Die unvorstellbaren Leiden des Dr. Z.

Dr. Paul Zervelatwurst (mit Z) kratzte sich am Kopf. Der Juckreiz kam von innen, er lag tief unter der Kopfhaut und so verschwand er auch nicht. Ärger war alles, was er darüber empfand. Dieser Mann hier verursacht mir dieses Kribbeln, das war so sicher wie der üble Mundgeruch seiner Frau, wenn sie morgens neben ihm aufwachte und ihm ihr Guten Morgen ins Gesicht blies.

Der Mann, der jetzt vor ihm saß, war einfach nur penetrant nervig. Schon als der Typ reinkam, wusste Dr. Paul Zervelatwurst (so durften ihn nur seine besten und engsten Freunde nennen) also jedenfalls wusste er schon da, dass es Ärger geben würde. Verdammt nochmal, gleich der erste Patient und schon war der ganze Tag hinüber.

Zervelatwurst verabscheute seinen Job. Er war jetzt beinahe schon 10 Jahre lang Doktor der Psychologie, hatte seit 4 Jahren seine eigene Praxis und zählte einen Stamm von gut 20 Patienten zu seinen „Kunden“, wie er sie heimlich – oder – wenn er wieder mal betrunken war (was in letzter Zeit häufiger vorkam), auch öffentlich zu nennen pflegte. Er war also verheiratet und hatte mindestens zwei Kinder, von denen er sicher wusste, dass sie von ihm waren, obwohl sich komischerweise insgesamt in etwa vier missratene Gören zuhause tummelten und ihm regelmäßig den Verstand raubten. Seine Frau war schön aber dumm, seine Kinder hässlich und dumm und sein Leben verlief in weitestgehend zickzackförmigen Bahnen, wie einer dieser verdammten Börsenkurse auf einem Flipchartblatt, deren Darstellung gleichsam undurchsichtig und komplett uninteressant zu sein schien.

„Was raten Sie mir also nun?“ fragte der Typ jetzt und riss Zett (so nannte ihn seine Frau) aus seinen Tag(alp)träumen. „Wie bitte?“ fragte Dr. Zervelatwurst immer noch abwesend. „Was haben Sie gesagt?“ Der Mann seufzte. „Ich fragte, was Ihr Rat an mich ist!“ Z. keuchte innerlich auf, was zum Teufel hatte der Mann nur zuletzt gesagt? „Ja, das ist schwierig, wissen Sie…“ begann er und faltete dabei seine Hände zu einem perfekten Dreieck. „Nun zuerst einmal war es richtig, dass Sie damit zu mir gekommen sind…“ Er hatte diese Gesten und Floskeln mit den Jahren wie ein gottverdammter Politiker bis zur Perfektion verinnerlicht und konnte sie jederzeit nach Belieben abrufen. „Und was diese Sache angeht…“
„Welche Sache meinen Sie?“ unterbrach ihn der nervige Mann und blickte verständnislos drein. Meine Güte, wie dumm er alleine schon ausschaute! dachte Z. und versuchte nun mit einer wegwischenden Geste das widerlich penetrante Nachhaken des Mannes wie eine lästige Fliege zu verscheuchen. „Sie können sicher sein, dass Sie bei mir in guten Händen sind und wir der Sache in den nächsten 50-60 Sitzungen gemeinsam auf den Grund gehen werden! Oh, wie ich sehe ist unsere Zeit leider schon um. Lassen Sie sich am Empfang einen neuen Termin geben!“ Endlich war er diesen Schwätzer los.

Dr. Paul Zervelatwurst hasste seinen Namen, er war deswegen schon als kleiner Junge immer und immer wieder von den anderen Kindern gehänselt und aufgezogen worden: PaulPauloberfaul! oder noch schlimmer: PaulPaulPaul! hatten sie hysterisch geschrien, während sie mit dem Finger auf ihn gezeigt und höhnisch gelacht hatten. Kinder waren halt einfallsreich und grausam. Aber was sollte man machen? Er musste mit diesem Martyrium von Vornamen leben und das Beste draus machen.

Schon sehr früh, also bereits um 09:00 Uhr morgens etwa, an einem Tag im Mai vor 25 Jahren, wusste Zervelatwurst, dass er zu höherem berufen war. Er versuchte sich daher eine Zeit lang als Kranführer, erkannte aber recht schnell, dass er unter sogenannter Paranoia Vectis, also der Angst vor Schalthebeln litt, einer nahezu unheilbaren Phobie, die nur sehr selten vorkam und wenn, dann fast ausschließlich bei Kranführern, Lokführern oder Zirkuspferden. Bis heute weiß allerdings niemand genau, warum das so ist, denn diese Tiere sind sehr stolz und nehmen daher nur höchst ungern therapeutische Hilfe in Anspruch.

Seine Eltern waren rechtschaffene Leute gewesen. Sein Vater, Francis Ford Zervelatwurst, stammte aus einer alteingesessenen und ehemals wohlhabenden Familie von Advokaten, die sich allerdings irgendwann gegenseitig so lange zu verklagen begonnen hatten, bis schließlich alles Vermögen aufgebraucht worden war. Seine Mutter wiederum, eine geborene von Bratapfel, hatte ihren Adelstitel und die damit verbundenen Privilegien für ihren Ehemann aufgegeben, um fortan als Hausfrau und später Mutter, gelegentlich auch als Hobby-Archäologin, ein Leben in fast kompletter Armut und Verbitterung zu führen. Aber dennoch waren beide glücklich gewesen, denn sie hatte ihren Mann und er seine Mätressen geliebt.

Und eines schönen Tages, als der noch junge, unschuldige und unbedarfte Paul Zervelatwurst den gerade in der Stadt gastierenden Jahrmarkt besuchte, hatte er dass unfassbare Glück gehabt, beim Luftgewehrschießen einen Doktortitel zu gewinnen. (Beim Dosenwerfen hatte er den akademischen Titel eines Professors nur knapp verpasst). Und so war eine beispiellose Karriere geboren worden.

Nur war Z. niemals wirklich glücklich gewesen, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab, denn er besaß fast alles: Geld, eine schöne Frau, 3 oder 4 Kinder, eine Villa am Comer See und die wohl größte und schönste Sammlung 3-blättriger Weißkleeblätter. Aber irgendetwas fehlte, schien immer gefehlt zu haben und würde auch immer fehlen.

Dr. Paul Zervelatwurst nahm seine Brille ab und legte sie behutsam auf den Schreibtisch. Das Licht der einfallenden Sonnenstrahlen brach sich regenbogenfarben in ihren Gläsern und da wusste Z. plötzlich was es war, dass ihm fehlte, wonach er sich seit jeher gesehnt hatte. Es war Liebe. Die bedingungslose, von allen Zweifeln befreite Liebe zu sich selbst. Die hatte er niemals kennengelernt. Stattdessen hatte sich in ihm eine tief verwurzelte Melancholie ausgebreitet, eine alles verdunkelnde Materie, deren schwarze Patina sich im Laufe der Jahre und im Gewirr vergangener und ebenso präsenter Gefühle gebildet und seine Seele überzogen hatte.

Dieser Gedanke brachte ihn zum Weinen. Tränen ergossen sich über sein Gesicht, liefen bis zum Kinn hinunter und tropften von dort aus auf den mahagonifarbenen Parkettboden. Und obgleich in dieser Erkenntnis eine unfassbare Tragik lag, war Z. froh darüber, endlich Einsicht in seine tiefsten Sehnsüchte, seine eigene Unvollkommenheit und ihren Ursprung bekommen zu haben.

Er nahm die Brille wieder auf, kratzte sich kurz am Kopf, öffnete dann die Tür und rief den nächsten Patienten herein.