Epilog

1: Möchte vielleicht jemand etwas sagen? Niemand? Also gut, dann fange ich mal an. A. war mein Freund. Er konnte ein guter Freund sein. Wenn er gut drauf war. Er konnte sehr selbstbewusst, aber auch sehr scheu sein. Er war ziemlich ambivalent. Ich glaube, er brauchte viel Bestätigung, davon hing letztendlich alles ab. Aber er hatte sich so sehr verändert, ich habe ihn zuletzt nicht mehr wiedererkannt.

2: War denn das, was er zuletzt dargestellt hat, oder wie er sich verhalten hat, überhaupt noch er selbst?

3: Was heißt das schon? Man ist immer man selbst, oder? Ich glaube einfach, dass das der Kern seiner Persönlichkeit war, der erst ganz am Ende schließlich freigelegt wurde. Das Fundament. So hat er sich wohl im tiefsten Inneren seiner selbst schon lange gefühlt. Oder vielleicht sogar seit jeher. Die ganze Unsicherheit und Unzufriedenheit hat sein kleines Boot gekapert und letztendlich das Ruder übernommen.

2: Er war aber vorher auch schon mitunter schwierig oder sperrig und schwer durchschaubar.

3: Findest du? Das finde ich gar nicht. Vielleicht weil das nichts Ungewöhnliches war, sondern irgendwie zu ihm passte. Das war ja nichts Neues. So ist doch jeder mal.

4: Er war manchmal nachdenklicher und zurückgezogener, in sich gekehrter als gewöhnlich und schien auch eine Menge Wut in sich zu tragen. Die Anzeichen waren da.

1: Wut? Ja, vielleicht eher so Zorn.

2: Wut, Zorn, wo ist da der Unterschied? Es kommt aufs selbe raus. Im übrigen: Zorn ist doch ein Scheißwort!

3: Ich mag das Wort. Es klingt wuchtiger als Wut und umschreibt damit besser wie er über sich selbst gedacht hat. Dieser Zorn richtete sich aber eigentlich nie gegen andere. Er hat immer nur sich selbst dafür verantwortlich gemacht.

4: Also ich habe ihn geliebt.

1: Ja natürlich. Das wissen wir. Aber warum? Ich meine das nicht abwertend, ich meine nur, er würde wohl gerne wissen warum, wenn er jetzt hier sein könnte.

4: Aber das wusste er ja. Ich habe es ihm ja unzählige Male versichert. Aber er wollte es zuletzt nicht mehr annehmen. Jedenfalls nicht von mir. Was er für mich war, wollte er wohl für alle sein. Ich glaube er war zu sensibel für diese Welt und seine dunkle Seite hat sich das zu Nutzen gemacht. Er war warmherzig, unnachgiebig, stark und schwach, er war kreativ und dann wieder antriebslos, er war unglaublich stur, hatte seine eigenen verqueren Ansichten und seinen Stil und Geschmack habe ich sehr gemocht. Er war anders. Und er konnte das Interesse durchaus auf sich ziehen, aber vielleicht war ihm das nie genug oder er hat es einfach nicht gesehen.

5: Er war entsetzlich dünn! Uups…tschuldigung!

1: Ich glaube, wir alle hier haben dich noch nie zuvor gesehen, nur von dir gehört. Er hat viel über dich gesprochen, bevor er schließlich zu schweigen begonnen hatte. Jetzt hast du endlich auch ein Gesicht bekommen. Und warum bist du heute hier?

5: Keine Ahnung. Ich möchte eigentlich auch gar nicht hier sein. Aber so hat er sich das wohl vorgestellt.

6: Natürlich, er war schon dünn, darunter hat er ja auch sehr gelitten. Das wurde ihm zum Verhängnis.

5: Glaub‘ ich nicht. Was ihn ins Verderben gestürzt hat, war die Tatsache, das er angenommen hat, er wäre gescheitert und zwar aufgrund mangelnder Anziehungskraft. Diese Dinge haben ihn wohl getrieben. Er war ein Getriebener und ein Verlorener. Letztendlich war ich froh, als alles vorbei war und ich endlich von dort weggehen konnte, so hart das auch klingen mag.

6: Naja, wie auch immer, irgendeinen Grund muss es ja aber dafür gegeben haben, dass er so empfand für dich und du wiederum nicht für ihn.

5: Man empfindet etwas oder eben nicht. Oder zumindest nicht dasselbe, denn irgendein Gefühl ist natürlich immer da, davon werden wir schließlich geleitet. Da gab es halt viele Faktoren. Er war verheiratet. Er hat mich nicht gereizt, mich nicht angeregt, ich habe mich auch sexuell nicht ausreichend motiviert gefühlt. Das ist es wahrscheinlich. Aber ich denke, er hat das schon verstanden. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

1: Okay. Noch irgendjemand?

7: Wer bekommt jetzt eigentlich den großen Tisch aus seinem Wohnzimmer?

1: Jetzt. Nicht. Dein. Ernst.

7: Hey, nur Spaß!

8: A. war auch mein Freund. Länger als für alle anderen hier. Ich habe eine Menge mit ihm zusammen erlebt und durchgemacht. Ich kannte auch seine Dämonen. Er konnte verdammt lustig und komisch sein. Ich mochte seinen Humor. Er nahm vieles sehr ernst, hat sich aber nie selbst zu ernst genommen. Diesen Zug mochte ich sehr an ihm. Ich werde ihn vermissen.

1: Ich glaube insgesamt hätte ihm wohl gefallen, was er heute hier so über sich gehört hätte. Wollen wir noch was Trinken gehen, noch einmal auf ihn anstoßen?

5: Ich kann nicht. Ich muss jetzt leider los. Hat mich aber gefreut.

Ja, mich auch.