Man müsste irgendwie längere Arme haben. Dann könnte man sich selbst umfassen und müsste nie wieder loslassen. So verrenkt man sich selbst ständig, um irgendwie in diese Welt zu passen, die einen gar nicht will. A.M.
Mein 4. Tag in der Tagesklinik geht zu Ende. Es waren einsame Tage inmitten 22 anderer Mitpatienten, ich scheine dort der einzige zu sein, der seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Ich denke, ich fühle, ich beobachte und spüre die brennende Sehnsucht mit jeder Faser meines Körpers und lebe sie auch aus. Ich kann gar nicht anders. Solange ich lebe und atme muss ich spüren, fühlen und leiden. Ich kann der Hoffnungslosigkeit auch hier, in dieser vermeintlichen Enklave der Sicherheit, nicht entgehen. Gut so. Heute habe ich meine Therapeutin im Zuge einer kleinen Studie gefragt, ob sie wisse, dass sie eine attraktive Frau sei. Sie hat „Manchmal ja, manchmal nicht“ erwidert und sich bei mir bedankt, mir aber komischerweise keinen Platz für die Nacht angeboten oder das Kompliment erwidert. Sie selbst sagte, dass sie das nicht machen wolle, weil sie sich nicht sicher sei, ob es mir helfen würde. „Probier’s doch einfach mal aus“ habe ich nur gedacht.
In meinem Verstand ziehe ich, mit einer neonfarbenen Warnweste bekleidet, einsam durch imaginäre Straßen, ich halte ein Schild hoch, auf dem steht: GEGEN DIE GLEICHGÜLTIGKEIT!!! GEGEN DIE IGNORANZ!!! GEGEN DEN WAHNSINN!!! Meine eigener persönlicher Feldzug gegen den Stumpfsinn und das Ruhigstellen von unbedeutenden und nicht mehr benötigten Menschen wie ich einer bin.
Ich öffne meinen Spind und entnehme ihm meine Tasche, stecke meinen Hefter mit Notizen, Informationen und dem Wochenplan hinein und mache mich auf den Weg. Bis morgen, ja bis morgen dann, nein, ich habe heute nichts vor, ich habe nie etwas vor, ich gehe nicht feiern, danke und viel Spaß Euch allen!
Ich gehe durch die Eingangstür (oder Ausgangstür, je nachdem), vorbei an den Bänken, der Bushaltestelle, der großen Schranke am Tor, um mich herum unzählige Menschen auf Rädern, in Autos, zu Fuß, auf Skateboards, der Unikomplex ist groß und alle Studenten und Angestellten und Patienten wollen nach Hause, zu ihren Liebsten und denen die es werden könnten und dann auf die Parties oder irgendwelche anderen Gelage, um gemeinsam zu trinken, zu reden und sich zu paaren. Ein buntes Gewusel und Treiben von wunderbaren Wesen, die sich ihrer Wirkung sicher sein können, weil sie vom Leben bevorzugt werden. Aber dafür kann niemand etwas, am wenigsten sie.
Das Wetter ist warm und trocken, die Cafés und Eisdielen sind zum Bersten gefüllt, es wird gelacht und gestöhnt und geredet und gelebt. Ich registriere das alles mit größtmöglicher Wehmut und gärender Sehnsucht. Und dann stehe ich vor meiner Haustür. Ich weiß gar nicht so genau, wie ich hierher gekommen bin, kann mich nicht an meinen Weg, meine zurückgelegte Strecke erinnern, so gedankenverloren wandere ich mittlerweile durch diese Welt voller Unklarheit und Isolation.
Ich betrete meine Wohnung, lege den Schlüssel in die Schale, öffne die Balkontür und lasse das Leben -aber es nicht mein Leben- hinein. Es ist nur ein geborgtes Dasein, ein waghalsiges Spiel auf Zeit, ein Ritt auf der Kanonenkugel, mein Tanz in den Mai auf einem eruptierenden Vulkan.
Und dann lege ich mich ins Bett, nicht weil ich müde und erschöpft bin vom Denken und Hassen, sondern weil ich einfach nicht mehr weiß, was ich noch anderes tun soll. Dann kommt der Mai und alles ist wie immer, während da draußen die Menschen sich treffen und lachen und lieben und gegenseitig hingeben.
Und ich schließe meine Augen in der Hoffnung, sie nie wieder öffnen zu müssen.