Im Dornenbett

Dieses bedauernswerte Geschöpf von einem Menschen, ein Vehikel nur aus Fleisch und Blut, der Träger eines Korsetts kläglicher Versuche der Natur, etwas, wenigstens etwas aus diesem Dasein herauszuholen, steht reglos da.

Mitten im Gewühl und Gedrängel der Fußgängerzone, dort wo sich alles bewegt, sich ständig verlagert, von hinten nach vorne und umgekehrt. Sein Blick leer geradeaus gerichtet, seine Arme schlaff, der Körper ohne Spannung, als hätte ihn jegliche Kraft verlassen, als wäre der Geist aus ihm gefahren und alles Leben gewichen.

Und doch denkt er. Er denkt und denkt und denkt und weiß gar nichts anderes mehr zu tun. Es erschöpft ihn nicht, es verlangt keinerlei Anstrengung, Denken ist alles was geblieben ist, als Königsdisziplin, deren wahrer Meister er geworden ist, der Thron aller Gedächtniskünstler scheint ihm sicher. Hinaus in Schwaden, fegen sie über die Dächer hinweg, über die Felder, in andere Städte, durch sie hindurch und weiter, immer weiter, bis sich die Gedanken verlieren und neue in die Welt geschickt werden wollen.

Es sind böse Gedanken, schlimme, niederträchtige, auf sich selbst gerichtete Geschwüre und Wucherungen von zersetzender Güte und Qualität, sie brennen wie Feuer und ätzen wie Säure, sie nagen und kratzen und scheuern im Magen, in der Brust und im Kopf. Ein Pochen und Schlagen und Hämmern und Klopfen eilt durch die Venen, in rasender Geschwindigkeit, ein Kreislauf aus Angst und aus Schweiß und aus Tränen.

Wie lange hält man das aus, bis man vollständig erstarrt, alles loslässt, zerdacht und verbrannt ist und auseinander fällt? Auch oder gerade wenn man selbst alle Schuld trägt an dieser Verwesung? Dieses fragile Konstrukt ist kein Mensch mehr, nur noch der Wirt von vergifteten Stängeln und Pollen und Früchten, die er selbst pflückt und widerwillig verspeist.

Es wird dunkel, die Dämmerung naht und dann, irgendwann, wenn es nur noch Schwärze gibt und das Licht vollständig verschluckt wurde, wird er den Weg zurück nach Hause nicht mehr finden können. Er wird umher irren, sich verlaufen, sich verfangen im wurzeligen Geflecht der Erinnerungen und Träume und stolpern, mit dem Gesicht voran in die Dornen stürzen und dort liegen bleiben, bis die Krähen kommen.