Lieber Eugen Oi,

Der Schmetterling symbolisiert die von der Materie losgelöste Seele. Er durchläuft bis dahin verschiedene Stadien der Transformation, der Veränderung oder Wandlung von der Raupe bis zum Falter. Und dann – ist er frei.

Ich werde auch frei sein.

ich bitte dich, das Korsett deiner Prinzipien abzulegen und mir eine Frage zu beantworten, die ich dir verständlicherweise nicht direkt stellen werde und erst recht nicht hier auf dieser öffentlich zugänglichen Plattform.

Ich bin gefangen in einem gedanklichen Aktionismus und einem fiebrigen Wahn anhänglich, dieser Sache auf den wahrheitsgemäßen Grund gehen zu müssen, bevor ich meine Verwandlung einleiten kann. Ich bin zwar mittlerweile sicher, dass ich den Vorfall oder die Situation um die es geht richtig einschätze, jedoch würde ich gerne jeglichen Zweifel von dem Menschen ausräumen lassen, der einst behauptete, mir immer die Wahrheit gesagt zu haben. Nun, wenn man die Wahrheit verschweigt, ist das im Grunde genommen auch keine Lüge. Es erscheint mir ungleich schlimmer und hat mich umso härter getroffen, als ich erst einmal realisiert hatte, was wohl wahr war und was nicht.

Ich habe mich zu diesem Schritt in deine Richtung entschlossen, weil ich diesen Gedanken, der mich schon so lange quält und zermürbt, endlich aus meinem Kopf verbannen möchte und ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Die schlichte Verdrängung ist etwas, das mir nicht liegt. Ich suche die Konfrontation mit mir, in mir selbst.

Du wirst denken mögen, wenn du mein Anliegen erst kennst, dass mich das nichts angehen mag und in erster, rationeller Konsequenz ist das sicherlich auch korrekt. Du bist mir überhaupt nichts schuldig, erst recht keine Erklärungen. Aber weiter gedacht berührt mich die Antwort, die Auflösung in all ihrem vermeintlichen Schrecken natürlich schon. Denn sie bestätigt und festigt das Fundament oder Konstrukt auf dem ich stehe, das ich mir aufgebaut habe. Die Sicht der Dinge auf mich selbst bezogen. Und genau das ist die Schnittstelle. Deine letzten, an mich gerichteten Worte beinhalteten deine Hoffnung darauf, dass ich irgendwann wieder glücklich sein werde. Seitdem vergingen kein Tag, keine Stunde, keine Minute, in der dieses Gefühl des Glücks jemals zurückgekehrt wäre. Ich werde also nie wieder glücklich sein, aber vielleicht zumindest am Ende mein Wesen und mein Sein komplett aufgeschlüsselt haben und dann schließlich frei sein können.

Ich möchte das Ziel meiner Reise, von der ich nicht mehr zurückkehren kann, falls möglich in Kenntnis der ganzen, allumfänglichen Wahrheit ansteuern können. Du hast dabei nichts zu verlieren aber auch nichts zu gewinnen. Das möchte ich ausdrücklich betonen. Du würdest sogar für einen kurzen Moment wieder den Hauch längst vergessener, lästiger Erinnerungen spüren, das ließe sich wohl nicht vermeiden. Aber es wird keinen philosophischen und metaphorischen Tanz mehr geben. Eigentlich schade, aber so funktioniert eure Welt wohl. Eine Welt der gegenseitigen Anziehung gegebener Schönheit, einer Attraktivität, der ihr euch voller Lust und Spontaneität immer wieder hinzugeben imstande seht, weil ihr es euch leisten könnt. Eine Welt, die sich mir als Außenstehender und Außenseiter, der ich nun mal bin, bis zum Schluss niemals geöffnet hat oder jemals öffnen wird. Anderen gleichwohl mit Leichtigkeit.

Falls dein Interesse geweckt sein sollte, obwohl es keine Belohnung gibt, schreib‘ mir bitte eine Mail.

Falls dein Interesse längst verreckt sein sollte, oder du irgendwelche Bedenken und Vorbehalte haben solltest, würde ich dir raten, diese Angelegenheit möglichst weiträumig zu umfahren.

Und falls dich diese Zeilen gar nicht erst erreichen sollten, nun ja, dann habe ich wenigstens trotzdem nichts unversucht gelassen, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, ohne dabei deine dir verdiente Privatsphäre zu durchbrechen.

Aber es ist deine alleinige Entscheidung und ich denke nicht, das ich gerade dir das Prinzip des freien Willens erklären muss.

A.M.