Weder-Noch

T: Herr Marzi, jetzt da ich mit Ihrem Werdegang vertraut geworden bin, möchte ich Ihnen, bevor wir überhaupt beginnen können, zuallererst eine wichtige Frage stellen.

A: Selbstverständlich.

T: Gut. Warum sind Sie zu mir gekommen? Ich meine, warum sind Sie jetzt hier?

A: Ich möchte wissen, ob ich mit meinen Einschätzungen über die Irrelevanz einer weiteren therapeutischen Maßnahme richtig liege und meine Lage korrekt einschätze.

T: Wie sieht denn diese Einschätzung genau aus?

A: Ich bin der Ansicht, dass mir keine Therapie helfen kann, um wieder glücklich zu werden, ohne dass ich dabei meine Prinzipien aufgeben oder gar verraten muss.

T: Das scheint mir weder eine offene Sichtweise, noch eine dem Grundgedanken einer therapeutischen Behandlung zuträgliche Einstellung zu sein.

A: Ein schöner weder-noch-Satz, aber was soll’s? Worte allein wurden schon zu viele vergossen.

T: Ich rekapituliere dann mal. Aus Ihrer Sicht, von Ihrem Standpunkt aus, ist das Leben also unfair und ungerecht. Weil es immer Menschen geben wird, die attraktiver, erfolgreicher und intelligenter sind, als Sie es jemals sein werden. Ja, so kann man es sehen. Das mag stimmen. Die Welt, das Leben, das ganze Universum ist vollgestopft mit jeder Menge ungerechter Tatsächlichkeiten, grausamer Gegebenheiten und sozialer sowie erscheinungsbildlicher Benachteiligungen. Weder ich, noch Sie werden daran etwas ändern können. Ich verrate Ihnen jetzt einmal ein schockierendes Geheimnis: Morgen und Übermorgen und den Tag danach, ja Ihr gesamtes restliches Leben lang – wird die Welt ungerecht und unfair bleiben. Nichts wird sich daran ändern. Nichts. Und nun? Haben Sie vor, den Lauf der Dinge durch intensives, hochgradig konzentriertes Nachdenken oder Luftanhalten zum Aufgeben zu bewegen? Dann kann ich gleich noch mit einem weiteren Mysterium aufräumen: Das wird nicht passieren! Das wird nicht passieren, so sehr und angestrengt Sie auch darüber nachzudenken wagen. Und wenn Ihr Kopf explodiert. Keine Chance.

A: Naja, ich…

T: Alles was Sie tun, ist abwarten. Sie machen unentwegt und unglaublich ausdauernd, das muss ich Ihnen zugestehen, nichts anderes als vollkommen unbeteiligt zuzuschauen und dabei auf etwas zu warten, dass niemals eintreten wird. Sie wissen nicht einmal, worauf Sie überhaupt wirklich warten, Sie wollen einfach nur gegebenenfalls reagieren und auf keinen Fall selbst agieren. Aber Sie sind weder ein stiller Beobachter, noch sind Sie einfach nur Teil eines Publikums, denn das hier ist Ihr eigenes Leben! Und dafür sind Sie selbst, ganz allein verantwortlich. Sie können nicht einfach bei Aufforderung ein Schild mit einer knappen Antwort oder Wertung in die Höhe recken und damit ist es dann getan, das Leben macht dann schon den Rest. Sie verhalten sich wie ein kleines, schmollendes und bockiges Kind, das nicht das bekommt, was es unbedingt, UNBEDINGT haben will. Es mag sein, dass Sie mit dieser Methode in der Vergangenheit dann und wann einmal Erfolg gehabt haben, aber jetzt sind Sie ein erwachsener Mann und bei aller Nachsicht für Kinder, die so etwas ihren Eltern oder Mitmenschen zumuten – eine solche Handlungsweise eines Erwachsenen – nenne ich seelische Erpressung.

A: Ich – tue was bitte?

T: Sie erpressen Ihre Mitmenschen, diejenigen also, die sich einmal um Sie gesorgt haben und es vielleicht auch noch tun, das kann ich natürlich nicht wissen. Auch wenn Sie schweigen oder gerade durch Ihr Schweigen wollen Sie etwas erreichen, den anderen Menschen etwas entlocken, auf sich aufmerksam machen, Sie handeln aus bewussten, kalkulierten Beweggründen heraus – und das nennt man Erpressung.

A: Erpressung wäre es vielleicht, wenn diese Menschen keine Wahl gehabt hätten, aber die hatten Sie ja. Und sie alle haben ihre Wahl getroffen. Und das ist ok so. Der ganze Rest der Welt hat ebenso seine Wahl getroffen. Das ist gelinde gesagt, schon weniger freundlich und lastet zentnerschwer auf meiner Seele. Denn dieser Gedanke befreit den menschlichen Geist von jeglicher Hoffnung. Das erscheint mir inakzeptabel und gleichwohl unwiderruflich real zu sein.

T: Herr Marzi, Sie stampfen mit dem Fuß auf den Boden wie ein enttäuschtes Kleinkind, dass herauszufinden versucht, wie weit es gehen kann. Sie trampeln und stampfen und heulen und schreien, solange bis Sie Ihren Willen bekommen. Nur, so funktioniert es nicht. So funktioniert es eben nicht und das wird Ihnen mit jedem weiteren ins Land ziehenden Tag klarer und bewusster. Und das macht Ihnen Angst. Und deshalb sitzen Sie jetzt hier vor mir. Damit Ihnen jemand die Angst nimmt und Ihnen sagt: Alles wird gut. Sie ertrinken förmlich in Selbstmitleid und das sollen bloß alle sehen!

A: Ich weiß nicht was ich tun soll. Sie verlangen Unmögliches. Ich kann nicht glücklich sein, solange in meinem Leben keine meiner Sehnsüchte in Erfüllung gehen. Ich versuche jetzt seit mittlerweile fast zwei Jahren herauszufinden, wer ich bin und ich gelange immer wieder an den Punkt, an dem ich feststellen muss, dass ich in dieser Welt nichts verloren habe. Ich bin unfähig, in ihr zu existieren mit meinen Ansprüchen an mich selbst, mit meinen Sehnsüchten und Wünschen, die ich im Übrigen niemals aufgeben werde. Ich kann nicht zufrieden sein, mit dem was ich bin und darstelle, wenn die Welt da Draußen, mit all ihren Menschen, mir unentwegt immer und immer wieder bestätigt, dass ich für sie praktisch nicht existiere, dass ich für sie unsichtbar bin. Und trotzdem sollte ich glücklich sein können? Nein, das funktioniert nicht. Dafür müsste ich meine Festplatte komplett löschen, formatieren und neu beschreiben. Mit Dingen, die mir vollkommen egal und relevanzfremder nicht sein könnten.

T: Dann tun Sie das doch. Löschen Sie die verdammte Festplatte endlich, nur so können Sie endlich damit beginnen, sich fortzubewegen. Denn momentan treten Sie nur auf der Stelle, Sie drehen sich vielleicht mal im Kreis, bleiben dabei aber immer am selben Fleck stehen. Das ist Stillstand trotz Veränderung! Sie müssen loslassen, denn ich sehe weder eine Alternative, noch eine Besserung der Lage für Sie, wenn Sie so weitermachen wie bisher.

A: Es gibt immer noch einen anderen Weg.

T: Ach, Herr Marzi. Ich bin nicht hier, um Ihnen zu sagen: „Ja, Sie haben recht, alles ist komplett im Arsch und vorbei, Ihr Leben endet hier und deshalb sollten Sie Ihre Pläne endlich in die Tat umsetzen, meinen Segen haben Sie!“ Sie werden weit und breit niemanden finden, der Ihnen das sagen wird. Warum nicht? Weil man so etwas nicht tut. Das ist moralisch nicht vertretbar, für Niemanden, weder für einen Therapeuten noch für einen Steuerberater. Das wissen Sie doch?

A: Und schon wieder ein weder-noch-Satz. Wo nehmen Sie die bloß alle her? Aber ja, natürlich. Ich weiß so einiges. Man sollte sich wundern. Ich habe so lange schon über so vieles nachgedacht, dass ich sehr gut mein eigener Therapeut sein könnte. Natürlich blieben meine Bemühungen letztendlich aber erfolglos, so wie die Ihren.

T: Dann ist es ja nur folgerichtig, dass ich eigentlich gar nicht existiere. Sie werden also keine weitere therapeutische Maßnahme in Erwägung ziehen oder wenigstens versuchen, sich selbst zu akzeptieren, um trotz der widrigen Umstände irgendwie wieder glücklich zu werden?

A: Weder-Noch.