Das folgende Gespräch hat nie stattgefunden. Es entspringt nur meiner Vorstellung. Aber so könnte es ablaufen. Seit über 2 Jahren denke ich nahezu jeden Tag daran und beschäftige mich intensivst damit. In diesem Zeitraum und mit dieser Hingabe, hätte man wohl gut und gerne 6 neue Sprachen (darunter Mandarin und Kantonesisch) fließend sprechen und schreiben, sowie 4 nur sehr schwer zugängliche Instrumente perfekt zu beherrschen lernen können. Jetzt haben meine Gedanken endlich auch ein Kleid aus Worten bekommen. Doch die Gewissheit bleibt weiterhin im Verborgenen und so wird mich dieser Vorfall und wichtiger noch – dessen Bedeutung – bis zum Ende begleiten.
Du: Ich bin’s.
Ich: Ja, du bist es wirklich. Deine Stimme habe ich noch im Kopf.
Du: Das klingt irgendwie bescheuert.
Ich: Dann streiche ich das. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, ich warte schon so lange auf Erlösung. Ach nee, das is ja das völlig falsche Unwort, so kann man dir ja nich kommen.
Du: Er hat etwas gelernt! Unglaublich.
Ich: Schade, dass du nicht in meinen Kopf schauen kannst. Fühlst du dich unbehaglich?
Du: Ein wenig. Ich weiß nicht.
Ich: Ich habe eine Scheißangst davor, was die Wahrheit oder die Gewissheit mit mir machen wird. Aber Angst braucht Verbündete. Und ich will die Angst endlich hinter mir lassen.
Du: Was redest du denn da bloß? Will der Kleine, dass man sich um ihn sorgt? Bitte, stell einfach deine Fragen, denn ich möchte dich so schnell wie möglich wieder aus meinem Kopf haben.
Ich: Ich will nur, dass du keine Vorbehalte hast. Wie alles endet oder weitergeht, liegt ja nicht in deiner Hand. Ich bin frei, alles mit mir selbst tun zu dürfen, solange ich niemand anderes Freiheit damit einschränke, außer meiner eigenen.
Du: André, der ganze Quatsch interessiert mich nicht mehr. Ich dachte, es wäre längst alles vorbei. Es ist schon so lange her. Und du bist nicht frei. Du unterwirfst dich deinem dir selbst geschaffenen Determinismus und denkst du hättest keine andere Wahl.
Ich: Natürlich habe ich eine Wahl. Aber dann würde ich mich den von euch geschaffenen Konventionen unterwerfen und mich mit meinem Dasein abfinden. Und so wie es sich mir darstellt, kann ich diese Wahl nicht treffen. Ich kann mich dem nicht beugen.
Du: Ach André, du hast dich doch schon längst unterworfen. Du siehst es nur nicht. Was willst du also wissen?
Ich: Erst einmal kommt es darauf an, dass du wirklich absolut aufrichtig bist. Ich weiß nur nicht, woran ich das erkennen werde.
Du: Das wirst du schon erkennen, glaub mir.
Ich: Vielleicht gibt es zwei Wahrheiten, deine und meine, und ich akzeptiere nur meine Sicht der Dinge, die schlimme Seite. Das ist hübsch kompliziert.
Du: Vielleicht decken sich unsere Wahrheiten ja auch miteinander.
Ich: Dann hätten wir so etwas wie eine Gemeinsamkeit.
Du: Übertreib es nicht. Wir haben nichts gemein.
Ich: War es wirklich so wie ich vermute, an diesem Nachmittag mit Dings vor 2 Jahren? Was habt ihr gemacht?
Du: Wir haben uns halt getroffen, nach der Arbeit. Was geraucht. Gequatscht. Es tut mir leid, dass du das mitbekommen hast. Wir dachten, es würde keiner merken, wenn wir das Gelände getrennt verlassen.
Ich: Ich habe den Blick in euren Augen gesehen. Und kurz nachdem du gegangen bist, hat er sich ein Firmenauto geschnappt und ist ebenfalls los. Er hatte es ziemlich eilig. Es war ziemlich offensichtlich. Fuck, ihr habt ja nicht einmal versucht es zu verbergen. Weißt du eigentlich wie sehr ich mir gewünscht habe, auch mit dir abzuhängen? Und was habt ihr dann gemacht?
Du: Willst du wissen, ob wir gevögelt haben?
Ich: Nein, natürlich nicht. Ich will nur wissen, wie das Wetter an dem Tag war. Und ob die Amseln und Spatzen ein fröhliches Lied gesungen haben.
Du: Aha. Gut, machen wir es so. Also das Wetter schien ganz ok zu sein. Der Ausblick und die Vorhersage sahen sehr verheißungsvoll und verlockend aus. Auf jeden Fall war es unglaublich stürmisch mit wirklich wahnsinnig heftigen Schauern und es war wunderschön für diesen einen Augenblick. Die Brandung war einfach herrlich und die Wellen schlugen sehr hoch und hart an die Felsen. Und ob da irgendwelche Vögel gesungen haben, habe ich dann schon nicht mehr mitbekommen, weißt?
Ich: Ich glaube, ich hab’s soweit verstanden. Und warum er?
Du: Weil er sehr anziehend auf mich gewirkt hat. Und weil wir es beide wollten in dem Moment. Das ist schon alles. Du machst da ein Riesengewese draus.
Ich: Und ich war niemals so anziehend?
Du: Oh Mann! War ja klar, dass das jetzt kommen musste! Also schön, du willst das wirklich wissen, oder?
Ich: Ich glaube schon, es ist an der Zeit, ja.
Du: Na gut. Nein André, das warst du nicht. Ich meine, es war nett sich mit dir zu unterhalten und so, aber mehr war da nie. Außerdem bist du praktisch über Nacht durchgedreht.
Ich: Ich weiß. Aber was fehlt mir? Denn selbst wenn ich nicht verrückt geworden wäre, hättest du niemals mit mir Zeit verbringen, geschweige denn vögeln wollen. Und deshalb verstehe ich auch bis heute nicht, warum du nach Monaten des Schweigens zwischen uns beiden damals wieder auf mich zugekommen bist und mir noch einmal geschrieben hast. Etwa aus Mitleid? Ich brauche kein Mitleid.
Du: Aus meiner Sicht war da einfach nichts. Ich habe nichts gespürt. Nichts, was mich angezogen hätte. Du hast mich nicht stimuliert. In keinster Weise. Du stehst halt auf der anderen Seite, auf der Seite der Menschen, denen ich nichts abgewinnen kann. Ich habe dir mehrere Chancen gegeben, mir das Gegenteil zu beweisen, aber dazu warst du absolut nicht imstande.
Ich: Er aber schon? Er steht auf der richtigen Seite, nicht wahr? Er war auf Augenhöhe mit dir. Zumindest auf körperlicher Ebene.
Du: Du meine Güte, es ist doch bloß Sex!
Ich: Dann verstehst du aber auch gar nichts! Aber das glaube ich eher nicht, denn du bist ja nicht blöd, sondern sehr intelligent. Es ist dir einfach nur vollkommen egal. Die ganze Sache sagt doch etwas über mich aus! Darum geht es doch bei dem ganzen Scheißdreck, den ich hier seit Ewigkeiten schreiben muss, es geht um die Tatsache, dass ich immer auf der anderen Seite stehen werde und dass ich verstehen will warum das so ist, um endlich mit dem Denken aufhören und gehen zu können. Ich will nur noch, dass der Terror in meinem Kopf endlich vorbei ist. Und deshalb brauche ich Antworten.
Du: Das habe ich doch gerade eben versucht dir zu erklären! Und ich lebe mein Leben wie ich es für richtig halte. Außerdem mein Lieber, hattest du die Chance mich zu fragen an meinem letzten Tag. Ich bin mehrfach auf dich zugekommen, aber du wolltest nicht reden. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.
Ich: Ja, das war ein Fehler, der mich bis heute verfolgt. Aber wenn du so ein freier Geist bist, wie du sagst und niemandem Rechenschaft ablegen musst, wieso dann damals diese Heimlichtuerei mit ihm und dir?
Du: Vielleicht um dich nicht zu verletzen. Muss ja auch nicht gleich jeder wissen.
Ich: Das impliziert doch aber eine Art von Schuldgefühl! Und ich bin doch verdammt nochmal nicht JEDER oder IRGENDJEMAND! Ich habe um deine Zuneigung gekämpft und der Typ kommt einfach so daher, ist einfach nur anwesend, quatscht ein wenig mit dir und das reicht dir schon aus!
Du: Meine Zurückhaltung dir gegenüber würde ich eher empathische Rücksichtnahme nennen. Was hätte ich denn sagen sollen? „Ach übrigens André, Dings und ich werden wohl irgendwann miteinander vögeln, weil sich dass wohl nicht mehr verhindern lässt? Aber ich hoffe, es geht dir bald wieder besser?“ Sowas in der Art? Es hatte nichts mit dir zu tun und ging dich nichts an!
Ich: Das ist doch Bullshit! Natürlich hatte es etwas mit mir zu tun, ich wollte etwas mit dir unternehmen, mit dir Zeit verbringen und saß nur einige Zimmer weiter, während ihr eure kleinen Pläne geschmiedet habt. Und wenn du auch nur für einen kurzen Moment bei deinen Überlegungen, wie du am besten dabei vorgehen sollst, an mich gedacht hast, dann betrifft es mich durchaus.
Du: Du warst so obsessiv und eingenommen von dieser ganzen Liebeskiste, das alles wurde mir zuviel und ich wollte nicht weiter von dir bedrängt werden. Es war unerträglich.
Ich: Das stimmt zwar und das verstehe ich auch, nur ergibt es als Begründung keinen Sinn. Dieses Risiko warst du ja schließlich auch bereit mit ihm einzugehen. Er hätte sich doch auch in dich verlieben können. Aber du bist es eingegangen, weil es dich gereizt hat. Weil er dich angeregt und motiviert hat. Oder du ihn. Und dieses Gefühl war ungleich stärker als irgendwelche Bedenken, dich auf ihn einzulassen. Ich möchte es nur einmal von dir persönlich hören: was hat den wahren Unterschied ausgemacht? Ich möchte es verstehen.
Du: Also erstmal: hast du dich eigentlich schon einmal selbst betrachtet? Ich meine wirklich!
Ich: Ja natürlich, das mache ich praktisch ständig. Es ist wie ein Zwang, sich dieses Grauen in seiner vollen Pracht immer und immer wieder anschauen zu müssen.
Du: Dann weißt du es ja. Du bist sooo dünn, dein Gesicht trägt völlig belanglose Züge, an dir gibt es praktisch nichts Anziehendes, was jemanden dazu verleiten könnte, dich länger betrachten zu wollen! Und es ist ja nicht alleine deine Äußerlichkeit. Du bist so gewöhnlich und langweilig, an so etwas wie dich habe ich keine Zeit zu verschwenden, wenn die Welt da draußen so viele aufregende Menschenleben zu bieten hat. Und Dings sieht ganz okay aus und besitzt auch noch andere Qualitäten. Mit ihm kann man zwanglosen Spaß haben. So ist das nun mal.
Ich: Mach ruhig weiter. Hör nur nicht auf.
Du: Das ist der Unterschied zwischen einem Menschen wie dir und ihm. Er kann ein Gefühl vermitteln, das Verlangen auslöst, das ermutigt, anregt und Begierde auslöst. Bis es soweit kommt, dass man sich darauf einlässt, weil man irgendwie weiß, dass viel Spaß und Befriedigung dabei herumkommen werden. Weil er weiß was er tut und ich genauso. Dieses Gefühl bist du nicht imstande auszulösen. Das ist es was dir fehlt. Das ist die Quintessenz. Ich habe einige aufregende Frauen und Männer kennengelernt, die wenigstens eine Geschichte zu erzählen hatten, die irgendeine außergewöhnliche Eigenschaft, Fähigkeit oder Ausstrahlung besaßen, die diese Menschen für Andere so anziehend macht. Es ist das, was du wahrscheinlich auch in mir gesehen hast. Aber ich nicht in dir. Menschen wie ihm und mir bieten sich so viele Optionen und Möglichkeiten. Wir nehmen uns diese Freiheit, weil wir es können. Einige müssen dabei wahrscheinlich auf der Strecke bleiben und dann entweder weitermachen oder so wie du – verenden. Aber es ist nicht unsere Schuld.
Ich: Es tut mir leid, aber das ist einfach nur eine skrupellose, egoistische und zynische Sichtweise. Aber jedes deiner Worte scheint wahr zu sein. Eine Wahrheit, auf die ich schon so lange gewartet habe und die jetzt endlich einmal ausgesprochen wurde. Eine Wahrheit, die plausibel und schlüssig klingt und deshalb glaubwürdig zu sein scheint.
Du: Weil es die Wahrheit ist.
Ich: Seht ihr euch noch ab und zu?
Du: Das geht dich nun wirklich nichts mehr an. Aber ja…schon…
Ich: Für ihn und dich war es also so einfach. Er wollte das von Anfang an, er hat es mir erzählt, kurz nachdem er dich das erste mal gesehen hatte, natürlich wusste er nicht, was ich für dich empfunden habe. Damals war mir schon klar, dass es auch wirklich passieren würde und ich konnte einfach nur zuschauen, wie meine Befürchtungen langsam nach und nach Gestalt annahmen. Er war nur ein weiterer Mensch, der dich begehrenswert gefunden hat, was dich sicherlich gefreut und angeregt haben dürfte, schließlich war er nicht so ein Lappen wie ich. Ich war nur sowas wie ein Pausenclown, nicht wahr?
Du: Es tut mir leid. André, was soll ich noch sagen?
Ich: Ich weiß es nicht. Irgendetwas Schönes, nur für mich Bestimmtes.
Du: Das kann ich leider nicht. War’s das denn jetzt?
Ich: Weißt du, wenigstens für einen Tag und eine Nacht nur hätte ich dich vielleicht nicht so glücklich machen können wie manch anderer – aber auch nicht unglücklicher.
Du: Mach’s gut!
In einer kurzen Traumsequenz, die wahrscheinlich nicht länger als 5 Sekunden andauerte, hast du dich über mich gebeugt, meine rechte Schulter berührt, mich angeblickt und gesagt: „Lass uns was Trinken und Spaß haben, denn uns bleibt wahrscheinlich nicht ewig Zeit.“ Ich konnte fast deinen Atem spüren und dein Gesicht sah genau so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Dann bin ich aufgewacht.
Ich möchte irgendwas für dich sein.
Aber am Ende bin ich nur ich selbst.