In meiner Vorstellung führen wir noch ein letztes Gespräch und nichts bleibt ungeklärt. Ich habe so viele Fragen. Und obwohl dieser Gedanke einer utopischen Perspektive entwachsen ist, halte ich daran fest. Denn eines habe ich gelernt: ich kann alles denken, was ich will. Ich werde nichts verdrängen, ausblenden oder vergessen. Das gehört zum Plan.
Über zwei Jahre lang wurde mein Verstand jetzt damit konfrontiert, malträtiert, drangsaliert und zunehmend seiner selbst beraubt und ich habe manchmal heftig, manchmal weniger stark dagegen anzukämpfen versucht. Ein ewig waches, niemals müde werdendes, zerficktes Gehirn, irreparabel. So ermattend, dass ich suizidale Tendenzen entwickelt habe, aber bislang nicht ausreichend genug, um in den letzten, friedlichen Schlaf der Erlösung sinken zu können. Mein Kopf ist eine riesige Piñata voller Sehnsüchte, die das Leben voller Verachtung für mich zu Brei schlägt, darauf herumtrampelt und den Rest anzündet, bis nur noch ein Haufen Asche übrig bleibt. Ich könnte die Asche fressen, aber soweit bin ich heute noch nicht.
Dass du dich mir gegenüber nicht mehr äußern möchtest, kann ich ja verstehen. Vielleicht lag es an meiner vehement aufrecht erhaltenen Wahrnehmungsstörung, dass ich geglaubt haben könnte, du würdest diese Sache aus dem Weg räumen können oder sogar wollen, weil du verstanden hast, wie wichtig die Klärung für mich gewesen wäre. Aber weißt du was? Ganz im Vertrauen – ich habe mir da wohl einen zu großen Stellenwert bei dir eingeräumt. Der Größenwahn des kleinen Mannes, oder so, irgendwas in der Art. Ich habe mir fest vorgenommen niemals solche Phrasen wie es ist so wie es ist oder na gut, damit muss man halt leben zu verwenden. Und das werde ich auch jetzt nicht. Ich kann dich verstehen, ich kann auch nichts dagegen tun, aber akzeptieren werde ich es nicht. Das kann ich nicht. Denn nichts ist gut so wie es ist und ich muss auch nicht damit leben.
Würde ich erst die Wahrheit kennen, hieße das, ich liefe Gefahr mir etwas anzutun? Wen kümmert das schon? Und du bist sicherlich nicht der Grund für meine dunklen Absichten. Du bist ein Puzzleteil des großen Ganzen. Ich komme so oder so an diesen einen traurigen Punkt, an dem es kein zurück mehr geben wird, mit oder ohne Aussprache zwischen mir und dir. Du hast mich verändert, obwohl du das wahrscheinlich gar nicht wolltest, aber so ist es eben gekommen. Durch dich habe ich endlich den Mut fassen können, die Passage oder den Zugang zu meinem Verstand zu durchschreiten und in den letzten beiden Jahren so viel über mich zu lernen, wie in den gesamten 25 oder mehr Jahren davor nicht. Wahrscheinlich habe ich das aus Angst nie getan. Es waren schreckliche Erkenntnisse und furchtbare Erfahrungen, die über mich hereinbrachen und niemand, wirklich niemand sollte so eine Hirnfolter durchmachen müssen, aber ich bin für jede einzelne Erkenntnis dankbar.
Wie sehr ich dich darum beneide, dass du ein Mensch bist, dem man sich zuwendet, der Aufsehen erregt, der begehrt wird, dessen Nähe man unentwegt sucht, der Begierde und Lust entfacht, Verlangen entstehen lässt und das immer und immer wieder, ohne jemals dafür kämpfen zu müssen. Es ist einfach alles da und liegt ausgebreitet vor dir. Kann das auch zum Fluch werden, wenn man so begehrenswert ist, dass man sich manchmal solch lästiger Subjekte, wie ich eines bin, erwehren muss? Scheiß drauf, wenn dass das Schlimmste ist, was passieren kann, dann sage ich: her mit dem Fluch, ich nehme auch so einen, ach was, ich nehm gleich zwei! Ich denke, da sind wir uns einig? Du müsstest, zumindest in dieser Hinsicht, ein glücklicher Mensch sein.
Ich habe gehofft, du würdest deiner aufrechten, liberalen Gesinnung nachkommen, als bislang einziger Mensch in Vorreiterstellung gehen und den Mut besitzen, mir die Wahrheit zu bestätigen, sodass ich meinem Ziel endlich ein Stück näher kommen kann und hier nicht noch eine Million Jahre lang immer denselben Kram schreiben muss, der mich so sehr quält und einfach viel zu langsam sterben lässt.
Wissen bedeutet frei sein zu können und Freiheit hat viele verschiedene Facetten. Auch ein vermeintlicher Akt der Grausamkeit an sich selbst kann zur Freiheit oder Läuterung führen. Das ist die einzige Sache, die ich selbst beeinflussen kann.
Es tut mir leid. Offensichtlich hast du die Gedanken an mich und alles was mit meiner Entität zusammenhängt soweit von dir geschoben, dass du nicht bereit bist, mir dieses Zugeständnis zu machen. Es könnte natürlich auch daran liegen, dass du gar nicht mehr liest, was ich hier so schreibe. Das ist wahrscheinlich sogar die rationalste Erklärung, die ich jedoch nicht nah genug an mich heranlassen kann, es ist auch so schon schlimm genug. Vielleicht war ich ja auch nur eine Art Experiment für dich, sowie man das Verhalten von Insekten in einem eigens dafür geschaffenen Biotop beobachtet. So frei nach dem Motto: mal sehen, wie weit er wirklich geht und nicht nur labert. Als Mensch total uninteressant aber als Versuchsobjekt super! Irgendwie hoffe ich, dass dem nicht so ist. Aber wer weiß. Ich wollte so sehr ein Mensch sein, der dich wenigstens für einen kurzen, flüchtigen Augenblick verwirren, faszinieren, reizen und motivieren kann. Aber ich bin einfach nur die Antithese von dir. Ich kann mich nicht mit dem zufrieden geben, was ich für dich und alle anderen darstelle. Wenn nur mein Kopf dem Überdruck nicht weiter standhalten und endlich platzen würde.
Da keine echte Konversation zustande kommen wird, meine Überlegungen aber weiterhin um dich und die Wahrheit kreisen werden, machen wir doch einfach ein abschließendes, transzendentes Gedankenexperiment.
Schließe deine Augen*, atme tief ein und – das ist jetzt ganz entscheidend: auch wieder aus – dreh‘ dich dreimal im Kreis (oder tanze um ein Feuer) und dann sprich die folgenden Worte einfach aus, wo immer du auch gerade sein magst: „Ja, du hast mit allem recht A.M. Alle deine Annahmen über dich selbst, mich und diese eine andere Sache sind korrekt. Und du besitzt nicht einmal ansatzweise die Anziehungskraft eines Menschen, der jemals für mich interessant sein könnte.“
Und vielleicht erreicht mich sogar deine Nachricht irgendwie, wer weiß oder ich kann mir vorstellen, dass es so wäre. Das würde mir schon genügen. Und dann kann ich endlich einschlafen.
*(könnte auch mit offenen Augen funktionieren)