Bitte schlaf. Bitte schlaf jetzt. Nein, nein, warte, warte, noch nicht! Ich muss jetzt etwas schlafen. Nur ein paar Stunden. Aber es gibt noch soviel zu überdenken. Das gibt es doch immer. Ich muss doch aber alles zerdenken, sezieren, versuchen zu verstehen. Schlaf ist nicht so wichtig, wichtiger ist, über den Grund nachzudenken, warum mich niemand verstehen kann oder will, warum ich allen egal bin. Darüber habe ich doch heute schon nachgedacht, stundenlang. Und gestern und den Tag davor und…aber ich habe noch keine Antwort gefunden! Und dann diese Wut, sie hält mich wach, putscht mich auf, erigiert meinen Hass. Die Wut auf die Welt, die Menschen, ihre Ignoranz, ihre Beschränktheit, ihre Schönheit, Klugheit und Arroganz und vor allen Dingen der Hass auf mich selbst. Dorthin führt alles zurück. Aufhören! Hör auf! Und sieh nur, das Kopfkissen ist schon wieder komplett vollgeheult. Versager! Ich heul nicht, das sind leise, sanfte Tränen der Verzweiflung. Aber über den Versager muss ich nachdenken. Aber wieso ausgerechnet jetzt noch? Morgen bist du doch auch noch ein Versager! Warum bin ich einer? Warum nur bin ich so? Warum bin ich so unansehnlich? Es muss den anderen Menschen nahezu körperliche Schmerzen zufügen, mich auch nur anzuschauen. Bitte schlaf doch endlich. Neinnein, es ist viel schlimmer. Bitte. Ich bin unsichtbar und in allen Belangen uninteressant. Scheisse auch. Und alle wissen es, nur niemand sagt die Wahrheit. Sie alle schweigen. Es ist 3 Uhr verdammt nochmal! So spät schon? Noch viel Zeit bis zum Morgen-Grauen! Sehr witzig! Mein Aussehen kränkt mich. Es macht mich krank. Bin ich überhaupt krank? Zumindest müde sollte ich sein! Wenn die Anderen es nicht glauben, vielleicht stimmt es dann ja, was sie denken. Sie denken wahrscheinlich, ich sei nur etwas überreizt. Die sind wahrscheinlich auch langsam müde. Dabei denke ich fast nur noch an den Tod und daran, mir etwas anzutun. Darüber könnte man aber auch morgen noch einmal nachdenken. Sie wollen mich ruhig stellen, sie wollen, dass ich Tabletten nehme und alles einfach so hinnehme, während sie alle ihr das vom Glück, der Zufriedenheit und der Liebe beseeltes Leben in Ruhe weiterführen können! Ruhe findet man im Schlaf! Aber das werde ich nicht tun, hört ihr? Bitte helft mir. Bittebitte. Irgendjemand! Ich ertrage das nicht mehr! Da ist aber niemand! Ich weiß. Ich weiß ja. Dann hör auf mit dem Betteln, das ist einfach eklig! Ich muss mir etwas antun, es geht nicht anders, es gibt keine andere Lösung! Und dann werden sie alle sehen, wie schlecht es mir geht, dann erst werden sie dem Grauen in meinem Kopf Beachtung schenken! Gott, wie erbärmlich ich doch bin! Du hast ja eh zuviel Angst. Jeden Tag dieselbe Debatte, jeden Tag. Es hört einfach nicht auf. Dann mach endlich was! Das ist aber nicht so einfach. Nur ein paar kräftige Schnitte. Nicht anders als sonst, nur tiefer. Davor habe ich Angst, entsetzliche Angst. Irgendwann musst du dich aber mal entscheiden. Gebt mir die Kraft, mir etwas anzutun, damit mein Kopf endlich zum Stillstand, zur Ruhe kommt. Stillstand, Ruhe, Schlaf – mein Reden seit Stunden! Wenn ich doch nur wüsste, was die Menschen über mich denken. Ich weiss es! Sie denken: mach doch endlich und laber nich nur rum, denn wir können alle nicht mehr! Wir sind es so sehr leid, uns dieses Gejammer anhören zu müssen und dein Verhalten weiterhin zu billigen! Irgendwann ist es genug! Ja, das denken bestimmt einige von ihnen. Aber die meisten denken überhaupt nicht mehr an mich. Ich bin längst vergessen. Ich möchte jemand sein, jemand Bedeutendes, jemand, dessen Nähe man sucht, das wünsche ich mir so sehr. Im Schlafe lässt es sich gut träumen! Aber es gibt keine Hoffnung, es gibt einfach keine und morgen wird wie heute sein. Immer gleich, fortwährend identisch, im Gleichschritt der Monotonie. Die Unendlichkeit ist nicht zu greifen, zeitlich nicht einzuordnen. Wie lange ist unendlich eigentlich? Wenn man schläft, kann man zumindest nicht aktiv denken. Probier’s doch mal damit. Nur ein Wunder kann mir noch helfen. Aber es gibt ja keine Wunder, also…ich bin so müde, so schrecklich müde…
Endlich.