Die schönsten Ellenbogen der Welt

Wenn glücklich zu sein bedeutet, dass der Selbsthass, der Selbstzweifel und der eigene Makel die einzigen noch tragenden Säulen des Verstandes darstellen und die eigenen Gedanken sich nur noch nach der unstillbaren Sehnsucht und Gier nach Anerkennung und Liebe in jeglicher Form auszurichten vermögen – dann bin ich wahrscheinlich der glücklichste Mensch der Welt.
– A.M.

Die Wahrheit tut oft weh, weil der damit in Verbindung stehende Kontext einen Konflikt erzeugt, der das Gehirn als Reaktion darauf, verschlungene, vielleicht noch nie vorher beschrittene Wege gehen lässt. Daraus resultiert Unsicherheit, die in einer Krise gipfeln kann, weil der begrenzte Verstand auf Dauer nicht damit klarzukommen weiß. In meinem Fall ist das wahrscheinlich so, denn mein Verstand will sterben.

Ja, ich habe Angst vor der Wahrheit und vor der Endgültigkeit dieser Wahrheit. Aber ich stelle mich dieser Angst, denn die Gewissheit steht über allem und soll mich endlich befreien. Ich habe den Bezug zur Realität nicht verloren, es ist im Gegenteil so, dass ich ihn endlich gefunden habe. Es ist das was ich in dieser Welt für die Menschen und auch dich darstelle oder dargestellt habe. Nämlich nichts oder zumindest nichts besonderes. Diese, eure und deine Sichtweise mag richtig sein, für mich hingegen ist sie inakzeptabel und die Erkenntnis daraus entfaltet eine grenzenlos grausame Wirkungskraft.

Ich bin also unsichtbar. Aber ich werde bis zum Ende versuchen, der bestmögliche, aufrichtigste und selbstkritischste unsichtbare Mensch zu sein, der ich nur sein kann. Das war ich nicht immer. Wer hat gesagt: Menschen können sich nicht ändern? Diese im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankerte Redensart scheint mir einfach nur ein riesengroßer Haufen unreflektierter Scheißdreck zu sein. Oder vielleicht war damit ja auch gemeint, dass der Mensch sich nicht zum Guten wandeln kann oder zumindest immer wieder in alte Verhaltensmuster zurückfällt.

Bitte seht mich nicht als kranken Spinner, der Hilfe braucht. Ich bin nur ein verzweifelter Mensch, der sich nach bedingungsloser Zuneigung in welcher Form auch immer sehnt und das umso mehr und in zunehmendem Maße, desto länger der Zeitraum sich ausdehnt, indem mir absolut nichts davon zuteil wird. Aber für die Lösung dieses Problems müsste ich ein anderer Mensch sein oder ihr müsstet mich mit anderen Augen sehen oder überhaupt wahrnehmen können, aber keines von beidem wird jemals möglich sein. Was ist es, das die Anderen so begehrenswert macht, dass ihr euch nach ihnen sehnt. Was ist es, dass euch in innere Aufruhr versetzt, was euch beflügelt, mitreißt und Lust und spontanes Verlangen auszulösen imstande ist? Oder andersherum: was fehlt mir bloß? Woran scheitert es? Was macht mich so entbehrlich? Sind es die Füße? Oder die Fingerkuppen? Vielleicht die Ellenbogen oder doch die Kniescheiben? Oder die Knöpfe meines Anoraks? Wer weiß.

Merkwürdige Randnotiz: wann immer dieses Thema von mir angesprochen wurde, hat eigentlich nie auch nur irgendjemand jemals zu mir gesagt: du irrst dich! Du bist ein attraktiver, anziehender Mensch und ich könnte mir schon vorstellen, Zeit mit dir zu verbringen, weil ich gerne mehr über dich erfahren würde. Oder: ich kenne durchaus einige Menschen, die dich attraktiv finden oder finden könnten! Meistens heißt es nur: oh je, mach mal lieber eine Therapie! Und wenn ich diese tolle, erstrebenswerte Therapie, von der ihr immer sprecht, erfolgreich abgeschlossen haben sollte, seht ihr mich dann mit anderen Augen und findet mich dann urplötzlich begehrenswert und attraktiv? Wohl kaum. Aber eine Therapie machst du doch für dich! Ach so. Damit ich mich selber gut finden kann, aber alle anderen sich nach wie vor zu den Menschen mit den wunderschönen Ellenbogen hingezogen fühlen, oder wie? DAS IST KEINE FÜR MICH ERSTREBENSWERTE LÖSUNG, weil das hieße meine Träume und Sehnsüchte aufzugeben und mich eurem Urteil zu ergeben und unterzuordnen, was ich nienanunaniemals tun werde.

2,5 Jahre. Ich will nicht mehr länger auf irgendwelche Erklärungen warten. Ich kann das auch nicht mehr. Ich habe jetzt alles versucht um euch und dich dazu zu bewegen, mir Antworten zu liefern. Aber ihr seid einfach nicht bereit, mir dieses Zugeständnis aus einfacher, reiner Selbstlosigkeit heraus zu machen. Und indem ihr das tut, verhaltet ihr euch doch selbst genauso egoistisch, wie du es mir im September 2016 einmal in einem Brief vorgehalten hast.

Oh Gott, wie sehr ich mir wünsche, die schönsten und begehrenswertesten Ellenbogen zu besitzen, um endlich eure oder deine Aufmerksamkeit zu erlangen!