Der Kongress der Menschen

Alle 3,1415926 Jahre wieder, findet der Kongress der Menschen an einem streng geheim gehaltenen Ort statt. Die Teilnehmer, eine nach apodiktischen Regeln und Vorgaben gegliederte Schar, besteht lediglich aus zwei Fraktionen: die der glücklichen und die der unglücklichen Menschen. Denn so teilt sich die Welt nun mal auf.

Am Anfang der Tagung gibt es meistens ein riesengroßes Gewusel und jede Menge Verwirrung, da kurz nach Ankunft der einzelnen Besucher noch nicht immer ganz klar ist, wer jetzt zu welcher Gruppe gehört, manchmal erkennt man zwar den ein oder anderen wieder, nur um dann festzustellen, dass diese Person mittlerweile das Lager gewechselt hat. Bis sich alle sortiert haben, vergeht so eine ganze Weile.

Jede Fraktion bestimmt für den Zeitraum der exakt 3,1415926 Stunden andauernden Konferenz einen repräsentativen Sprecher, der dann die Interessen und Belange seiner Mitmenschen vehement zu vertreten hat.

Es wird Bilanz gezogen, man teilt die Erfahrungen der vergangenen Jahre und hin und wieder werden auch Forderungen laut, meistens gehen diese von den unglücklichen, traurigen Menschen aus – wenn man es recht betrachtet eigentlich immer, aber die glücklichen Menschen haben ja auch schon alles.

Die glücklichen Menschen dürfen immer zuerst sprechen, solange das Interesse noch groß genug ist, bevor es schwindet und sich langsam auf Zehenspitzen aus dem großen Versammlungssaal schleicht. Dann ist die Zeit der Verlierer gekommen.

Erschwert wird der Vortrag des für die Gruppe der Taugenichtse referierenden Sprechers meistens durch plötzlich nicht mehr funktionierende Mikrophone, schlagartig schwindende Besucherzahlen und gelegentlich laut eingeworfene, störende Ausrufe und Einwände der interessanten, attraktiven und sorglosen Menschen.

Derlei hindernde Vorkommnisse halten den glücklosen Referenten aber niemals davon ab, bis zum Ende seines Vortrages mit zwar brüchiger Stimme und scheuer Körperhaltung, jedoch standhaftem Temperament für die Interessen seiner vom Leben in den Schwitzkasten genommenen und teilweise arg gebeutelten Zeitgenossen einzustehen.

Und dann am Ende, wenn das Büffet von den hinreißenden Wesen dieses Universums leer gegessen, wenn alle entzückenden, prächtigen Menschen den Versammlungsort längst verlassen haben, reichen sich alle übrig Gebliebenen die verschwitzten Hände, klopfen sich auf die hängenden Schultern und kehren mit traurigen, leeren Blicken wieder in die Welt der Ausgestoßenen zurück. Jeder für sich und ganz allein. So wie es sich ziemt.