hatte man diese, für jeden Menschen wahrscheinlich anders ausfallende Entwicklungsstufe erst erreicht, konnte man schon von einer Art Lebensglück sprechen und genau dies ebenfalls anzustreben, hatte Nael sich fest vorgenommen. Nur waren die Gedanken über den Tod oder Verlust bislang immer in weiter Ferne hinter Schleiern verborgen geblieben.
Aber das hier betraf ihn selbst. Das wusste er, obgleich es zuerst nur eine vage Ahnung war, die ihm die Erinnerungen an die Geschichten über das Plateau wieder ins Gedächtnis riefen. Und so sah sich Nael an diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesem Moment, unfreiwillig und hilflos der schonungslosen Gewalt einer alles übergreifenden, traumatischen Situation ausgesetzt. Nur das Gefühl der Taubheit, der Angst und die damit verbundene Bewegungsunfähigkeit hinderte Nael in diesem Moment an einer unüberlegten, lebensgefährlichen Reaktion.
Der Löwe betrachtete ihn herausfordernd, erhob sich schließlich und verschwand dann ganz plötzlich und lautlos in den Schatten der mittlerweile aufgekommenen Dunkelheit. Als Nael die kleine Hütte nach einer gefühlten Unendlichkeit des Zögerns und Abwartens mit klopfendem Herzen betrat, fand sich dort nichts, was auf den Angriff eines Löwen hingewiesen hätte. Es gab keine Spuren von Gewalt, nirgends war Blut zu sehen, es gab überhaupt keine Anzeichen eines Kampfes. Nael rannte wieder hinaus, lief im Dorf umher, rief dabei aufgeregt den Namen seines Vaters, unentwegt und stundenlang, bis er keine Stimme mehr hatte. Er verfluchte die feigen Bewohner des Dorfes, die sich entweder in ihren Hütten versteckt oder die Flucht ergriffen hatten, sich nun aber wieder zu zeigen wagten, jetzt da sie wussten, dass der Überfall des Löwen nicht ihnen selbst gegolten hatte. Sein Vater blieb verschwunden. Vielleicht hatte ihn tatsächlich der Geist des Plateaus in einem Stück heruntergeschluckt und einfach mitgenommen.
Völlig erschöpft fiel Nael schließlich in einen unruhigen, von fiebrigen Träumen begleiteten Schlaf. Als er nach einigen Stunden wieder erwachte, empfing ihn lediglich eine ungewohnte und beklemmende Stille. Bestärkt durch seine Albträume und der Tatsache, dass sein Vater nicht wieder aufgetaucht war, schien es Nael mittlerweile sicher, dass die Urväter ihn entführt oder gar noch Schlimmeres mit ihm angestellt hatten. Eine schwere Traurigkeit nie gekannten Ausmaßes überfiel Nael, er dachte daran, dass sie beide keine Gespräche mehr führen würden, die bis in den Morgengrauen reichten, sie würden niemals mehr gemeinsam dem Wind lauschen und auf das von der Abendsonne rotgetränkte Steppengras blicken. Nie wieder würde Nael seinen Vater lachen, weinen oder leise schnarchen hören. Von jetzt an würde es nur noch ihn selbst und diese unauslöschliche Stille geben.
Aber nein, es gab keinen vernünftigen Grund für das plötzliche Verschwinden seines Vaters, nichts rechtfertigte das auf die geschehene Weise gewaltsame Eindringen in ihrer beider Leben, ohne eine Erklärung oder Verabschiedung zugelassen zu haben. Nael würde diese ihm auferlegte Bürde nicht einfach so kampflos hinnehmen, ohne sicher sein zu können, nicht alles für eine mögliche Rettung seines Vaters getan zu haben. Bei Sonnenaufgang schließlich fasste er seinen Entschluss und packte alles Notwendige für eine lange, gefährliche Reise ins Ungewisse zusammen.
Und so machte sich ein Sohn auf die Suche nach seinem Vater, voller Angst aber nicht mutlos, voller Verzweiflung aber nicht ohne Hoffnung und beschritt den Pfad in Richtung des Hochlands, um an den Ort zu gelangen, an dem die Geister des Plateaus angeblich zu Hause sein sollen.
Aber das ist eine andere Geschichte.