Hybrid

Als ich ihn das erste Mal bewusst wahrnahm, den Widerstand, geschah das aufgrund eines fast körperlich spürbaren Erdrutsches, der sich von meinem Kopf aus, seinen Weg durch die Innereien bis hinunter zu meinen Beinen bemerkbar machte und mich zusammensacken ließ. Es war, als löste sich etwas los von mir selbst, von meinem Bewusstsein und so waren mein Herz, meine Seele und mein Verstand nicht annähernd darauf vorbereitet, denn dieses Wesen hatte sich bislang nur von Schatten zu Schatten bewegt und lediglich einen unangenehmen Geruch oder faden Geschmack hinterlassen.

Aber nun gebar ich dieses Monstrum, das in seiner dämmerigen Zuflucht zu einem wahren Koloss herangewachsen war, denn solche Dinge entstehen nicht über Nacht. Sie gedeihen und wachsen, sie erblühen in den Schlupflöchern und Niederungen unseres zerebralen Hinterlandes.

Es gab Risse, sicherlich, Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte waren schon immer da, mal kurz, mal länger, mal schwach, mal intensiver, wie gemorste Zeichen, die ich nicht recht deuten konnte. Sei es mein Spiegelbild, mein Profil, Fotos von mir, Reflexionen anderer Menschen mit Charisma, Ausstrahlung und einem selbstbewussten, sicheren Auftreten.

In mir stapelten sich Empfindungen wie Neid, Missgunst, Eifersucht und ausuferndes Selbstmitleid, bis kein Platz mehr vorhanden war und die eitrige Blase platzte, weil sie eben platzen musste.

Dieser Prozess hat 46 Jahre gedauert und der Klimax kam damit sehr spät. Es hatte etwas Reinigendes an sich, als wäre der Schleier endlich gelüftet und Eindeutigkeit an dessen Stelle getreten. Dann kam die Suche, ich habe das unterste zuoberst gekehrt, gewühlt, gekramt und aussortiert, immer begleitet von der ständigen Angst, dass alle meine Befürchtungen tatsächlich der Wahrheit entsprechen könnten. Und sie taten es. Bei dem nicht existierenden Gott, sie taten es.

Auf Erkenntnis folgt Ratlosigkeit folgt Hilflosigkeit folgt Verzweiflung folgt Wut folgt Hass und schließlich mutiert dieses Gemisch aus Schweiß, Tränen, Blut und Kotze zu einem Gebilde der Qualen, das sich in einem fortwährenden Vorgang der Kontraktion immer wieder aufs neue aufbläht und in sich zusammenfällt. Wie ein Blasebalg voller Feuer, Lava und Frost dehnt es sich aus, beraubt meines Herzens Platz, meiner Seele ihres Freiraums und meines Verstandes Klarheit.

Dieses Geschöpf hat sich also geoutet, offenbart, ist aus dem Schatten getreten und wird auch nicht mehr verschwinden.

Denn es ist jetzt ein Teil von mir.