Und während ich noch spreche, hat sich mein Kopf davon gemacht

Die Geräusche der Nacht. Der klatschende Regen. Der Streit meiner Nachbarn. Die vorbeifahrenden Fahrzeuge, die das Wasser der Pfützen dröhnend durchpflügen und in alle Richtungen explosionsartig verspritzen lassen. Das Schlagen der Plane an das Gerüst des ehemaligen C&A-Gebäudes auf der anderen Straßenseite.

Wenn ich gerade nicht darüber nachdenke, wie übel es für mich aussieht und in meinen Gedanken eifrig Pläne schmiede, dann schalte ich in seltenen Momenten der Erholung zwischen diesen einzelnen Klangkulissen hin und her. Es ist wie das Einstellen einer bestimmten Frequenz, bis ich den richtigen Sender gefunden habe und für einen Moment das Gekreische und Zerfleischen in meinem Kopf umgehen kann, um es gegen die ganz banalen Alltagsgeräusche meines unmittelbaren Umfeldes einzutauschen. Das ist dann wie Urlaub. Eher so Urlaub im Kleingartenverein übers Wochenende, aber immerhin.

In letzter Zeit liege ich lange wach, länger als es in den vergangenen beiden Jahren jemals vorher der Fall gewesen wäre. Es ist die Rückkehr der Insomnie, gefolgt von heftigen Erinnerungslücken die Dinge betreffend, mit denen sich mein Gehirn zwar befasst hat, die mich aber nicht weiter zu interessieren scheinen. Ich möchte gerne glauben, dass das der Zuspitzung meiner „Krise“ geschuldet ist und bald alles ausgestanden sein wird. Aber irgendwie denke ich, dass da noch was kommt auf der Skala der Zerrüttung.

Es ist nicht so dass ich nicht schlafen wollte, dass ich mich absichtlich dem Prozess der imaginären Zersetzung hingeben würde, das Gedankenkarussel der Miserabilität hat sich sozusagen verselbständigt und kann schon durch eine völlig belanglose Eingebung oder Erinnerung in Gang gesetzt werden. Meistens ist es aber einfach nur das Ausbleiben jeglichen Interesses an meiner Person. Wenn ich schlafe, kann ich nur träumen, zwar auch eine Form des (unbewussten) Denkens, jedoch bin ich durchaus bereit dieses Risiko einzugehen, wahrscheinlich weil ich es muss, also ich meine das Schlafen. Obwohl müssen muss ich natürlich nicht. Wenn es gut läuft (oder auch nicht, im Nachhinein betrachtet) fantasiere ich vom Berühren und berührt werden.

Letztens habe ich in einem Anfall bewusster Selbstkasteiung versucht, mich zumindest halb zu Tode zu hungern. Ich wollte meinen Auflösungsprozess quasi visualisieren. Zumindest war das die Idee. 3 Tage habe ich durchgehalten und dann schließlich dem Drang der Nahrungsaufnahme nachgegeben. Nicht mal das bekomme ich hin.

Es muss alles noch viel schlimmer kommen befürchte ich, sonst komme ich nie ans Ziel. Die Verzweiflung muss mich vollends einnehmen, mich auffressen, dabei scheint es jetzt schon unerträglich zu sein. Ist mein (unbewusster) Wille zu überleben tatsächlich so mächtig oder bin ich einfach nur zu schwach für die Durchführung lebensbeendender Maßnahmen? Der geneigte Leser dieser Kolumne des Zerfalls mag selbst entscheiden.

Ich glaube, ich brauche jetzt etwas Ablenkung in Form hitziger, mitunter in Geschrei ausartender Debatten umwasauchimmeresdabeigehenmag meiner türkischen Hausgenossen hinter der Papierwand meines Schlafzimmers. Der nicht existente Gott hab euch selig, liebe Nachbarn.