Die kritische Masse

Ich hasse Kritik an meinem Verhalten. Ich anerkenne ihre zum Teil berechtigte Hervorbringung mir gegenüber, sei es verbal oder in Textform, aber ich hasse sie dennoch. Weil sie ein tortengroßes Stück mit Kirsche obendrauf dessen ausmacht, was dauerpräsent in meinem Leben geworden ist, also der permanente Niederringungsversuch meines eigenen Verstandes, zuzüglich der fortwährenden Bestätigung und Klassifizierung meines unbedeutenden Ichs durch außenstehende Personen. All das stürzt kopfüber in ein großes Sammelbecken, wie in das faulende Maul eines alles verschlingenden Molochs, dessen Kopf begierig in die Höhe zu schnellen beginnt, sobald Aussicht auf neue Futterzufuhr bestehen könnte.

Ich habe mich also verändert. In meinem Verhalten, Aussehen, Auftreten und meiner Art zu denken. Desozialisiert, destabilisiert und desorientiert versuche ich die gallertartige Masse meines Existenz-Provisoriums mal schwimmend, mal wild rudernd, dann wieder einfach nur treibend zu durchqueren und hinter mir zu lassen. Ohne Erfolg. Denn es ist nicht vorgesehen voranzukommen. Nicht für mich. Da können alle Nichtwissenden sagen, was sie zu wissen glauben. Ihre Rufe schallen weit über das Meer, über die Felder und die höchsten Bergspitzen hinaus, nur um dann langsam unter dem monotonen Rauschen des Windes, dem aufdringlichen Krächzen der Krähen und dem hämmernden Poltern der Lawinen in meinem Kopf zu verklingen.

Sämtliche Bewertungsfacharbeiter da draußen wissen nicht, was sie mit ihrer Beurteilung über mich in Gang setzen, wenn sie ihre Schmiere kübelweise über den Zahnrädern der Selbstvernichtungsmaschinerie auskippen. Manchmal verklemmt sich der Schlips, auf den sie treten, in den Zacken der gegeneinander rotierenden Scheiben und ich werde gnadenlos hineingezogen und zermahlen.

Wie lange her schon ist das letzte Lob oder Kompliment, wann hat zuletzt noch irgendjemand Interesse an meinem Wesen bekundet oder gar wenigstens ein paar Sorgenfalten auf seiner Stirn entstehen lassen? Ich kann es nicht sagen. Statt dessen erheben sich nur die kritischen Stimmen und mischen sich unter die anderen, allesamt negativen Erlebnisse und Erfahrungen der letzten beiden Jahre. Alles Verrohte, die unaufhaltsame Zerstörung von innen durch mich selbst, erhält also Nahrung durch klar verbalisierte, vermeintlich wahre Worte meiner Mitmenschen und legt Steine auf die Waagschale der unverfälschten Selbsterkenntnis.

Das ist der Grund, warum ich diese Form der Kritik so sehr verabscheue. Weil sie mich unaufhaltsam und Stück für Stück der schrecklichen, unwirklichen Realität näher bringt. Einer Realität, die ich zwar bewusst wahrnehme, aber nicht wahrhaben will.

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