Ich schaue unentwegt nur auf meine Schuhe. Gott sei dank trage ich überhaupt welche. Ist ja auch nicht selbstverständlich. Ich schäme mich. Für mich selbst. Für alles was mich ausmacht, vielleicht mit Ausnahme meiner Schuhe, denn die sind ganz okay, finde ich. Aber deshalb starre ich sie nicht an. Genau genommen blicke ich auch ca. 20 Zentimeter an ihnen vorbei ins Leere. In den Abgrund der Scham. Dabei war ich mal schamlos. Die Scham hat ein Gesicht und lugt verlegen zurück.
„Hi Scham!“
„Hey Verlierer! Könntest du vielleicht aufhören mich so anzustarren?“
Immer wenn ich einen Dialog mit der Scham führe, laufe ich Gefahr in irgendein Hindernis hineinzurennen. Dumm, hässlich und ungeschickt, das Arrangement aus der Hölle, für mich persönlich zusammengestellt auf der Klaviatur der Jämmerlichkeit. Ist auch schon alles egal. Shoegazing bezeichnet ja auch einen beliebten Musiktrend aus den Neunziger Jahren, als meine britischen Idole mit herabhängenden Gesichtsgardinen während ihrer Auftritte unentwegt ebenfalls nur ihre Schuhe anstarrten, begleitet von elegischen, in schierer Länge ausufernden, wabernden Gitarrensounds. My Bloody Valentine und Slowdive waren so Bands. Kann man immer noch hören und sich darin verlieren. Das nur zum Kontext. Also weiter.
„Sag mal Scham, wo du gerade da bist – wo geht’s nochmal zum Sterben? Rechts oder links?“
„Also erstmal: ich bin nicht dein persönlicher Fahrspurassistent, weißt du. Aber soweit ich weiß kommt links eine Einbahnstraße und rechts ist eine Sackgasse. Wenn du Schluss machen willst, musst du umkehren!“
„Und geradeaus?“
„Keine Ahnung, da war ich noch nie. Da ist meine Grenze…VORSICHT! KANTSTEIN!“
Ich stolpere zwar und falle, bremse aber den folgenden Aufprall geschickt mit meinem Gesicht. Die Scham macht jetzt einen sehr aufgeblähten Eindruck.
„Kannst du nicht besser aufpassen? Sieh nur, was du aus mir machst! Würdest du jetzt bitte aufstehen? Das ist ja entwürdigend!“
„Ist ja schon gut. Ich habe mir das schließlich nicht ausgesucht. Ich will nur dass es endlich vorbei ist!“
„Ja. Ich auch!“
Üblicherweise bleibe ich meistens noch eine ganze Weile cool sitzen, so als wäre es das Selbstverständlichste der Welt für mich, bei Dauerregen einfach mal eine kleine Verschnaufpause auf nassem Asphalt einzulegen. Aber diesmal drängt die Scham zur Eile.
„Loslos, aufauf! Beweg diese marode Last von einem Körper, mach schon! Alle starren bereits!“
„Ja dann lass sie doch starren! Endlich bekomme ich mal Beachtung.“
„Das nennt sich VERachtung, Erbsenkopf! Und jetzt steh bitte auf. Bitte!“
„Meinetwegen. Bevor du platzt und hier alles einsaust…“ Ich erhebe mich langsam und klopfe mir den imaginären Staub vom Körper.
„Danke, jetzt geht es mir schon besser. Sieh mal, wir sind schon fast zuhause. Ich glaub jetzt kann ich mich etwas ausruhen.“
Die Scham hat recht. Nur noch ein paar Meter. Fast geschafft.
„Sag mal Scham, willst du nicht vielleicht noch mit raufkommen, auf einen Kaffee oder so?“ Ich schaue nach unten.
Die Einsamkeit grinst mich an: „Hey, willkommen zurück, Fuckface!“