Unterwegs mit Keks

Ich sitze also auf dem Beifahrersitz neben dem Keks und frage: Keks? Wohin fahren wir?

Keks schaut amüsiert zu mir herüber, macht aber keine Anstalten mir zu antworten.

Ich wende meinen Blick wieder zurück auf die verschmutzte Windschutzscheibe, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich schaffe es einfach nicht, sie zu durchdringen und die Landschaft da draußen genauer in Augenschein zu nehmen.

Keks? Weißt du eigentlich wie sehr ich dich mag? Ich meine, nur dein trockener Humor wirkt auf mich noch anziehender als deine Fähigkeit, im richtigen Moment nichts zu sagen.

Keks scheint das blecherne Vehikel unter unseren Ärschen wie kein Zweiter zu beherrschen. Das verdammte Auto macht genau das, was Keks will und gehorcht ihm bedingungslos und ohne Murren. Erstaunlich. Säße ich am Steuer, würde das Ding das wahrscheinlich sofort bemerken und seinen Dienst verweigern. Ich hab nicht so das Händchen für technische Konstrukte. Das gilt wohl auch für Menschen und mein gesamtes Leben, fürchte ich.

Keks? Wohin fahren wir? frage ich nochmal. Mach es doch nicht so spannend! Wir sind jetzt schon eine Ewigkeit unterwegs und ich habe überhaupt keine Ahnung, wo wir sind. Wir könnten im Kreis fahren und ich würde es nicht bemerken. Wir fahren doch nicht etwa im Kreis, oder Keks?

Keks ist eher so der schweigsame Typ, genau das Gegenteil von mir selbst, aber er besitzt einen sehr analytischen Verstand und seine Zielstrebigkeit gehört definitiv zu seinen Schokoladenseiten. Er weiß genau, das Worte Taten folgen sollten und nicht umgekehrt. Und aus eben diesem Grund werde ich langsam ein wenig unruhig.

Wie spät ist es eigentlich? Sag mal Keks, glaubst du an die Erfüllung unserer Sehnsüchte durch reine Fokussierung und Konzentration auf deren Wesentlichkeit bis zur alles umfassenden Transzendenz? Nein? Oder doch?

Wir rasen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über irgendein Hindernis, das groß genug zu sein scheint, meinen Körper für einen kurzen Moment in die Höhe und damit Schwerelosigkeit schnellen zu lassen.

Warum musst du denn nur so rasen? Weißt du was? Deine Verschwiegenheit geht mir ehrlich gesagt so langsam auf den…äh…Geist. Ich habe dich wohl falsch eingeschätzt. Du bist auch nur wie alle anderen. Du denkst dir deinen Teil aber rückst nicht mit der Sprache heraus. Ich fühle mich unbehaglich und gefangen, eingesperrt, nicht in der Lage selbst das Steuer in die Hand nehmen zu können. Verstehst du das, Keks?

Falls Keks mich verstanden haben sollte, findet er jedenfalls weiterhin großen Spaß daran, mich über unser Reiseziel und die Mysterien des Universums an sich im Unklaren zu lassen.

Verdammt nochmal Keks!! Es reicht jetzt!!! (Zwei oder gar drei Ausrufezeichen stehen immer für eine Art der Hysterie) Ich habe das jetzt lange genug mitgemacht! Rede mit mir!! Mein beschissenes Leben geht gerade komplett den Bach runter und es scheint niemanden zu interessieren, nicht einmal meinen treuen Freund Keks? Warum sagst du denn nichts? Warum schweigst du so beharrlich? Und warum zur verfickt und verdammt beschissenen Scheißhölle kann ich nicht aus dem Fenster schauen?

Ein plötzlich auftauchendes Licht erhellt leicht Keks‘ Gesicht, es wirkt müde und zerfahren aber auch beängstigend entschlossen. Das Licht wird strahlender und greller, es scheint immer schneller immer näher zu kommen.

Also gut, vermutlich hast du recht, ich war wahrscheinlich immer eher ein Epikureer aber wenn du möchtest, dann werde ich auf der Stelle zum Stoiker!! Bitte Keks, ich flehe dich an!!!

Ich will aussteigen doch Keks hält drauf.

Scheiße, ich will jetzt aussteigen, Keks!

Ich will, dass er anhält.

Keks, halt sofort den Wagen an, hörst du?

Ich will das es aufhört, doch Keks treibt das Auto immer energischer voran.

Ich steige jetzt aus!! Ich muss hier raus!! SOFORT!!!

In einer schier unendlich langsamen Bewegung dreht sich Keks in meine Richtung, bevor er das Lenkrad loslässt und vor meinen Augen zu hellbrauner Keks-Krümel-Schokoladenmasse in sich zusammenfällt. Vor dem Aufprall und dem Nichts höre ich seine letzten und einzigen Worte:

„Zu spät. Wir sind da.“