Die Strategie ist die, möglichst niemals zu vermeiden, zu leiden

Diese Geschichte geht nicht gut aus. Und was werden erst die Leute sagen, wenn alles vorbei ist? Vielleicht:

  • Uns war nicht bewusst, dass er es wirklich ernst gemeint hat
  • Wir dachten, er wollte sich nur wichtig machen
  • Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand
  • Es war seine Entscheidung
  • Was hätten wir schon tun können
  • Wir haben alle unsere Probleme
  • Er wollte ja keine Therapie machen
  • Wer so oft und so lange schon darüber redet, unterliegt der reinen Selbstdarstellung – haben wir angenommen
  • Hätte er mal Amitriptylindoxepinnortriptylintrimipramin genommen, dann wäre er sediert und glücklich gewesen
  • Vielleicht ist es besser so, also für ihn
  • Er wollte doch keine Hilfe
  • Oh! Naja, sein Gehirn war wohl schon ziemlich zerfickt
  • Wir haben ja auch noch ein Leben
  • Es wurde uns einfach zu viel
  • Wir wussten nicht damit umzugehen
  • Er wird uns fehlen – irgendwie
  • Schlimmschlimmschlimm
  • Wer sich so benimmt und verbal so um sich schlägt, muss sich nicht wundern, dass sich niemand mehr bei ihm meldet! Aber dass er sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, das tut mir echt leid
  • Bitte wer?

Fakt ist, dass ich das Datum meines gewählten Freitodes publik machen könnte (noch gibt es keinen Termin, weil: noch zuviel Angst, außerdem tippe ich eher auf eine Spontanaktion meines dann hoffentlich immer noch bewusst handelnden Verstandes) und niemand würde darauf reagieren. Was für ein unglaublich erschreckender Gedanke das ist und was dieses rottende Gemisch aus Zweifel und Gewissheit mit mir anzustellen weiß. Wenn ihr das nur fühlen könntet. Man könnte meinen, ich wollte nur provozieren, aber ich schreibe lediglich meine Gedankengänge nieder, auf einer Webseite, die nur noch sehr selten bis gar nicht mehr frequentiert wird.

Gedanken sind wie dunkle Materie, sie sind da und doch unsichtbar. Denkt eigentlich irgendjemand da draußen von euch, er wäre glücklich? Falls ja – warum ist das so? Ist das überhaupt wichtig? Und werde ich das in diesem Leben noch von irgendjemandem persönlich erfahren? Ich glaube kaum. Was steckt hinter den Begrifflichkeiten Glück oder Zufriedenheit? Wir kennen uns und doch kennen wir uns nicht. Nicht mal ansatzweise, denn in der Regel erscheint es uns unnütz, über diese scheinbar profanen Dinge nachzudenken und überhaupt Zeit darauf zu ver(sch)wenden.

  • Jörg, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • Henning, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • Lena, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • Daniel, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • LCS, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • Jasmin, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?
  • Sandra, bist du glücklich? Falls ja, was macht dein Glück aus?

Und nun,

  • Jörg, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • Henning, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • Lena, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • Daniel, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • LCS, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • Jasmin, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?
  • Sandra, bist du glücklicher ohne mich? Warum ist das so?

Ich glaube, ich bin jetzt der Mensch, der ich immer sein sollte. Ich glaube, so war es gedacht. Von Anfang an.

Die Depression, ich nenne es lieber: die nagende Repressalie, arbeitet im Hintergrund und ist unermüdlich. Es fördert und vor allen Dingen fordert von mir die stetige und konsequente Auseinandersetzung mit meinen Unzulänglichkeiten, meinen Ängsten, Fehlern aber auch unerfüllbaren Sehnsüchten. Es treibt mich an, verurteilt mich und wirft unbequeme Fragen auf. Es kennt keine Frühstücks- und Mittagspause, sitzt beim Abendessen mit am Tisch und macht selbst vor der Nacht und dem Schlaf nicht halt. Die Wahrheit hat niemals eine Reifenpanne, kommt nie zu spät oder verschläft, es macht niemals Urlaub, geht nicht auf Reisen oder entspannt sich am Pool und lässt die Seele baumeln. Es ist eine Maschine, ein Motor, ein Perpetuum Mobile.

So vieles bleibt unbeantwortet oder macht sprachlos. Anderes hingegen wird aufgedeckt und freigelegt. Wohl gemerkt, hasse ich dieses „Ding“ in mir jedoch nicht. Wie kann man die Wahrheit auch hassen? Sie ist halt einfach da. Also projiziere ich den Hass auf ihren Verursacher: mich. Ich habe verstanden, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es sich in voller Pracht zeigen würde. Es war schon immer da, das weiß ich jetzt. Es hat sich im Schatten genährt und auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Gehetzt von der schonungslosen Wahrheit hat mein Unterbewusstsein lange genug die Flucht ergriffen, sich aber schließlich doch ergeben müssen.

Ich sehe mich nicht als Opfer, ich schiebe die Schuld nicht auf andere, vielleicht habe ich sogar Zeit meines Lebens tatsächlich das Beste aus meiner defizitären Persönlichkeit herausgeholt, das Mögliche erreicht, mehr ist halt nicht drin. Es ist gleichwohl eine Bankrotterklärung, denn ich verabscheue alles an mir. Das Leben da draußen, die Wirklichkeit, teilt meine Sichtweise, bekräftigt meine Auffassung, teilt mir jeden Tag mit, dass kein Irrtum vorliegt. Been there, done that.

Und alle schweigen hartnäckig und beharrlich. Schweigsamkeit ist wie eine eigene Sprache, ihre Bedeutung ist immanent, es ist wie ein Code, aber kein schwer zu enträtselnder, je nach Kontext. Ich schweige unter anderem aus Scham, weil ich nicht enttäuscht werden möchte, aus Selbstschutz, obwohl ich doch gerade leiden will. Das ist ein Widerspruch, den ich auch nicht verstehe. Andererseits leide ich ja auch, gerade weil ich so einsam bin, durch meine Isolation. Wenn mich die Welt nicht will, verschließe ich mich ihr ebenfalls. Es ist kompliziert. Ihr schweigt aus verschiedenen Gründen, weil es euch nicht (mehr) interessiert, weil ihr genervt seid, weil ihr mir keinen Glauben schenken wollt oder vielleicht weil ihr euch überfordert fühlt und genau wisst, das ich mit allem Recht habe. Es müsste euch doch klar sein, dass es mir helfen würde, wenn endlich einmal jemand sein Schweigen bräche und sagen würde: „DU BIST EIN UNINTERESSANTER MENSCH, SOWOHL WAS DEINEN CHARAKTER ALS AUCH DEINE ÄUSSERE ERSCHEINUNG BETRIFFT! DU BIST NICHT VERRÜCKT! Das ist der Grund, warum dich niemand anlächelt, niemand deine Nähe sucht, das ist der Grund, warum sich alle von dir distanzieren, das ist der wahre Grund, warum sich Claire niemals für jemanden wie dich überhaupt interessieren KÖNNTE!“ Die Suche nach der Wahrheit wird mich niemals loslassen, solange sich niemand außer mir selbst endlich einmal traut, sie auch verbal zu artikulieren oder niederzuschreiben. Sei es aus Angst, Scham, Mitleid oder Desinteresse. Doch das alles zählt nicht mehr.

Habe ich das etwa schon einmal erwähnt? Tja, mein Kopf sagt schließlich auch nicht: hab ich alles schon mal gehört und gedacht, ich leg‘ das mal beiseite. Nein, es wuselt und wütet und wiederholt sich alles einfach nur immer wieder, wird immer wieder neu durchgekaut, obwohl der Kaugummi längst seinen Geschmack verloren hat und der Drops schon lange gelutscht sein sollte.

Aber beugen werde ich mich nicht. Soll heißen, ich weiß wie unsichtbar, unbedeutend und uninteressant ich bin, ich kenne meine Defizite, weiß wofür es nie gereicht hat und niemals reichen wird, aber ich werde auf keinen Fall sagen: „ja, so ist es halt, damit muss man leben.“ Denn damit muss ich nicht leben.

Ich werde aufrechten Hauptes die Bühne verlassen und abtreten. Jedenfalls ist das der Masterplan. Bis dahin werde ich weiter hassen, weiter hadern, den Schmerz empfangen und die Klinge eigenhändig packen und meine Seele noch tiefer durchbohren lassen. Ich werde alles Notwendige tun, um den Auflösungsprozess zu beschleunigen, nur darum geht es noch. Zwischendurch etwas schlafen, essen und arbeiten, solange es eben geht. Und es geht schon zu lange. Jeder weitere Tag ist nur Verzögerung des Unvermeidlichen. Jeder weitere Tag bedeutet weiteren Schmerz und weiteres Unbehagen, mit diesem Kleingeist in diesem Körper gefangen leben zu müssen und nichts anderes als denkendenkendenken zu können.

Nichts stimmt, nichts erscheint richtig, nur der Makel bleibt und breitet sich aus, wie ein flächendeckender Teppich aus zerstörten Hoffnungen, geplatzten Träumen und falschen Erwartungen. Ich will nur noch, dass es aufhört und dabei Haltung bewahren können.

Hinzu kommt, dass ich jeden Tag an euch da draußen denken muss, an die Menschen, deren Bekanntschaft ich machen und deren Leben ich ein Stück weit begleiten durfte. Ich denke oft an diejenigen, die ich geliebt habe und immer noch liebe, ich bin dankbar für eure Zuneigung, für das wunderbare Gefühl, das ihr mir gegeben habt, jeder auf seine Art und Weise. Ich habe euch nicht vergessen, die Gedanken an euch nicht verdrängt oder gar unterdrückt. Diese Erinnerungen trage ich tief in mir, was meine Existenz noch unerträglicher macht. In meiner Vorstellung umarme ich euch und drücke euch ganz fest an mich. Nicht weil ich trösten möchte oder selbst Trost suche, sondern weil ich euch so sehr vermisse, so verdammt gerne mit euch reden, philosophieren, lachen, trinken, Musik hören oder einfach nur körperlich nah sein würde. Aber das kann ich nicht. Und auch wenn es kein gutes Ende nehmen wird, so wird es doch wenigstens ein Ende geben. Und das scheint Trost genug sein zu müssen.

Das war ein sehr langer Text und ein noch viel längerer Tag, der wieder viel seelischen Aderlass mit sich gebracht hat. Aber was dort liegt begraben auf der Seel‘, muss irgendwann hervorgebracht werden, sonst stirbt man voller Qual und ohne Erleichterung beim letzten Atemzug. A.M.