Nachruf

Nach jahrelanger, geistiger Zersetzung und körperlicher Auflösung ist A.M. nun endlich von uns gegangen. Es muss eine Erlösung gewesen sein. Für uns alle, die wir ihn kannten.

Der gesamte, von ihm selbst bis zuletzt protokollierte Niedergang entbehrt natürlich auch nicht einer gewissen Tragik. Es wird klar, dass ein solches Schicksal ja theoretisch jeden Menschen ereilen kann (außer uns selbst hoffentlich). Das regt aber Nichtsdestotrotz zum Nachdenken an. Also sollten wir dankbar sein für die schönen Momente, die wir bereits hatten und die zahllosen, künftigen, zwischenmenschlichen Erfahrungen, die wir noch sammeln werden. Unsere Attraktivität verleiht uns ja Gott sei dank einen Panzer, eine Rüstung aus purer Sinnlichkeit und entfesseltem Verlangen nach unseren Seelen und unseren Körpern.

Dies alles blieb A.M. zwar verwehrt, jedoch muss man auch anmerken, dass er zumindest physisch soweit gesund war (bis auf das dämliche Hausschuhgesicht und den komplett kaputten Nachkriegskörper).

Er hätte sich doch damit zufrieden geben können, wie es alle anderen sozial Aussätzigen auch machen. Er war mit seinem Schicksal ja nicht allein auf Erden. Ich bin der Meinung, dass Menschen mit dieser Art von Defizit sich trotz ihrer in den Magensäften vor sich hin gährenden Sehnsüchte nicht so anstellen sollten. Man kann sich doch an alles gewöhnen. Oder notwendige Maßnahmen ergreifen. Stichwort: Zwangskastration!

Statt die metaphysische Zerknirschung als Lebensinhalt zu wählen, hätte er gut daran getan, auch mal ein interessantes Buch zu lesen oder lange, einsame Spaziergänge zu unternehmen. Was man halt so macht, wenn man nix zu tun hat und bereits sehr alt ist. Auch ausgedehnte Fahrradtouren oder ausgiebige Vogelbeobachtungen stehen gerne auf dem freizeitlichen Speiseplan verwaister, verrottender Menschen. A.M. war sich offensichtlich gar nicht im Klaren darüber, welches Geschenk ihm das Leben mit der Verfügbarkeit unendlich langer Mußestunden gemacht hatte. Was für eine Verschwendung. Eigentlich hätte er doch glücklich sein können, ja müssen.

Aber ach, schon so spät und ich muss mich noch fertig machen für die Verabredung nachher, man weiß ja nie, was noch so alles passieren kann, gell? Aber natürlich hoffe ich das seine geschundene Seele endlich ihre verdiente Ruhe finden kann- oder so.

Liebe Grüße,